Gerettetes Leben – Predigt
Was haben die Schrifttexte dieses Sonntags mit den Kirchenpatronen der Kirche von Schönbrunn-Vorpark und der Pfarre Hildegard Burjan zu tun? Damit befasste sich P. Clemens Pilar COp in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 11. Sonntag im Kirchenjahr (14.06.2026). Und welche befreiende Botschaft können wir in Texten entdecken, die auf den ersten Blick vielleicht unverständlich oder veraltet anmuten?
Wenn ich mich für eine Sonntagspredigt vorbereite, finde ich es immer interessant, aus den drei vorgelegten Texten das verbindende Thema zu erschließen, bzw. die Wurzel in diesem Dreiklang zu entdecken. Für diese hl. Messe wurde es für mich noch spannender, da wir es nicht nur mit drei Texten zu tun haben, sondern auch mit drei Festgedanken. Zusätzlich zur Auferstehungsfeier des Sonntags wollen wir noch die beiden Patronate für diese Kirche mitbedenken, das unbefleckte Herz Mariens und die sel. Hildegard Burjan. Mir leuchtet tatsächlich ein verbindendes Thema auf, das uns durch die Texte der hl. Schrift vorgelegt wird.
Die erste Lesung hat uns eine entscheidende Etappe der Exodusgeschichte vor Augen gestellt. Israel war nach langem Ringen aus Ägypten ausgezogen und ist nun am Berg Sinai angekommen. Bald wird Mose auf den Berg steigen, um die Tora – die ein Gesetz der Freiheit sein soll – zu empfangen.
In der zweiten Lesung aus dem Brief an die Römer spricht Paulus über die Errettung der Sünder – freilich in Worten, die für uns heute nur noch schwer verständlich, ja eigentlich sogar verstörend klingen: Was bedeutet es wirklich, dass wir durch das Blut gerecht gemacht und durch den Tod des Sohnes gerettet wurden? Wir werden uns das noch übersetzen müssen.
Das Evangelium wiederum spricht von der Aussendung der Jünger. Sie werden ausgestattet mit der Vollmacht, unreine Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden im Volk zu heilen – übrigens die einzige „Vollmacht“ im eigentlichen Sinne, die den Jüngern eigentlich übertragen wurde. Das ist der fünffache Auftrag: Verkünden, heilen, Tote erwecken, Aussätzige rein machen und Dämonen austreiben. Wir werden gleich sehen, was damit gemeint ist.
Was hat das nun alles mit den Patronaten zu tun, die wir heute feiern? Das Stichwort gibt uns das „unbefleckte“ Herz Mariens. Was kann uns das heute noch sagen, wo sich dieser Titel doch noch auf die Idee einer „Erbsünde“ bezieht, die nach der Vorstellung des Augustinus mit der Zeugung im Fleisch weitergegeben wird. Papst Benedikt hat diese unbiblische Idee korrigiert und so gedeutet: Jeder Mensch wird in eine von sündigen Strukturen gezeichnete Welt hineingeboren, die ihn früher oder später auch verletzten werden. So wird die Sünde von außen übertragen. Ein deutscher Arzt und Psychiater sagt, dass im Grunde die Einflüsse, die sich verletzend auf ein Leben auswirken, schon im Mutterleib beginnen. Er sagt, kein Mensch wird „unbefleckt“ geboren. Sobald ein Mensch geboren ist, ist er vielen Wünschen und Forderungen ausgesetzt. Es ist sehr schwer, dass ein Mensch wirklich zu dem aufblühen kann, was er eigentlich sein kann und soll. Es gibt den Spruch: „Weißt du noch, wer du warst, bevor man dir gesagt hat, wer du sein sollst?“
Wenn wir Maria als die „Unbefleckte“ bezeichnen, können wir das heute auch so verstehen, dass sie von Anfang an unverbogen und authentisch war. So wie uns das in der Kindheitsgeschichte des Lukasevangeliums geschildert wird, kommt das recht originell zur Darstellung: Da wird uns zuerst vom gebildeten Priester Zacharias erzählt, der voll ist von theologischem Wissen und alle Rituale beherrscht, die er im Tempel durchzuführen hat. Aber all das Vorwissen blockiert ihn auch, und als ihm Gott durch den Engel etwas sagen will, kann er es nicht glauben und muss verstummen. Im Kontrast dazu wird uns Maria in Nazaret gezeigt, die dem Engel in erfrischender Offenheit begegnen kann. Sie hatte es insofern „leichter“ als der arme Zacharias, denn Mädchen durften damals nicht in der Tora unterrichtet werden. Sie ist in diesem Sinne also wirklich „unbefleckt“ und „jungfräulich“ und damit auch fähig, das Wort des himmlischen Boten aufzunehmen. Auch, wie sie sich dann verhält, zeigt, dass sie sich nicht um die Konventionen ihrer Zeit kümmert und tut, was man eigentlich nicht tun darf: als Mädchen alleine durch das Bergland reisen, im Haus des Zacharias nicht zuerst den Hausherren zu begrüßen, sondern die Frau…
Wir aber erleben uns selbst oft nicht in dieser inneren Freiheit, weil wir so vielen Wünschen und Erwartungen ausgesetzt sind, und das von klein auf. Von jüdischer Seite gibt es dafür ein Bild. Da heißt es: Jeder ist in Ägypten geboren. Ägypten ist das Land der Entfremdung. Dort wird man vom fremden Pharao bestimmt. Der lässt einen nicht sein, was man sein soll. Deshalb muss jeder Mensch eines Tages aus seinem Ägypten aufbrechen und den Weg ins Gelobte Land antreten, wo er – angeleitet unter der Stimme Gottes – endlich werden und sein kann, was er wirklich ist.
