Gottes Gerechtigkeit

Von Papst Johannes XXIII werden einige ganz unerwartete Aktionen erzĂ€hlt, mit denen er seine Umgebung verblĂŒffte.
In der Zeit, als er noch Bischof in Venedig war, erhielt er eines Tages den Hinweis, einer seiner Priester sei Alkoholiker. Darauf sagte Johannes zu seinem SekretĂ€r: âDa mĂŒssen wir hin!â
Vor dem Pfarrhaus angekommen, verwies man die beiden ins nÀchste Gasthaus, und Johannes schickte seinen SekretÀr, dass er den Priester hole.
Der SekretĂ€r kam zurĂŒck mit dem Priester, und Johannes nahm ihn mit zum Bischofspalast. Dort bot er dem Priester einen Stuhl an und sagte: âBruder, setz dich! Ich möchte nĂ€mlich bei dir beichten!â
Was geschieht hier? Der Bischof schaut nicht verĂ€chtlich von oben auf den Trinker herab – er nimmt ihn in seiner WĂŒrde ernst, die er trotz seines Lasters hat. – Und damit gibt er ihm seine WĂŒrde wieder zurĂŒck.
Genau das wird heute von Jesus erzĂ€hlt: Die Menschen strömten zu Hunderten zum Jordan, um von diesem Mann aus der WĂŒste, von Johannes, getauft zu werden; sie stiegen ins Wasser, erniedrigten sich, damit ihre SĂŒnden abgewaschen wĂŒrden.
Jesus hatte keine SĂŒnden; er hĂ€tte es nicht nötig gehabt, sich anzustellen und zu erniedrigen – aber er tut es; er solidarisiert sich mit den SĂŒndern; er begibt sich auf eine Ebene mit denen, die sich dort öffentlich als SĂŒnder bekennen.
Und genau an diesem Ort bekennt sich Gott zu ihm: Dieser Mann, der sich nicht zu gut ist, sich unter die SĂŒnder einzureihen, das ist mein geliebter Sohn! An ihm habe ich Gefallen.
Und auf diesen Jesus trifft auch das zu, was Jesaja 700 Jahre frĂŒher verkĂŒndet hatte: âDas ist mein Knecht, mein ErwĂ€hlter.â
– Er zerbricht das geknickte Rohr nicht: D.h. er hĂ€lt nicht denen, die gesĂŒndigt haben, auch noch Moralpredigten oder verheiĂt ihnen Strafen – ganz im Gegenteil: Er stellt sich auf ihre Stufe; er vergibt die SĂŒnden; er stĂŒtzt und heilt die Geknickten.
Jesus spricht selbst, dass er gekommen ist, Gerechtigkeit Gottes zu erfĂŒllen: – âGott, der gerechte Richter!â – Man könnte vor diesem Richter Angst haben – im Blick auf das, was jeder von uns im Lauf seines Lebens falsch macht; wo jeder von uns gegen das Liebesgebot Gottes verstöĂt; wo wir nur unsere PlĂ€ne im Blick haben und nicht die WĂŒnsche der Menschen um uns oder die WĂŒnsche Gottes.
– Aber Jesus sagt: Gottes Gerechtigkeit ist nicht Strafe / nicht Verderben; es geht nicht um âAuge um Auge, Zahn um Zahnâ. Gottes Gerechtigkeit ist barmherzig: Er weiĂ um die SchwĂ€chen der Menschen.
Er ist der, der bei Jesaja zu seinem Knecht sagt: âDu bist gesandt, blinde Augen zu öffnen, Gefangene zu befreien; Licht ins Dunkel zu bringen.â (Jes 42,7).
Ja, Gott geht so weit, dass er sich selbst, seinen Sohn, fĂŒr uns und fĂŒr unsere SĂŒnden opfert.
Das Fest âTaufe Jesuâ zeigt, wie Jesus seine Sendung versteht; wie Jesus seinen Auftrag, die Menschen zu retten, versteht: Nicht durch Strafe, sondern indem er sich auf eine Stufe mit uns stellt.
Und es zeigt, wer Gott fĂŒr uns ist: nicht ein strafender Gott, der sich fĂŒr unsere SĂŒnden rĂ€cht; sondern einer, der versucht, einem jeden Menschen seine WĂŒrde zurĂŒckzugeben.
Dieser Sonntag schlieĂt die Weihnachtszeit ab – und es ist konsequente WeiterfĂŒhrung dessen, was wir zu Weihnachten gefeiert haben: Gott ist sich nicht zu gut, herabzusteigen, sich auf die Ebene der Menschen zu begeben, um uns die Möglichkeit zu geben, zu ihm hinaufzusteigen.

Wenn wir sagen âDas ist mein letztes Wort!â meint das etwas ganz anderes, als wenn Gott nach dem Wort des Anfangs auch sein letztes Wort spricht. DarĂŒber predigte Dr. Christoph Benke zu Weihnachten (25.12.2025) in Schönbrunn-Vorpark.