Dritter Fastenimpuls: Wie unsensibel ist Jesus zu sagen „ruf deinen Mann“? – oder: Die Verwandlung vom Jakobsbrunnen zum Lebensbrunnen
Der Jakobsbrunnen: Ein Ort mit langer Geschichte. Hier hat vor langer Zeit Jakob seine Frau Rahel gefunden … wer neugierig ist, kann in Gen 29 nachlesen. Und dieser Brunnen wird zum Ort einer der längsten Zwiegespräche im Johannesevangelium.
Es beginnt so schön und ermutigend. Jesus wird menschlich gezeichnet (er ist müde). Zugleich zeigt er die unbedingte Zuwendung Gottes. Er durchbricht alle Konventionen für eine persönliche Begegnung. Er redet eine Frau an, noch dazu eine Samariterin. Mehr noch, eine Frau, die offensichtlich nicht gesehen werden möchte, denn sie kommt „um die sechste Stunde“, in der Mittagshitze, nicht wie es üblich und logisch ist, in der Früh oder am Abend, wenn es noch kühl ist. Wer weiß, was sie schon alles erlebt hat, dass sie die Menschen so sehr meidet.
Und gleich bei diesen ersten Sätzen kann ich mich fragen: Wann, wieso geht es Dir manchmal so? Was aus Deinem Leben möchtest du lieber (hinter Masken) verstecken?
Jesus sieht diese Frau und spricht sie an. Er schenkt ihr Ansehen. Er möchte etwas von ihr: „Gib mir zu trinken“.
Wann hörst Du – vielleicht gerade dann, wenn Du Dich verstecken möchtest, oder wenn Du Dich ein paar Schritte aus Deinem Versteck wagst – dass Jesus Dich anspricht, und Dir sagt: Ich möchte etwas von Dir? Du bist gewollt und gebraucht.
Und gleich im nächsten Satz bietet Jesus ihr „lebendiges Wasser“ an, das wirklich Lebensdurst stillt.
Wie schön, mit all meinen Sehnsüchten kann ich voller Hoffnung zu Jesus kommen.
Doch bald darauf dieser Satz, der für mich schon oft wie ein Fremdkörper gewirkt hat: „Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!“ – Was soll das bitte? Besteht Jesus auf einem männlichen Begleiter, so ähnlich wie in Afghanistan, wo Frauen nur mit einem Mahram auf die Straße dürfen? Oder ist es ein sarkastischer Vorwurf?
Ich denke, es ist ganz anders – und diesmal ist für mich genau dieser Satz zu einem Schlüssel für diese Bibelstelle geworden. Und durch dieses „Schlüsselloch“ würde ich uns gern in paar Sätzen durchlotsen: Johannes erzählt nicht, dass Jesus nur das Stichwort „lebendiges Wasser“ ausspricht, und die Frau jubelt gleich: Hurra, Halleluja.
Jesus nennt hier zwei Voraussetzungen, die wir brauchen, damit wir überhaupt „lebendiges Wasser“ bei ihm suchen. Er beginnt seinen Satz mit den Worten: „Wenn Du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der (Dich anspricht, dann würdest Du bitten, gib mir lebendiges Wasser.)“.
Und sie weiß es natürlich nicht sofort, was Gott uns schenken möchte, so wie ich es oft nicht sofort weiß.
Sie hat zwei Einwände/Fragen: 1.) Wo ist denn das Schöpfgefäß? Und 2.) Bist Du denn größer als unser Vater Jakob? Als Jesus darauf antwortet, dass „das Wasser, das er uns gibt,“ den Durst nachhaltig stillt, wird deutlich, ja, hier geht es wirklich um etwas Größeres. Sie versteht noch nicht ganz, worum es wirklich geht, aber sie möchte es haben. Und dann kommt dieser auf den ersten Blick komische Dialog. Jesus sagt: „Ruf Deinen Mann“. Sie antwortet: „Ich habe keinen Mann.“ Und Jesus gibt ihr recht, sie hatte fünf Männer, aber der jetzige ist es auch nicht wirklich.
Ich lese es so: Durch diesen Satz kann sie ungeschminkt, offen mit ihm besprechen, wo sie bis jetzt versucht hat, ihren Durst zu stillen, ihren Halt zu finden, ihr Glück zu finden, und wo sie es noch nicht gefunden hat.
