Der Weg und das Sehen – Predigt

Am 4. Fastensonntag (15.03.2026) schlug GV Dr. Nikolaus Krasa in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Brücke vom Aschermittwoch bis zu diesem Sonntag. Es geht um das Sehen – mich, die Welt, die Schöpfung – und den Weg, den ich – mit Gott – zurücklege.


Wie war das heute Morgen? Der erste Blick in den Badezimmerspiegel? Hab‘ ich mich wiedererkannt, angelächelt, ernst geschaut? Wie habe ich mich angeschaut und wie habe ich mich angeschaut (also das Ich vor dem Spiegel und das Ich im Spiegel)? Und das ist nicht unerheblich, dieses „Wie“ – wir alle wissen, was das mit uns macht, wenn uns jemand (und wenn das das Ich im Spiegel ist) anlächelt oder nur ernst oder gar verzweifelt anschaut…

Beginnen wir noch einmal von vorne. Da war vom Blick des Menschen auf die Welt die Rede, und vom Blick der Welt auf den Menschen. Und von einer unheilvollen Dynamik dieses Anschauen – Paulus hat sie die Dynamik der Sünde genannt. Und sie führte in der Geschichte, die wir damals, am ersten Fastensonntag, gehört haben, dazu, dass etwas mit dem Blick nicht mehr funktioniert: der Mensch kann sich selbst und seinen Mitmenschen und letztlich auch Gott nicht mehr anschauen

Die Gegengeschichte haben wir eine Woche später gehört. Sie hat von einem anderen Blick auf die Welt und einem anderen Blick der Welt auf uns erzählt. Einem – um den griechischen Begriff, der in dieser Geschichte verwendet wird, zu bemühen – einem verwandelnden oder verwandelten. Eine Schöpfung, die transparent wird auf Gott, die von Gott her zu leuchten beginnt. Und wenn Sie an die Ikone denken, die feofan grek gemalt hat: die auch die Jünger verwandelt. Ein Detail noch, klein aber entscheidend für das Verständnis des vergangenen Sonntags, dieses Sonntags und des kommenden Sonntags. Von zwei Verba war am Beginn der Verklärungs-, eigentlich besser Verwandlungsgeschichte die Rede, zwei Dinge, die Jesus tut. Er nimmt seine Jünger beiseite und führt sie auf einen hohen Berg, heißt es. Eigentlich wörtlich heißt der zweite Begriff: Er trägt sie auf einen hohen Berg. Kurz formuliert: auf den Verklärungsberg führt ein Weg hinauf, vermutlich nicht ganz einfach, anstrengend, aber: Jesus trägt dich hinauf. 

Wie soll man sich das vorstellen? Wie das passiert, erzählen die Evangelien des 3., 4. und 5. Fastensonntags. Übrigens: Jedes dieser Evangelien erzählt von einem Weg, auf dem Jesus eine entscheidende Rolle spielt (deshalb gehören sie auch zu den längsten Evangelien, die wir am Sonntag zu hören bekommen). Dieser Weg hat etwas mit dem Durst nach Leben zu tun, mit der Sehnsucht geliebt zu werden, und damit, dass die Beziehung zu Jesus diesen Durst nach Leben stillen kann. So am vergangenen Sonntag im Evangelium von der Samariterin zu hören. 

Wie trägt er uns heute hinauf? Wie schaut der Weg dieses Sonntags aus? Lange und komplex. Und eigentlich gar nicht nur ein Weg. Da ist einmal der offenkundige Weg des Blindgeborenen. Eigentlich ein doppelter Weg. Er wird sehend, aber bis er wirklich sehen kann, ist es ein langer Weg. Sehen kann er zunächst physisch ziemlich schnell, nachdem er sich den Teig, den Jesus ihm auf die Augen gelegt hat, abgewaschen hat. Bis er aber wirklich sieht, wer es ist, der ihn geheilt hat, bis er ihn sieht, besser als den sieht, der er ist, nämlich der „Herr“, also Gott (übrigens nicht viel anders als nach Ostern Thomas’ berühmtes Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott“), ist es noch ein weiter, gar nicht so angenehmer Weg. Viele bohrende Fragen: Sag, wer war’s jetzt, und wo ist er, und wie ist das gegangen… Jesus trägt ihn ein Stück auf diesem Weg, er schenkt ihm Heilung, zunächst vordergründig, aber vielleicht noch mehr, er mutet ihm einen Weg zu, der zu einem tieferen, zu einem glaubenden Sehen führt. Zu einem Sehen, das die göttliche Dimension der Wirklichkeit wahrnimmt, das Verklärungslicht Gottes, das die Schöpfung in das zurückverwandelt, was sie eigentlich sein soll: Sehr gut. 

