Aufrechter Gang in stürmischer Zeit – Predigt
P. Dr. Clemens Pilar Cop leistete in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 19. Sonntag im Jahreskreis (09.08.2026) Übersetzungshilfe zum Evangelium, das das Gehen über das Wasser zum Thema hatte. Darüber hinaus zeigte er auf, wie wir mit Vertrauen uns Bedrohungen und Ängsten stellen können.
Es war eine Sensation, als 1799 im Rahmen des napoleonischen Feldzuges in Ägypten bei Rosetta ein Stein mit einer Inschrift, die in drei verschiedenen Schriften abgefasst war, gefunden wurde. Zwei davon konnte man bis dahin nicht entziffern. Das waren die ägyptischen Hieroglyphen, deren Bedeutung man nicht mehr kannte und dann die altägyptische Schreibschrift, die auch noch nicht entschlüsselt war. Der dritte Text aber war in Altgriechisch verfasst, das man gut kannte. Am Ende dieses Textes stand, dass alle drei Texte den gleichen Inhalt aufwiesen. Nun hatte man endlich ein Werkzeug in der Hand, um diese alte ägyptische Schrift zu entziffern. Es hat zwar noch einige Jahre gedauert, bis es so weit war, aber heute können Ägyptologen diese Schrift wieder lesen.
Die Schriften, in denen die biblischen Texte verfasst wurden, sind nie in Vergessenheit geraten, weder die hebräische noch die griechische Schrift. Trotzdem sind auch diese Texte voller Bildzeichen, die man kennen und verstehen muss, um die eigentliche Aussage zu erfassen. Vergisst man diese Dimension der biblischen Sprache, kann es passieren, dass manche Geschichten für uns nur noch sonderbar und vielleicht sogar etwas bizarr klingen. Was wir heute im Evangelium gehört haben, gehört dazu. Im Falle dieses Evangeliums vom Gehen über das Wasser werden dann so manche Witze gemacht. Z.B. Jesus habe Petrus nicht verraten, wo die Steine sind, auf die er treten kann. Oder in einem Cartoon wird die genervte Gottesmutter gezeigt, die den kleinen Jesus in die Badewanne stecken möchte, aber der bleibt einfach auf dem Wasser stehen und weigert sich, unterzutauchen… Es gibt noch mehr von solchen Witzen. Dabei enthält das heutige Evangelium für uns heute eine so wichtige und ermutigende Botschaft. Wir müssen nur die Bilder, die zurzeit der Abfassung den Lesern bzw. Hörern der Texte noch gut bekannt waren, für uns übersetzen. Wir werden dann entdecken, dass wir es mit einer österlichen Botschaft zu tun haben.
Was wir heute gehört haben, spielt sich unmittelbar nach der wunderbaren Speisung der großen Menschenmenge ab. Auch dieses Ereignis ist ein Zeichen für die später eingesetzte Eucharistie, hat also auch etwas mit Ostern zu tun. Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus die Jünger wegschickt, damit sie ans andere Ufer fahren. Er aber ging allein auf „den“ Berg, um zu beten. „Der“ Berg steht für den Berg Gottes, das Hinaufsteigen Jesu für sein Hinaufgehen zum Vater nach seinem Tod und seiner Auferstehung. Die Jünger müssen jetzt alleine ans andere Ufer fahren. Sonderbar ist, dass der Evangelist nie vom „See“ spricht, sondern vom „Meer“, das die Jünger überqueren müssen. Das Meer aber steht für die Todes-Chaosmächte, denen die Menschen während ihrer ganzen Lebensüberfahrt ans andere Ufer ausgesetzt sind.
Nach Jesu Tod sind die Jünger scheinbar alleine diesen Mächten ausgesetzt, doch in der vierten, und damit letzten Nachtwache vor dem Anbruch des Morgens, kommt ihnen Jesus – über das Wasser gehend – entgegen. Diese frühe Stunde vor dem Sonnenaufgang steht für den Ostermorgen. Jesus geht über das Wasser – er schreitet über die Todesmächte, die er besiegt hat. Es ist auch ein aus dem Alten Testament bekanntes Bild für Gott, der über gewaltigen Wassern einherschreitet.
Das alles ist so weit schön und gut und für den Kundigen leicht verständlich. Nur im Matthäusevangelium findet sich nun aber auch die Episode mit Petrus, der – nach dem Überwinden des ersten Schreckens – Jesus auf dem Wasser entgegengehen will, dann aber kläglich scheitert. Auch darin spiegelt sich ein Geschehen wider, das später im selben Evangelium, im Zusammenhang mit der Passionsgeschichte geschildert wird. Der vorlaute Petrus hatte gesagt, dass er bereit ist, für Jesus zu sterben, und dass er ihn nie verlassen würde. Und kurz darauf hat ihn schon der Mut verlassen, und er hat Jesus dreimal verleugnet. Er ist also kläglich untergegangen.
Was für uns aber interessant ist, ist eine Botschaft, die uns der Evangelist hier in bildreicher Sprache sagen will: Auf die Bitte des Petrus hin hatte Jesus zu ihm gesagt. „Komm!“ Er traut es Petrus zu, dass auch er „auf dem Wasser“ gehen kann. „Auf dem Wasser“ zu gehen würde bedeuten, auch angesichts der Chaos- und Todesmächte, die uns während der Lebensüberfahrt fortwährend bedrohen, aufrecht und ohne Angst zu gehen. Erst wer die Grundangst des Lebens überwunden hat, ist wirklich frei. Solch ein Gehen wird möglich, wenn man weiß, dass man von einer anderen Kraft getragen ist, von einer Kraft, die stärker ist als der physische Tod. Die innere Wahrnehmung der fortwährenden Präsenz Gottes hilft in allen Stürmen, den inneren Frieden zu bewahren. Die Frage ist freilich, wie man zu solch einer Wahrnehmung kommt, die so stark ist, dass man nicht, wie Petrus, sofort untergeht, wenn man auf den Wind und die Wellen achtet.
Eine Antwort finde ich in den Worten der ersten Lesung. Das Hören auf das Sprechen Gottes, so wie Elija es erfahren hat. Dazu musste er erst zur Ruhe kommen, ins Schweigen gehen, bis ihn diese sanfte Stimme Gottes erreichen konnte. Wer sich aber immer wieder in dieses Hören begibt und mit dem Inneren der Seele Gottes Stimme vernimmt, weiß sich getragen von einer Kraft, die stärker ist als der Tod.

Jason auf Pixabay
Gerd Altmann | Pixabay
www.pixabay.com
Gordon Johnson | Pixabay
Tep Ro auf Pixabay
ds-grafikdesign auf Pixabay
Manfred Antranias Zimmer | Pixabay
Pfarre Hildegard Burjan | Erwin Gruber
Pfarre Hildegard Burjan | Erwin Gruber