Wenn auch ich mir eingestehe und mit Jesus offen bespreche, wo ich schon vergeblich nachhaltiges Glück, echten Halt, gute Quellen gesucht habe, ehrlich aber ohne Verurteilung, kann genau das ein Schöpfgefäß werden, mit dem ich aus dem „lebendigen Wasser“ von Jesus trinke?! – Wie auch immer wir dies nennen und umschreiben „Sinn des Lebens“, „Trost“, „Heilung“, „Heimat“, „Nähe“ …
All das beginnt in ihr zu sprudeln. Und voll Freude teilt sie das Wasser des Lebens, das sie selbst erfahren hat. Sie selbst wird zur Quelle der Hoffnung, sie, die Verachtete, für die ganze Stadt.
Wow, wie be-lebend, dass Jesus ermutigt, zu tun, was diese Frau am Brunnen tat: sich ansprechen lassen, suchen, ehrlich anschauen, eine lebendige Quelle im Herzen finden, verkündigen, Hoffnung und Leben schenken, zu ihm zu finden und zu führen. Vielleicht ermutigt er besonders auch Frauen oder Fremde, mehr als vielleicht auch Dich und mich.

In seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark stellte GV Dr. Nikolaus Krasa am 2. Fastensonntag (01.03.2026) zunächst die Brücke zum Aschermittwoch (Christus widerspiegeln) und zum ersten Fastensonntag (Wie schaut mich die Welt an, und wie schaue ich sie an?) her. Dann stellte er anhand einer Ikone das besondere Licht der Verklärung, das die ganze Schöpfung erfasst, ins Zentrum.
Ich habe dazu eine Ikone mitgebracht, es ist jene, die, wie unschwer erkennbar, die heutige Evangelienperikope abbildet. Man erkennt die Berglandschaft, in der Mitte den verklärten Jesus, flankiert von Mose und Elia, vorne die drei Apostel, die, wie das heutige Evangelium sagt, und die, wie es sich in der Bibel bei Theophanien gehört, also wenn Gott sichtbar wird, niederfallen. Dieser Typ Ikonen kommt öfter vor, und wer sich in den vatikanischen Sammlungen vor die berühmte Darstellung dieser biblischen Szene durch Raffael Santi stellt, wird feststellen, dass sie im oberen Bildteil diese Szene ziemlich ähnlich wiedergibt. Der Typ kommt oft vor, mir geht es um diese Ikone, sie stammt von Theophanes, dem Griechen, in Russland auch Feofan Grek genannt. Er kam um 1370 nach Moskau und wird dort Lehrmeister einer der berühmtesten russischen Ikonenmalers, des (hl.) Andrej Rubljow. Und er malt diese spannende Szene und malt sie auf ganz besondere Art und Weise: mit ganz wenig Farbe, fast transparent und durchscheinend. So als wolle er darstellen: Am Verklärungsberg strahlt nicht nur Jesus durch ein besonderes Licht, auch die Schöpfung, ja sogar die mitgekommenen Apostel werden transparent, fast durchscheinend auf dieses besondere Licht. Oder, andere Metapher: Nicht nur Jesus, die ganze Welt leuchtet von der Herrlichkeit Gottes. Widerspiegelt sie, leuchtet in einem ganz besonderen Licht. Sie schaut die Schöpfung, die Welt, die Jünger am Verklärungsberg an. Um Alfred Delp, den Jesuiten, der von den Nazis hingerichtet wurde, zu zitieren: ‚Die Welt ist Gottes so voll.‘ Ja, weil sie von der Schöpfung an die Spuren Gottes trägt. Ja, weil in Jesus die neue Schöpfung sichtbar wird: Mensch und Gott vereint. Ja, weil dieser Neuanfang ausstrahlen soll, die ganze Schöpfung verwandeln – dass das bei uns in der Taufe grundgelegt ist, werden wir in der Osternacht in der Epistel hören und in der Tauferneuerung feiern.
Einen Tag nach der Weihe des neuen Erzbischofs von Wien Josef Grünwidl und am Sonntag des Wortes Gottes (25.01.2026) stellte Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Frage, wie alles angefangen hat, und zeigte auf, wie die Tätigkeit Jesu begonnen hat und was daraus für uns folgt.