Da ist ein zweiter Weg. Es ist der Weg der Gegner Jesu, die hier – wie oft im vierten Evangelium – die Pharisäer, dann aber auch a-historisch meist einfach „die Juden“ heißen. Sie haben das Wunder gesehen (insofern sind sie dem Blindgeborenen eigentlich einen Schritt voraus). Und gleichzeitig wollen sie das eigentliche Wunder nicht sehen. Das Licht Gottes, das Jesus ausstrahlt. Und ähnlich wie bei Paulus am ersten Fastensonntag fällt hier das Wort „Sünde“. Sünde viel grundsätzlicher als: Ich habe das und das nicht gut getan, ich habe diesen oder jenen Fehler gemacht. Sünde heißt: Ich habe die Grundbotschaft der Schöpfung, belebt oder unbelebt, nicht wahrgenommen (wir werden das einmal ergänzt durch „sehr“ sieben Mal in der Osternacht hören): Es ist gut. Sünde heißt, diese Spur, die Gott ganz tief in seine Schöpfung eingegraben hat, nicht wahrnehmen zu können, damit sich selbst und den Mitmenschen nicht wahrnehmen zu können als den, der er ist, damit letztlich Gott nicht wahrnehmen zu können. 

Und wie nimmt er mich mit, auf diesen Weg? Zunächst indem er diesen Blick, dieses Sehen- Können in der Taufe in mich hineingelegt hat, mir die Augen geöffnet hat. Die Alte Kirche hat deshalb Taufe mit einem griechischen Wort fotismos, Erleuchtung, genannt. Bei Erwachsenen werden ganz am Beginn der Taufvorbereitung unter anderem deren Augen gesehen, damit sie, wie es im Ritus heißt, Christus sehen lernen. Und wenn ich schon getauft bin? Durch das Sakrament, das die Taufentscheidung in mir erneuert, die Beichte. Und als Vorbereitungsweg? Durch die drei Schritte, die uns der Aschermittwoch nahegebracht hat: Fasten, Gebet, Almosen.

 

Vierter Fastenimpuls: Sind vielleicht die Augen des Herzens verklebt?

Diese Woche habe ich im Kindergarten als Jesusgeschichte eine Blindenheilung erzählt. Ein Kind hat gemeint: „Vielleicht waren seine Augen verklebt“. Wir haben uns dann die Frage gestellt: Sind manchmal auch die Augen unseres Herzens verklebt?

Den vierten Sonntag der Fastenzeit nennen wir Freudensonntag. Auch an diesem Tag lesen wir eine Blindenheilung (Joh 9, 1-41). Aus der Fülle der wichtigen Themen, die sie enthält, und dem Bündel an Fragen, die sie aufwirft, möchte ich nur drei stellen. Vielleicht darf ich auch Dich dazu einladen, sie ein bisschen mit in den Alltag zu nehmen, ob beim Straßenbahnfahren, auf der Parkbank im Sonnenschein oder mitten im ganz normalen Chaos.

1. Wo sind vielleicht auch meine Augen verklebt?

Wo schaue ich weg, was konnte ich bisher noch nie entdecken oder so sehen? (Vielleicht passend zur Bibelstelle: wirklich geliebt zu sein, für manches die Schuld nicht bei mir zu suchen … vielleicht aber auch etwas ganz Anderes.)

2. Wo ist es schon geschehen, dass Jesus mich richtig berührt (hat), und ich Heilung erfahre?

Übrigens: im Evangelium vom Sonntag ist es in erster Linie ein Geschenk, sehen zu können, aber nach der Berührung muss der Blindgeborene auch selbst etwas dazu tun, dass es wirksam wird.

3. Wann öffnet sich mein Herz so, dass sogar das „Licht der Welt“, das Licht Gottes, hineinstrahlt?

Hat dies auch Dich schon (manchmal) stärker, entschiedener, bewusster, ausstrahlender gemacht – wie den Blindgeborenen?

Wenn Du bei einer der vielen anderen Fragen der Bibelstelle hängen geblieben sind, ist jetzt wohl diese dran, dann bleibe gern bei deiner Frage. Auf jeden Fall wünsche ich Dir, dass Du in dieser verrückten Welt und Seinem ganz normalen Alltag die Woche auch ein bisschen offenere Augen dafür bekommst, wo dir Gott auch Freude schenken und dich berühren möchte.

Dritter Fastenimpuls: Wie unsensibel ist Jesus zu sagen „ruf deinen Mann“? – oder: Die Verwandlung vom Jakobsbrunnen zum Lebensbrunnen

Der Jakobsbrunnen: Ein Ort mit langer Geschichte. Hier hat vor langer Zeit Jakob seine Frau Rahel gefunden … wer neugierig ist, kann in Gen 29 nachlesen. Und dieser Brunnen wird zum Ort einer der längsten Zwiegespräche im Johannesevangelium.

