Von Angesicht zu Angesicht: eine Pilgerreise, nicht um Steine, sondern Menschen zu treffen
Eine besondere Türkeireise zu Imam, Bischof und Rabbi
Melahat Yılmaz Dogangönül ist eine aus Ankara stammende Theologin, Soziologin und Expertin für Kinderentwicklung. Sie arbeitet bei der Türkischen Religionsbehörde. Melahat ist eine Reisende, die bereits 35 Länder besucht hat, und zugleich Koordinatorin von Projekten für benachteiligte Menschen in Europa und der Türkei. Als religiöse Amtsträgerin hat sie insgesamt sieben Jahre in Europa – davon zwei Jahre in Dänemark und vier Jahre in Wien – verbracht und sich dort für alle Bevölkerungsschichten engagiert.
Liebe Melahat,
es sind wohl schon zehn Jahre vergangen, als Du mit einer Delegation der Religionsbehörde nach Wien gekommen warst. Gemeinsam haben wir uns ausgetauscht, wie eine religiös begleitete Hilfe für Menschen im Gefängnis, im Krankenhaus, im Pflege- und Behindertenheim nützlich sein kann. In Wien konnte ich Euch unsere katholische Seelsorgearbeit vorstellen und die Gruppe sogar bei einer Krankensalbung dabei sein lassen.
Nun bin ich nach Ankara gekommen, und wir haben als erstes das große Sincan Gefängnis besucht. Als ich in Wien Freund/innen davon erzählte, kam sofort die Gegenrede: „Aber bestimmt haben sie Euch nur das Schöne gezeigt. Die vielen tausend politisch Eingesperrten … das Regime …“. Du siehst, wie wir gefangen sind in Vereinfachungen, Pauschalierungen, Bedenken. Unsere Absicht war aber eine andere: gegenseitige Hilfe in der Sorge um Menschen in Not. Unser Job ist nicht die Politik. Wir wollen uns verstehen lernen, abseits vom Streit der Kulturen, Religionen, Staaten.
Was hat mir im Sincan Gefängnis, in der Jugendabteilung, imponiert? Das Seelsorgeteam. Ich war überrascht, mit wieviel verschiedenen Methoden versucht wird, den Jugendlichen eine gute Zukunft zu ermöglichen: Gesprächstherapie zu den Ursachen, Schulunterricht, Korankurse und Ethikunterricht, Töpfern … das ganze Programm kreativer Aufbauarbeit, um jeden Inhaftierten eine Ausbildung zu geben, mit der er ein neues Leben beginnen kann. Am meisten hat mir das Ölbild mit dem Motiv des Derwisches, der versucht, Schildkröten zu erziehen, gefallen. Alle Türk/innen kennen dieses Motiv von Osman Hamdi Bey.
Danach Fahrt ins große Etlik-Spital. Mit seinen 4.500 Betten und 16.000 Angestellten ist es größer als das Wiener AKH. Auch hier ein herzliches Seelsorgeteam, dem man im Gespräch sofort die Feinfühligkeit, Empathie und Liebe zu den Kranken anmerkte.
Neugierig war ich danach auf unseren Besuch in der Zentrale des Diyanet, der türkisch islamischen Religionsbehörde. Im Jahr 2008 bin ich mit unserem Wiener Kardinal Dr. Christoph Schönborn OP hier gewesen. Drei Tage hatten wir Gespräche, um Vertrauen aufzubauen, uns auszutauschen und über den Dienst des Religiösen an der Gesellschaft zu sprechen. Vor allem ging es aber um das einander Kennenlernen, denn wenig Kontakte gibt es untereinander und meist wird nur übereinander geschrieben, anstelle miteinander gesprochen. In diesen 18 Jahren seit dem Besuch konnten wir in Wien tatsächlich Hoffnungsvolles unternehmen.
