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Hinschauen

30. März 2026/von Generalvikar Nikolaus Krasa

Dr. Nikolaus KrasaSeit dem Aschermittwoch hat Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa bei seinen Predigten in Schönbrunn-Vorpark immer wieder das Schauen, das Anschauen angesprochen am Palmsonntag (29.03.2026) lud er nochmals dazu ein, gerade auch in der Heiligen Woche immer wieder hinzuschauen, auch mit den Augen verschiedener Beteiligter, und sich dadurch bewegen zu lassen.


Angrinsen lassen, ernst schauen: Ein anderes Gesicht macht etwas mit unserem Gesicht, wie uns einer anschaut, macht etwas mit uns, wie wir jemanden anschauen, macht etwas mit ihm (und manchmal mit uns, wenn ich an den morgendlichen Blick in den Spiegel denke). Spiegeln… wie schaue ich die Welt an, was macht das mit mir, wie schaut mich die Welt? Das waren Themen, die uns durch die österliche Bußzeit bis hierher bewegt haben. 

Was hat das mit unserem heutigen Bibeltext zu tun? 

Es gibt ein kleines Wort, ganz typisch in biblischen Texten. Die alte Einheitsübersetzung hat es oft sogar ausgelassen, vermutlich weil es so altmodisch klingt. Die neue, revidierte Einheitsübersetzung, die wir seit 2017 haben, die grundsätzlich näher am Text übersetzt, übersetzt es meistens doch, auch wenn es altmodisch klingt: Das Wort heißt griechisch ἰδού, hebräisch הנה, übersetzt einfach „siehe“ – sie kennen das vermutlich aus eher altertümlich klingenden Bibelübersetzungen: „und siehe, da tat Jesus dies und das“, oder „und siehe, der Himmel öffnete sich…“ – Ich muss sagen, bis jetzt habe ich auch über diese Worte hinweggelesen, mir gedacht, das sind halt einfach Füllwörter, so wie manche, die sich beim freien Sprechen schwertun, einfach zwischendurch immer wieder „Ah“ sagen…

Bis mich Petras Spiegelaktion am Aschermittwoch inspiriert hat, selbst über das Schauen nachzudenken, über das Sich-selbst-Anschauen im Spiegel, aber auch über das, was ich widerspiegle. Wir haben das ja gerade ausprobiert: Es macht etwas mit mir, wenn mich jemand, und vor allem, wie mich jemand ansieht. Hinschauen heißt, sich durch das, was ich da sehe, bewegen, verändern lassen. 

Bis mir beim heutigen Evangelium (also eigentlich jetzt beim ersten Teil) zwei Worte aufgefallen sind. Da gibt es ja ein Bibelzitat, mit dem Matthäus den Einzug Jesu nach Jerusalem, genauer die Art, wie er einzieht, motiviert. Matthäus ist ja vermutlich Judenchrist, das heißt als Jude aufgewachsen, dann mit Jesus in Berührung gekommen, und er schreibt sein Evangelium für viele Menschen, die einen ähnlichen Background haben. Daher motiviert er das Verhalten Jesu, die Geschehnisse um ihn immer wieder durch Zitate aus seiner Bibel, eben aus dem, was wir Altes Testament nennen. Und leitet das oft so, oder so ähnlich, ein: Dies ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllt (das berühmteste dieser Zitate kennen Sie vermutlich ganz vom Anfang des Evangeliums: Dies ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllt: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und sein Name wird sein Emmanuel, das heißt Gott mit uns“. Ein Satz aus dem Beginn des Propheten Jesaja. Der heutige stammt aus dem Buch des Propheten Sacharja (9,9). Er sagt etwas über Jesus aus, dass er sanftmütig ist, und wie er kommt, eben auf einem Esel (und nicht auf einem gewaltigen Pferd eines Kriegers – das wäre die Pointe, warum Esel). Das Spannende ist aber der Beginn dieses Zitates, und das beginnt mit unserem Füllwort, und nochmals, ich glaube (nach dieser Vorgeschichte und dieser Fastenzeit), es ist kein Füllwort: „Siehe“.

 

Das ist die Aufforderung des Palmsonntags, als Grundhaltung für die kommende Woche, als Grundhaltung im Blick auf den Weg mit Jesus, den wir in dieser Woche gehen: vorgezeichnet durch die Passionsgeschichte, die wir bald hören werden, vorgezeichnet durch die – wie es liturgisch korrekt heißt – drei österlichen Tage, Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht. Wir werden das Paschamysterium mit Jesus erleben, am Ölberg, im Abendmahlssaal, am Kreuz, im Grab…und die Grundhaltung, zu der uns die Schriftstelle einlädt, ist einfach: Schau hin, im Blick auf das heutige Evangelium, mit den Augen der Leute, die am Wegrand stehen, mit den Jüngern, mit Judas, mit Petrus, mit dem Hohepriester, mit den Frauen. Schau hin, schau nicht weg…

Es gibt ein zweites Wort, das das ergänzt. Zusammenfassend sagt Matthäus am Ende des Evangelienabschnittes (und auch hier ist die revidierte Einheitsübersetzung deutlicher, näher am Text): Als er in Jerusalem einzog, da erbebte die ganze Stadt. σείω heißt das griechische Wort, das Sie kennen, wenn im Zuge von Erdbeben von Seismologie (Lehre von den Erdbeben) oder der Seismik die Rede ist. Und das kommt bei Matthäus nur noch 2-mal vor: beim Tod Jesu gibt es ein gewaltiges Erdbeben – wörtlich: Die Erde wird erschüttert. Und bei der Auferstehung Jesu passiert das mit den Soldaten, die vor dem Grab wachen, sie zittern vor Angst. Also: Wie sollen wir hinschauen, so, dass es uns erschüttert, bewegt, verändert? 

 

 

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https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/03/Einzug-Jesu-in-Jerusalem-auf-einem-Esel.jpg 1083 1600 Generalvikar Nikolaus Krasa https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png Generalvikar Nikolaus Krasa2026-03-30 17:25:542026-06-16 08:16:16Hinschauen
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