Es beginnt so schön und ermutigend. Jesus wird menschlich gezeichnet (er ist müde). Zugleich zeigt er die unbedingte Zuwendung Gottes. Er durchbricht alle Konventionen für eine persönliche Begegnung. Er redet eine Frau an, noch dazu eine Samariterin. Mehr noch, eine Frau, die offensichtlich nicht gesehen werden möchte, denn sie kommt „um die sechste Stunde“, in der Mittagshitze, nicht wie es üblich und logisch ist, in der Früh oder am Abend, wenn es noch kühl ist. Wer weiß, was sie schon alles erlebt hat, dass sie die Menschen so sehr meidet.

Und gleich bei diesen ersten Sätzen kann ich mich fragen: Wann, wieso geht es Dir manchmal so? Was aus Deinem Leben möchtest du lieber (hinter Masken) verstecken?

Jesus sieht diese Frau und spricht sie an. Er schenkt ihr Ansehen. Er möchte etwas von ihr: „Gib mir zu trinken“.

Wann hörst Du – vielleicht gerade dann, wenn Du Dich verstecken möchtest, oder wenn Du Dich ein paar Schritte aus Deinem Versteck wagst – dass Jesus Dich anspricht, und Dir sagt: Ich möchte etwas von Dir? Du bist gewollt und gebraucht.

Und gleich im nächsten Satz bietet Jesus ihr „lebendiges Wasser“ an, das wirklich Lebensdurst stillt.

Wie schön, mit all meinen Sehnsüchten kann ich voller Hoffnung zu Jesus kommen.

Doch bald darauf dieser Satz, der für mich schon oft wie ein Fremdkörper gewirkt hat: „Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!“ – Was soll das bitte? Besteht Jesus auf einem männlichen Begleiter, so ähnlich wie in Afghanistan, wo Frauen nur mit einem Mahram auf die Straße dürfen? Oder ist es ein sarkastischer Vorwurf?

Ich denke, es ist ganz anders – und diesmal ist für mich genau dieser Satz zu einem Schlüssel für diese Bibelstelle geworden. Und durch dieses „Schlüsselloch“ würde ich uns gern in paar Sätzen durchlotsen: Johannes erzählt nicht, dass Jesus nur das Stichwort „lebendiges Wasser“ ausspricht, und die Frau jubelt gleich: Hurra, Halleluja.

Jesus nennt hier zwei Voraussetzungen, die wir brauchen, damit wir überhaupt „lebendiges Wasser“ bei ihm suchen. Er beginnt seinen Satz mit den Worten: „Wenn Du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der (Dich anspricht, dann würdest Du bitten, gib mir lebendiges Wasser.)“.

Und sie weiß es natürlich nicht sofort, was Gott uns schenken möchte, so wie ich es oft nicht sofort weiß.

Sie hat zwei Einwände/Fragen: 1.) Wo ist denn das Schöpfgefäß? Und 2.) Bist Du denn größer als unser Vater Jakob? Als Jesus darauf antwortet, dass „das Wasser, das er uns gibt,“ den Durst nachhaltig stillt, wird deutlich, ja, hier geht es wirklich um etwas Größeres. Sie versteht noch nicht ganz, worum es wirklich geht, aber sie möchte es haben. Und dann kommt dieser auf den ersten Blick komische Dialog. Jesus sagt: „Ruf Deinen Mann“. Sie antwortet: „Ich habe keinen Mann.“ Und Jesus gibt ihr recht, sie hatte fünf Männer, aber der jetzige ist es auch nicht wirklich.

Ich lese es so: Durch diesen Satz kann sie ungeschminkt, offen mit ihm besprechen, wo sie bis jetzt versucht hat, ihren Durst zu stillen, ihren Halt zu finden, ihr Glück zu finden, und wo sie es noch nicht gefunden hat.

Wenn auch ich mir eingestehe und mit Jesus offen bespreche, wo ich schon vergeblich nachhaltiges Glück, echten Halt, gute Quellen gesucht habe, ehrlich aber ohne Verurteilung, kann genau das ein Schöpfgefäß werden, mit dem ich aus dem „lebendigen Wasser“ von Jesus trinke?! – Wie auch immer wir dies nennen und umschreiben „Sinn des Lebens“, „Trost“, „Heilung“, „Heimat“, „Nähe“­ …

All das beginnt in ihr zu sprudeln. Und voll Freude teilt sie das Wasser des Lebens, das sie selbst erfahren hat. Sie selbst wird zur Quelle der Hoffnung, sie, die Verachtete, für die ganze Stadt.

Wow, wie be-lebend, dass Jesus ermutigt, zu tun, was diese Frau am Brunnen tat: sich ansprechen lassen, suchen, ehrlich anschauen, eine lebendige Quelle im Herzen finden, verkündigen, Hoffnung und Leben schenken, zu ihm zu finden und zu führen. Vielleicht ermutigt er besonders auch Frauen oder Fremde, mehr als vielleicht auch Dich und mich.