Dann kam einerseits 2016 der Putsch in der Türkei, ein Schock, den wir in Europa bis heute nicht richtig deuten können und andererseits die Umwandlung der Hagia Sophia und des Chora Klosters in Moscheen. Diese Umwandlung wiederum war ein Erdbeben für uns Christ/innen. Die Darstellung von der Hagia Sophia als endgültiger Sieg der Eroberung Istanbuls hat das Vertrauen der Kirche zu allen türkischen Institutionen zerstört. Es mag den meisten Türk/innen nicht bewusst sein, viele jubeln über diese Eroberung, dennoch hinterlässt es viele Fragen.
Trotzdem war es ein herzlicher Empfang im Diyanet. Wir trafen uns mit Erdal Ertorun, der in Wien als Imam tätig ist und mit dem wir gemeinsam Fußball gespielt und an gemeinsamen Veranstaltungen teilgenommen haben, sowie mit İbrahim Yazar und vielen anderen Imamen, die ich aus Österreich kenne. Sofort hat der menschliche Aspekt die religionspolitischen Bedenken zur Seite geräumt und wir konnten beim berühmten türkischen Cay Gemeinsames finden.
Wir fuhren weiter zur Kirche St. Teresa in Ulus. Sie wird von Jesuiten aus Belgien und Südkorea betreut. Sie erzählten von einer Wandlung ihrer Aufgaben. Vor 20 Jahren haben sie hauptsächlich den Muslim/innen Auskunft gegeben; jetzt sind sie mit der Seelsorge beschäftigt an den vielen Student/innen aus der ganzen Welt. Von den über 300.000 Student/innen in Ankara sind einige Tausend katholischen Glaubens, davon viele aus Afrika. Die Kirche ist täglich geöffnet, so dass alle kommen und sich informieren können.
Lass mich nun weitergehen. Wir mussten Abschied nehmen von Dir und Deinem Ehemann Ismail, der uns geführt hat, aber ich will Dir schreiben, was wir unternahmen, und warum das für uns bedeutsam wurde. So kannst Du noch ein wenig mehr „die Seele eines Christen“ kennenlernen. Im Vertrauen wollen wir wachsen, um gemeinsam die uns aufgetragene Verantwortung erfüllen zu können.
Wir, mein Mitbruder, der Kapuzinerpriester Endale Haile Fereja aus Äthiopien und ich reisten von Ankara nach Iznik, dem historischen Nicäa. Dieser Ort ist für die gesamte Christenheit bedeutsam. Im Jahr 325 hat hier das erste Konzil stattgefunden. Unter der Leitung des Kaisers Konstantin waren mehrere hundert Bischöfe versammelt, um zu formulieren, wer Jesus ist. Das ist ein Punkt, der uns Christ/innen und Muslim/innen trennt. Ist Jesus rein Mensch, nach islamischem Glauben, Prophet, oder hat sich in ihm Gott selber gezeigt?
Im Evangelium heißt es: „Das Wort, durch das der Schöpfergott alles erschaffen hat, wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Wie offenbart sich Gott in der Welt? Auch im Islam gibt es zu diesem Thema unterschiedliche Ansichten. Ich denke dabei an die Sufis, an Yunus Emre, an Mevlana Celaleddin Rumi und an viele andere. Ich denke auch an die Schiiten und andere Gruppen. Dies bleibt eine Frage, über die wir immer wieder nachdenken und für die wir beten können …
Leider hatten wir in Ankara noch zu wenig Zeit, um als Freunde über diese theologische Frage nachzudenken. Ich hätte Dir gerne erzählt, wer Jesus für mich ist, was er mir bedeutet, und warum ich nur durch diesen Glauben von Nicäa Priester geworden bin. Auch mein mangelhaftes Türkisch erlaubt mir solche Diskussionen noch nicht. Wir sind aber als Freunde schon so weit, dass wir da einander zuhören können.
Soweit ich Dich aus Deinen Projekten in Wien kenne, habe ich festgestellt, dass Du eine Religionsbedienstete mit einer humanistischen Sichtweise bist. Und ich dachte mir, dass islamische und christliche Geistliche als Vertreter/innen zweier verschiedener Religionen gemeinsam an den grundlegenden Problemen der Menschheit arbeiten sollten.