Davon spricht in – für uns kaum noch verständlichen Worten – auch Paulus in seinem Brief an die Römer. Gott hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren, aber: „Nachdem wir durch sein Blut gerecht gemacht wurden, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn gerettet werden.“ An diese Rede knüpfen sich so viele falsche Vorstellungen, die ein falsches Gottesbild zur Folge hatten. Verstehen können wir es nur im Zusammenhang mit der Symbolik des großen Versöhnungstags, dem Yom Kippur.
Der Mensch in der Entfremdung verfehlt das Ziel seines Daseins. Sünde bedeutet Zielverfehlung. Durch die Sünde der Menschen fließt die Lebenskraft weg, die Spannungen untereinander wachsen, der Zornespegel unter den Menschen steigt. Am Yom Kippur tut Gott alles, um das Leben der Menschen zu erneuern. Dazu wird symbolhaft Blut über dem Volk und dem Altar verspritzt. Blut galt als Sitz des Lebens. Menschen werden durch dieses Geschenk der Lebenskraft wieder aufgerichtet, gereinigt und können neu anfangen. Der Zorn, von dem hier die Rede ist, ist nicht der Zorn Gottes, sondern jener der Menschen, die sonst das Leben voneinander fordern, das ihnen durch die Sünde der anderen vermindert wurde. Gott durchbricht diese Spirale der Gewalt, indem er sich hineingibt und sein Leben und seine Liebe schenkt. So wird eine größere Gerechtigkeit geschenkt, die der Mensch mit seinen Forderungen nie erreichen könnte.
Und davon spricht dann auch das Evangelium. Das Ziel der Mission ist der gerettete und zu sich selbst befreite Mensch. Die „unreinen Geister“ oder auch „Dämonen“ sind die fremden Stimmen, die einen Menschen daran hindern, das eigene wahre Leben vor Gott zu entfalten, es sind die vielen Stimmen, die einen Menschen verbiegen und bedrücken. Diese fremden Stimmen müssen zum Verstummen gebracht werden, anstelle dessen soll die Frohe Botschaft vom Reich Gottes neue Lebenshorizonte erschließen: „Das Himmelreich ist herangekommen!“, der Raum zu atmen und zu leben.
Hildegard Burjan hat ihr Leben den Menschen gewidmet, denen dieser Raum zum Leben abgesprochen worden war, die kaum Gelegenheit hatten, die Lebensmöglichkeiten auszuschöpfen, sie hat ihr Leben den Menschen gewidmet, die viel zu lange in ihrem „Ägypten“ ausharren mussten. Es war ein Stück Arbeit am „Neuen Himmel und der Neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“
Der Blick auf das „Unbefleckte Herz Mariens“ hält uns vor Augen, was wir alle werden dürfen. Gott kommt uns dazu in Jesus Christus entgegen, er schenkt uns seine Lebenskraft, durchdringt uns förmlich, schließt uns an seinen Blutkreislauf an, sodass alle Fremdherrschaften weichen müssen und ein Leben aus der eigenen Personmitte heraus möglich wird. So gestärkt dürfen wir uns wie Hildegard Burjan hineinnehmen lassen in diesen Strom der Kraft Gottes, die unsere Welt erreichen und Menschen befreien, aufrichten und heilen kann.

Pfarre Hildegard Burjan | Erwin Gruber
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