Das Licht der Verklärung

Dr. Nikolaus KrasaIn seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark stellte GV Dr. Nikolaus Krasa am 2. Fastensonntag (01.03.2026) zunächst die Brücke zum Aschermittwoch (Christus widerspiegeln) und zum ersten Fastensonntag (Wie schaut mich die Welt an, und wie schaue ich sie an?) her. Dann stellte er anhand einer Ikone das besondere Licht der Verklärung, das die ganze Schöpfung erfasst, ins Zentrum.


Der vergangene Sonntag hat uns mit einer Frage auf den Weg durch die Woche geschickt: Wie schaut mich die Welt an, und wie schaue ich sie an? Auf die 1. Frage haben beide Bibelstellen, die erste Lesung (vom Sündenfall, wie wir das nennen) und das Evangelium (von der Versuchung Jesu) geantwortet: Sie schaut dich zumindest ambivalent an, sie schaut dich auch mit der Sprache der Schlange oder der des Versuchers an: Benütze sie, um dich groß, stark, mächtig zu machen, um für dich schnellen Gewinn daraus zu ziehen. Für den zweiten Teil der Frage haben wir zwei Antwortmöglichkeiten gesehen und die möglichen Konsequenzen aus dieser Antwort. Da war die Antwort des Menschen (ich erspare mir jetzt das Auseinanderdividieren von Adam und Eva, mache das ähnlich wie Paulus in der Römerbrieflesung, der einfach vom Adam, vom Menschen, spricht). Also die Antwort des Menschen, die zu dieser Stimme Ja sagt mit der Konsequenz, dass man sich letztlich nicht mehr anschauen kann (Adam und Eva bekleiden sich) bzw. auch von Gott nicht mehr ansehen lassen will. Die Klarheit des Spiegels wird getrübt (um das Bild zu verwenden, das wir mit den Kindern beim Aschenkreuz verwendet haben), und man sieht im Spiegel nichts mehr – man spiegelt nichts mehr wider – nicht mehr wie Paulus in 2 Kor 3, letzter Vers sagt: ‚Wir spiegeln mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit Christi wider.‘

Die andere Antwort, die Jesu, führt uns eigentlich schon ins heutige Evangelium. Sie erinnern sich an die Antworten Jesu: Es sind Bibelstellen, und in jeder dieser Bibelstellen wird Gott genannt: Gott gibt das Brot, er nährt, Gott soll man nicht versuchen, Gott soll man anbeten, er ist Fundament, auf ihn soll man ausgerichtet bleiben … Und damit sind wir eigentlich mitten im heutigen Evangelium gelandet. Geht das, wäre letztlich die Frage, die Wirklichkeit so anzusehen, wie Jesus das tut? Ist das nur ein frommer Wunsch, oder geht das, und was passiert dann?

Ich habe dazu eine Ikone mitgebracht, es ist jene, die, wie unschwer erkennbar, die heutige Evangelienperikope abbildet. Man erkennt die Berglandschaft, in der Mitte den verklärten Jesus, flankiert von Mose und Elia, vorne die drei Apostel, die, wie das heutige Evangelium sagt, und die, wie es sich in der Bibel bei Theophanien gehört, also wenn Gott sichtbar wird, niederfallen. Dieser Typ Ikonen kommt öfter vor, und wer sich in den vatikanischen Sammlungen vor die berühmte Darstellung dieser biblischen Szene durch Raffael Santi stellt, wird feststellen, dass sie im oberen Bildteil diese Szene ziemlich ähnlich wiedergibt. Der Typ kommt oft vor, mir geht es um diese Ikone, sie stammt von Theophanes, dem Griechen, in Russland auch Feofan Grek genannt. Er kam um 1370 nach Moskau und wird dort Lehrmeister einer der berühmtesten russischen Ikonenmalers, des (hl.) Andrej Rubljow. Und er malt diese spannende Szene und malt sie auf ganz besondere Art und Weise: mit ganz wenig Farbe, fast transparent und durchscheinend. So als wolle er darstellen: Am Verklärungsberg strahlt nicht nur Jesus durch ein besonderes Licht, auch die Schöpfung, ja sogar die mitgekommenen Apostel werden transparent, fast durchscheinend auf dieses besondere Licht. Oder, andere Metapher: Nicht nur Jesus, die ganze Welt leuchtet von der Herrlichkeit Gottes. Widerspiegelt sie, leuchtet in einem ganz besonderen Licht. Sie schaut die Schöpfung, die Welt, die Jünger am Verklärungsberg an. Um Alfred Delp, den Jesuiten, der von den Nazis hingerichtet wurde, zu zitieren: ‚Die Welt ist Gottes so voll.‘ Ja, weil sie von der Schöpfung an die Spuren Gottes trägt. Ja, weil in Jesus die neue Schöpfung sichtbar wird: Mensch und Gott vereint. Ja, weil dieser Neuanfang ausstrahlen soll, die ganze Schöpfung verwandeln – dass das bei uns in der Taufe grundgelegt ist, werden wir in der Osternacht in der Epistel hören und in der Tauferneuerung feiern.