Zurück zur Reise: Wir kamen in Iznik an und wollten die Orte der Konzile sehen. Im Jahr 787 hat noch eines dort stattgefunden, dessen Kirche ebenfalls erhalten, aber in eine Moschee umgewandelt ist. Zwar waren wir innerhalb der Steine, aber ereignet hat sich ein Gespräch mit dem Security-Mann. Er tat mir leid, weil er den ganzen Tag den Tourist/innen aus der ganzen Welt zuschauen muss, während ihm sein Gehalt niemals eine Reise ins Ausland erlaubt. Mit ihm bin ich gut ins Gespräch gekommen. Er hat von seiner Familie berichtet und dann half er uns bei der Hotelsuche. Aus dem Besuch der Steine wurde eine Begegnung, die mir lange nachklingt.

Wie durch Zufall war auch Bischof Hermann Glettler aus Innsbruck vor Ort. Mit ihm konnten wir den griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus besuchen. Nur mehr wenige seiner Gläubigen sind in der Türkei, aber er ist das geistliche Oberhaupt von 250 Millionen orthodoxen Christen. Das ist den Türk/innen wenig bekannt. Für die gesamte Christenheit ist seine Rolle sehr wichtig. Wir sehen ihn als Nachfolger des Apostels Andreas, des älteren Bruders des Apostels Petrus, dessen Nachfolger der Papst in Rom ist. Beide haben keine politische Macht mehr. Das war ein langer Lernprozess in der Geschichte der Kirche, um zu verstehen: Wenn Politik und Kirche sich vermischen, schadet es dem Glauben. Dem Menschen hilfreicher ist die spirituelle Autorität.
Am letzten Tag der Reise konnten wir noch den jüdischen Rabbi Mendy Chitrik in der Synagoge besuchen. Er ist der Sprecher der Rabbiner in islamischen Ländern. Keine leichte Arbeit, denn – wie du ja weißt – gibt es von islamischer Seite aus wenig Sympathie für Juden und Jüdinnen. Und doch versucht der Rabbi – abseits der Politik Israels – den mitmenschlichen Kontakt. „Politik, das ist nicht mein Job“, so sein Wort. Wir müssen uns trotz allem als Menschen begegnen können. Als Mitmenschen, als Nachbarn.
Viele andere Begegnungen wären noch zu erwähnen. Es ist ein Grund für ein baldiges Wiedersehen. Auf dem Heimflug begann ich ein Buch von Bischof Glettler zu lesen. Er hat es gemeinsam mit dem ägyptischen Imam Aboualwafa Mohammed geschrieben und trägt den Titel: „Nicht Hass, die Liebe wählen. Ein Bischof und ein Imam über Spuren der Hoffnung in einer verwundeten Gesellschaft“,
Mit den herzlichsten Grüßen aus Wien
Martin

Clemens Pilar COp zeigte in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 26. Sonntag im Jahreskreis (27.09.2026) anhand des Evangeliums auf, wie das Verhältnis von Gottesdienst und Handeln für einen gläubigen Menschen auszusehen hat.
Am 25. Sonntag im Jahreskreis (20.09.2026) legte der Leiter des Pastoralamts der Erzdiözese Wien, Dr. Markus Beranek, in seiner Predigt das Gleichnis vom Lohn, den die Arbeiter für ihre Arbeit erhalten, aus und lud dazu ein, sich auf die Wirklichkeit des anbrechenden Gottesreiches einzulassen. Was heißt das konkret für mich?
Ausgehend von der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach ging Dr. Christoph Benke in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 24. Sonntag im Jahreskreis (13.09.2026) auf die Aggression ein, die heute oft in der Luft liegt. Er zeigte auf, dass dahinter oft Groll steht, der uns lähmt, und verwies auf einen Weg, wie wir damit umgehen können.