Marianische Extrapolationen – Predigt
Was erfahren wir in den Evangelien über Maria und was wollen uns darüber hinaus Feste wie das dieses Tages sagen? Darüber predigte P. Dr. Clemens Pilar COp in Schönbrunn-Vorpark am Fest Maria Himmelfahrt (15.08.2026).
Gestern habe ich im Zusammenhang mit dem heutigen Festgeheimnis die genaue Definition des Begriffs „Extrapolation“ ergoogelt: Unter Extrapolation versteht man eine mathematische und statistische Methode, bei der Werte oder Trends, die außerhalb des bisher gemessenen oder bekannten Bereichs liegen, auf Basis vorhandener Daten geschätzt werden.
– Definition: Die Fortführung einer Daten- oder Zeitreihe über den letzten bekannten Datenpunkt hinaus (vorwärts oder rückwärts).
– Grundannahme: Der bisher erkennbare Trend oder die Gesetzmäßigkeit setzt sich im unbekannten Bereich unverändert fort.
Jetzt kann man fragen, was das mit dem heutigen Fest zu tun haben soll. Nun, ganz so schwer ist die Erklärung nicht. Das Dogma der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel, das heute ja Inhalt der Feier ist, ist das bislang letzte, das offiziell von der Kirche verkündet wurde. Mit dem vorletzten hat es gemeinsam, dass auch das vorletzte mit Maria zu tun hat (es ist das Dogma der Unbefleckten Empfängnis). Keines dieser Dogmen kann sich unmittelbar auf das Zeugnis der Schrift oder der Apostel berufen. Das drückt sich auch darin aus, dass wir in den Schriftlesungen zum heutigen Tag nichts von der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel gehört haben, sondern von einem anderen wichtigen Ereignis in ihrem Leben: Der Begegnung mit Elisabeth im Haus des Zacharias und dem Lobgesang Marias, dem Magnifikat, das auch politischen Sprengstoff enthält – (Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen).
Die Texte des Neuen Testamentes liefern uns generell nur wenige Aussagen über Maria, aber diese sind durchaus gehaltvoll. Wenn man diese genau analysiert und den zeitgeschichtlichen Hintergrund bedenkt, in dem Maria gelebt hat, dann kann man erahnen, dass Maria eine außergewöhnliche Frau gewesen ist, die schon als junges Mädchen über ein großes Maß an innerer Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen verfügt haben muss. Ein italienischer Priester hat gesagt, die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“ ist nicht die außergewöhnliche Schlussfolgerung für ein normales Leben, sondern die normale Schlussfolgerung für ein außergewöhnliches Leben.
Die dogmatischen Aussagen über den Anfang ihres irdischen Lebens und dessen Ende sind also in gewisser Weise Extrapolationen, die man aus dem gezogen hat, was die Evangelien konkret überliefert haben. Dieses Mädchen, das den Mut hat, über die ihr von der religiösen Umwelt klar vorgegebenen Grenzen zu schreiten, muss irgendwie immun gegenüber diesen Kräften gewesen sein, die damals wie heute so viele Menschen von Anfang an verbiegen und in Schablonen pressen. Das will das Festgeheimnis der Unbefleckten Empfängnis sagen. Ein Leben, das ganz unter dem Ruf Gottes geführt wird, also durch das Wort des Lebens geprägt ist, wird am Ende ein Ganzes sein, an dem nichts zu bereinigen ist. Dieses Leben kann als Ganzes in die Ewige Welt Gottes ein geborgen werden. Das will das heutige Festgeheimnis sagen.
Was mir aber wichtig erscheint, ist, dass dieses außergewöhnliche Leben nicht ein von der Erde abgehobenes ist, dass Maria als Frau keineswegs die blutleere „Unfrau“ war, als die sie später oft dargestellt und den realen Frauen als unerreichbares Ideal vor Augen gehalten wurde. (Bezeichnend ist eine Anekdote um den berühmten Maler Caravaggio, der für einige Kirchen in Rom Altarbilder gemalt hat, fünf davon sind heute frei zugänglich in drei römischen Kirchen zu bewundern*. Eigentlich hatte es noch ein sechstes Gemälde gegeben: Für eine Kirche in Trastevere hatte der Künstler die Entschlafung Marias gemalt. Doch das Bild wurde zurückgewiesen, weil darauf die Füße Marias zu realistisch mit Straßenstaub bedeckt, also schmutzig dargestellt wurden. So hängt es heute im Louvre und man muss Eintritt zahlen, um es sehen zu können.)
Was an Maria außergewöhnlich erscheint, sind eigentlich Qualitäten des Lebens, die von uns durchaus angestrebt werden können. Schon Pius XII hat deshalb gelehrt, dass z.B. in der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel das gefeiert wird, was einst allen Menschen zuteilwerden wird. Das Fest ist also auch eine Erinnerung an unsere Zukunft und es macht Appetit, schon jetzt immer mehr das eigene Leben zu wagen, das uns vielleicht die Gesellschaft verwehren möchte, Gott uns aber zutraut.
Dieses Fest kann uns – weil es uns das Ziel unseres Daseins unter einem wichtigen Aspekt vorstellt – tatsächlich zu einem Leitstern werden, der unserem Alltag neue Kraft und Relevanz verleiht. Es wird heute immer hervorgehoben, dass wir nicht die körperliche, sondern die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel feiern. Der Leib ist mehr als der Körper. Zum Leib gehört das ganze Leben, das wir durch unsere Beziehungen und Taten gewoben haben. Von Maria glaubt die Kirche, dass ihr ganzes Leben am Ende so war, dass es nichts zu bereinigen gab und sie deshalb als Erste von uns beispielhaft die himmlische Vollendung erfährt. Aber wir können versuchen so zu leben, dass möglichst viel von dem, was unser Leben ausmacht, auch vor der Ewigkeit Bestand hat und in den Himmel aufgenommen werden kann.
* Für Interessierte: Bei den drei Kirchen handelt es sich um San Luigi dei Francesi (mit den Bildern der Berufung des Matthäus, und Matthäus als Evangelist), um die Basilica Sant‘ Agostino (Madonna der Pilger) und um Santa Maria del Popolo (Bekehrung des Paulus und Martyrium des Petrus)

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