Eine Beobachtung noch: Ein unscheinbares Detail, das aber entscheidend ist – die zwei Verba im ersten Satz des Evangeliums. Was tut Jesus mit seinen Jüngern? Er nimmt sie beiseite und dann – so die Einheitsübersetzung – bringt er sie auf einen hohen Berg. Das könnte man pointierter übersetzen. Im Griechischen steht dort: ἀναφέρει, und das heißt wörtlich: Er trägt sie hinauf. Der Weg zur Verwandlung (so heißt die Verklärung eigentlich auf Griechisch) ist mühsam, führt einen Berg hinauf. Aber auf diesen Berg hinauf gehst du nicht allein. Jesus trägt dich. Und wie er das tut, davon erzählen die Evangelien der drei kommenden Sonntage.

Zweiter Fastenimpuls: Strahlen – „Wie ein Honigkuchenpferd“

Kennen Sie das Sprichwort noch: „Du strahlst wie ein Honigkuchenpferd.“ Wann haben Sie das letzte Mal so gestrahlt?
Was war denn so schön, erleichternd, einfach voller Freude und „Seligkeit“, dass es sogar ihr Gesicht verwandelt hat?

Nun, Jesus hat am Berg Tabor offensichtlich so intensiv gestrahlt, dass es die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas alle drei berichten: „Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ (Mt 17,2) Und anscheinend ist es so wichtig, dass diese Bibelstelle jedes Jahr sogar zweimal gelesen wird: Am 2. Sonntag in der Fastenzeit und an einem eigenen Fest, wo wir uns an dieses Geschehen erinnern: am 6. August, zur Verklärung des Herrn.

Ja, schön für ihn – aber was hat es mit unserem Leben zu tun?

Wie so oft in dichten biblischen Erzählungen können wir viele Aspekte darin entdecken und vielen Fragen nachgehen.  

Warum strahlte denn Jesus?

War es die starke Verbundenheit und (in der Wolke) spürbare Nähe Gottes – So ähnlich wie es über Moses geschrieben steht?
Was heißt das dann für mich? Merkt man an meiner „Ausstrahlung“, wie fest ich mit Gott verbunden bin? Oder auch umgekehrt: Wenn ich merke, dass ich gerade unrunder und kratziger werde, ist vielleicht einer der Gründe, dass ich im Gebetsleben oberflächlicher geworden bin, und dass dies seine Kreise zieht? (Neben ganz innerweltlichem Stress oder unguten Beziehungen.)

Oder wird bei diesem Strahlen auf einmal klar, dass Jesus wirklich nicht bloß ein weiser Mensch, ein begabter Heiler, sondern tatsächlich der Sohn Gottes ist? Führt das bei mir auch noch manchmal zu einem Wow-Effekt wie bei den Aposteln? Oder halte ich das für „nichts Besonderes“, weil ich mich an den Gedanken gewöhnt habe? Kann ich in dieser Fastenzeit vielleicht wieder bewusster auskosten, wie nahbar und nahe-kommend Gott in Jesus geworden ist?

Oder leuchtet in diesem Strahlen schon das Licht auf, das nach der Auferstehung Wirklichkeit wird? Ist es dann das Licht, das auch uns erfüllen wird? Welche Stärke und Gelassenheit kann es meinem Leben geben, wenn das meine Perspektive ist? Lebe ich meinen Alltag eher aus der Überzeugung, dass ich in ein Jammertal geworfen bin, oder dass ich „in sein wunderbares Licht gerufen“ bin (1 Petr 2, 9)?

Und wie geht die Geschichte weiter?

Die drei Hütten, die Petrus bauen will, weil er von diesem strahlenden Eindruck so überwältigt ist, werden nicht gebaut. Es geht nicht darum, Gipfelerlebnisse isoliert festzuhalten und möglichst lang in ihnen zu baden. Es geht wieder ins Tal, zu den Mitmenschen, in den Alltag, um – gestärkt durch diese Erfahrung – heilsam zu wirken. Was offensichtlich auch nach solchen Lichtblicken eine Herausforderung bleibt.

Es ist uns also offensichtlich nicht versprochen worden, dass das Leben einfach wird, aber schon, dass es wunderbar ist.  
Reicht das, um manchmal zu strahlen, wie ein Honigkuchenpferd?

Ein Blick

Dr. Nikolaus KrasaWie schauen wir andere an, wie werden wir angeschaut? Was sagen Blicke aus? Was spiegelt unser Gesicht wider? Und was hat das mit Adam, Eva und der Schlange sowie mit Jesus und dem Versucher zu tun? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa in Schönbrunn-Vorpark am 1. Fastensonntag (22.02.).


Ich entschuldige mich für den Beginn, vermutlich werden Sie sich beim Einstieg denken: Was hat das mit dem ersten Fastensonntag zu tun, und was hat das mit einem Gottesdienst zu tun? Trotzdem: Mir ist beim Vorbereiten dieser Predigt ein Liedtext eingefallen, den ich in meiner Jugend immer wieder gehört habe, nicht zu Hause (da gab’s nur Ö1), aber auf Schihütten, in Bussen … 1976 ist der Song herausgekommen und stammt angeblich von einem Herrn Ernst Neger. Der Text des Refrains lautet folgendermaßen:

Geh Oide, schau mi net so deppert an, heut bin i blau, was liegt scho dran

Kinder: Könnt ihr das: Deppert schauen? Und was passiert, wenn ihr einander deppert anschaut … also Hochdeutsch: dumm anschaut … Das macht etwas mit euch, wirkt jetzt eher lustig. Aber: Das kennen Sie vielleicht auch: Man ist nicht gut drauf, fährt in der U-Bahn, und da schaut einen jemand blöd an. Oder es gibt einen Konflikt, und der Konfliktpartner kommt einem mit dem Gesicht ganz nahe und grinst bewusst frech … ein Gesicht ist so etwas wie eine Visitenkarte, und bewirkt automatisch in mir etwas (den Mechanismus dahinter hat die Neurologie gut erklärt, es gibt eigene Neuronen im Gehirn, die für diesen Effekt zuständig sind, die sogenannten Spiegelneuronen). Eine weinende Person stimmt mich traurig, eine lachende macht mich fröhlich (außer – wenn man sagt: Ich mach zu und lass nichts mehr an mich heran.). 

Warum ich auf diesen Refrain komme – alle, die am vergangenen Aschermittwoch dabei waren (und sich noch erinnern können), wissen, dass es da ums „Widerspiegeln“ ging … ausgehend von einem kurzen Vers am Ende des 3. Kapitels des 2. Korintherbriefes: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn wider …“

Das hat mich nicht nur zum Schlager aus den 70er Jahren gebracht, sondern zu einer vielleicht zuerst etwas abwegig klingenden Frage im Blick auf unsere Lesungen, vor allem die erste und das Evangelium. Denn in beiden geht es um Begegnung und Anschauen. Also: Wie schaut die Schlange die Frau an, und wie die Frau die Schlange? Ein verführerischer Blick, ein Blick voller Sehnsucht, die ja auch im Text der Schlange artikuliert wird. Sein wie Gott, Gut und Böse erkennen, mehr Macht, mehr Fähigkeiten, mehr Selbstständigkeit. Und dann, nachdem sie gegessen haben, die Bibel spricht sogar vielleicht auch von einem äußeren Gesichtseindruck, da gehen ihnen die Augen auf. Wie haben sie sich da angeschaut, als sie erkennen, dass sie nackt sind? Also etwas, das vorher völlig selbstverständlich war, das plötzlich nicht mehr ist; dass letztlich die Beziehung zu sich selbst und zueinander nicht mehr passt, man sich nicht mehr anschauen kann und letztlich auch die Beziehung zu Gott nicht mehr passt, man sich vor ihm versteckt. Und, könnte man den Faden weiterspinnen, dass, was Gott tut, aus Sorge nachgehen, als unangenehm verstanden wird und man sich versteckt, versucht, bewusst wegzuschauen, um nicht gesehen zu werden. Sich nicht mehr anschauen können in allen Beziehungsdimensionen, Gott, sich selbst, den oder die nächste, das ist letztlich Frucht, Ergebnis der Sünde, fasst Paulus das dann in theologischem Vokabular zusammen. Wir haben das am Aschermittwoch zu visualisieren versucht: Wir haben Spiegel mit Fett beschmiert, und während man sich vorher sehen konnte, ging das nachher nicht. 

Die Frage: Wie schaut jemand? Passt aber auch fürs heutige Evangelium. Wie schaut der Versucher Jesus, wie schaut Jesus den Versucher an? Der Versucher: wohl verführerisch, obwohl mehr Verführung vermutlich in der Stimme liegt: Mach das, und du wirst unermesslich mächtig, geliebt, stark sein. Wie schaut Jesus seinen Versucher an? Offenbar nicht mit jener Sehnsucht im Blick, die Eva hat; wahrscheinlich mit jener inneren Ruhe, die aus den drei Bibelstellen spricht, die er dem Verführer entgegen sagt. Ruhe, weil sie letztlich aus einer Erfahrung sprechen … das ist ja schon spannend. 

  1. Jesus wird wie Eva (und Adam) versucht. Das gehört offenbar zum Menschsein, vielleicht sogar zur Größe des Menschen. Wir sind nicht bloß festgelegte Maschinen, die auf einem wie immer gearteten Fließband unseren Teil der Arbeit verrichten. Die Größe des Menschen ist zu sagen: Ich will, oder ich will nicht, sich zum Fließband zu setzen oder nicht, zu nützen oder zu schaden …
  2. Jesus sagt nicht einfach „Nein“, oder „Ich will nicht“ im Blick auf die Versuchungen. Er antwortet mit Bibelstellen, und in jeder dieser Bibelstellen kommt Gott vor. Er gibt das Brot, ihn soll man nicht versuchen, ihm allein soll man dienen. 

Bleiben wir bei der Frage: Wie schaut der Versucher Jesus an? Verlockend: Du kannst alles, du kannst unendlich mächtig sein, du kannst Gott manipulieren und für deine Zwecke verwenden, du kannst machen … Wie schaut Jesus: Ganz ruhig, und letztlich schaut aus seinem Blick Gott. 

Wie schaut uns die Welt, wie schauen uns die Menschen um uns an? Was spricht aus unserem Blick? 

 

 

Erster Fastenimpuls: Jesus und seine Versuchungen – und ich und meine Versuchungen

Gleich am ersten Fastensonntag lesen wir jedes Jahr die Bibelstelle, in der Jesus in der Wüste fastet und gleich von mehreren Versuchungen gelockt wird. Sicher auch weil die Bibelstelle mit den Worten beginnt: „Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.“ So sehen wir die Parallele zwischen der Fastenzeit von Jesus und unserer Fastenzeit – beide 40 Tage.

Doch vielleicht auch wegen der Versuchungen: Jesus kannte sie – und wir kennen sie. Vielleicht können wir auch da Parallelen sehen und zumindest 2-3 Fragen in diese Wochen mitnehmen.

  • Der Versucher hat nicht irgendwelche okkulte dämonische Formeln geflüstert. Er hat die Bibel zitiert, gleich zweimal. Die Versuchung kommt also im Gewand des Guten. Wie ist das bei Einflüssen, die mich umgeben? Was schaut auf den ersten Blick nach etwas Gutem aus, ist aber nur Fassade, wenn ich genauer hinschaue? Und was steckt dahinter? (z.B. Ordnung, die zur Fessel wird; Unterhaltung, die zerstreut; Genuss, der süchtig macht …)
  • „Das alles will ich dir geben, …. wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.“ Was für ein tolles Angebot, doch für welchen Preis/mit welchen Begleitfolgen. Heiligt wirklich der Zweck die Mittel? Wie ist das mit dem tollen billigen Tool, das genau das richtige für unsere nächste Jugendaktion ist … wenn es in einem Umerziehungslager in Asien produziert und über online Plattformen beziehbar ist? Welche Begleitfolgen nehme ich in Kauf für tolle Angebote? Oder wo widerstehe ich?
  • Die Versuchung kommt nicht nur einmal, sondern dreimal aus drei verschiedenen Richtungen. Was ist meine „offene Flanke“, auf die ich besonders achten könnte?

Und schließlich der hoffnungsvolle Ausblick unseres „Role Models“ Jesus. Er erkennt diese Dynamiken und widersteht … und die Engel dienen ihm. Vielleicht machen auch wir die Erfahrung, dass uns bei mehr Bewusstheit und Ausdauer auf einmal Kräfte stärken, die aus Gott unbedingter Liebe stammen.

Will Jesus I-Tüpfel-Reiter?

Dr. Nikolaus KrasaGeneralvikar Dr. Nikolaus Krasa erläuterte in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 6. Sonntag im Jahreskreis (15.02.2026), worauf Jesus hinauswollte, wenn er in der Bergpredigt über die Gesetze der Thora hinausgehend sagte „Ich aber sage euch…“.


Als ich ihn Rom gelebt habe, habe ich gelernt, dass dort die Verkehrsampeln unterschiedliche Bedeutung haben, je nach Tageszeit (das ist, gestehe ich, 30 Jahre her, hat sich vermutlich auch ein Stückchen geändert). Also tagsüber war eine rote Ampel eine rote Ampel. Klar, dass man da mit dem Auto stehen blieb. (Etwas weiter im Süden war das dann schon wieder ein bisschen anders: in Neapel hat eine rote Ampel nicht unbedingt stehen bleiben geheißen).In Rom jedenfalls war das in der Nacht dann anders, also, in der richtigen Nacht, wo dann doch die meisten geschlafen haben, so ab etwa 2 Uhr in der Früh. Da waren roten Ampeln mehr so Hinweisgeber: Achtung, wenn bei der Kreuzung ein Auto kommt, dann lass ihm die Vorfahrt, aber sonst fahr… Fußgängerampeln waren sowieso nur Hinweisgeber: Achtung, Kreuzung mit viel Verkehr, aber nicht unbedingt: warten, bis es grün wird…

Wie ist das mit Jesus? Im ersten Blick sagt er im heutigen Evangelium. Egal wie sinnvoll es ist, bleib stehen, wenn die Ampel rot ist, ja eigentlich, im Blick auf den Sager mit dem Jota (das ist der kleinste Buchstabe im hebräischen Alphabet), auch wenn die Ampel erst gelb blinkt, ja vielleicht sogar, wenn du weißt, jetzt dauert die Grünphase schon sehr lange: Bleib stehen. Erfülle das Gesetz zu 100, vielleicht sogar zu 110%. (Die Geschichte mit dem Jota drückt die nicht mehr ganz gebräuchliche Redewendung vom „I-Tüpfel-Reiter“ aus.) Mach‘s genauer, als gefordert ist. Das scheint ja der Duktus der sogenannten Antithesen zu sein, die wir heute im Evangelium gehört haben. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist…“ Dann folgt ein Stück Torah, also ein Stück Gesetzestext. „Ich aber sage euch…“, dann folgt eine Auslegung Richtung Übererfüllung. Also: nicht töten (das ist Torah), nein mehr, nicht einmal zürnen; oder: nicht Ehe brechen (das ist Torah), nein (aus Männerperspektive), nicht einmal eine Frau entsprechend sehnsuchtsvoll anschauen; nicht zum Bösen verführen lassen (Torah), gleich das Auge ausreißen, das verführt; nicht Scheidebrief (Torah), gar keine Scheidung usw. (die Liste geht weiter. Wenn kommenden Sonntag nicht die Fastenzeit begänne, würden wir die Fortsetzung als Evangelium hören.).

Was ist die Intention Jesu? Das Leben der Menschen noch komplizierter machen (also zu schon bestehenden Regeln noch mehr und schwierigere dazu tun)? Uns zu Gesetzesfreaks machen (Sie kennen so Menschen, die alles 200%ig erfüllen wollen, ziemlich nervige Angelegenheit) – eben so richtige I-Tüpfel-Reiter? Was ist der Kontext? Wir sind in einem typischen jüdischen Streitgespräch. Ziel so eines Gespräches ist es, eine Schriftstelle, einen Gesetzestext besser zu verstehen. Die Methode ist ganz einfach: Spitze die Fragestellung oder die Konfliktsituation immer mehr zu mit dem Ziel, den Text, über den man diskutiert, besser zu verstehen. Und genau das ist der Punkt. Jesus möchte seine Jünger nicht zu Gesetzesfreaks machen, zu 200 Prozent Erfüllern aller biblischen und sonstigen Gesetze. Die Zuspitzung hat einen anderen, eigentlich auch für uns recht selbstverständlichen Sinn. Es geht darum, die Gesetze ihrem Sinn nach zu verstehen und zu leben. Also beim ersten etwa: Wenn es beim menschlichen Zusammenleben nur darum geht zu vermeiden, dass wir einander umbringen, ist das allein wahrscheinlich nicht der Garant für ein gutes Zusammenleben. Es wäre ja besser, wir würden grundsätzlich darauf achten, gut miteinander auszukommen, sodass die Eskalation von Ärger und Zorn, der Mord gar nicht vorkommen. Und damit ist Jesus theologisch mitten in der Diskussion seiner Zeit (die wir mitbekommen hätten, wenn wir bei der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach auch die 10 Verse davor gehört hätten. Da ist nämlich von der Weisheit Gottes die Rede, die schon bei der Schöpfung an Gottes Seite war und die hilft, das Gesetz zu erfüllen. Mit anderen Worten: Eigentlich hat die Schöpfung von Gott her eine gute, weise Ordnung. Eine ungeschriebene Torah. Lang bevor Mose seinem Volk vom Sinai her die Torah Gottes bringt. Letztere ist nötig, um in einer durch Sünde, durch Gewalt, durch Unrecht geprägten Welt zumindest wieder an diese Ordnung zu erinnern, ihr zur Geltung zu verhelfen. Das Licht der Torah soll im Dunkel dieser Welt etwas vom Licht Gottes sichtbar machen (so etwa würde das Buch der Weisheit formulieren). Vielleicht erinnern Sie sich jetzt an das Evangelium vom vergangenen Sonntag, das unserem Text unmittelbar vorausgeht. Wo soll die Schöpfungsordnung Gottes in dieser Welt wieder aufleuchten? „Ihr seid das Licht der Welt“, hat Jesus formuliert. Ihr seid die, die Gottes Torah ihrem Sinn entsprechend leben, und, wie es quasi im Schlusssatz geheißen hat: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

Was Buße bedeutet und warum es das Aschenkreuz gibt

Fastenzeit heißt nicht nur, weniger essen und trinken, sondern grundsätzlich ist der Sinn der Fastenzeit: Der ganze Mensch soll frei werden und sich selbst wiederfinden; er soll das einüben und verwirklichen, was wir durch die Taufe geworden sind: ein neuer Mensch, in dem Christus sichtbar wird.

Der Auftrag Christi heißt: nicht fordern, sondern schenken; nicht festhalten, sondern loslassen, sich selber lassen und wie durch den Tod hindurch das neue, größere Leben gewinnen. Unsere verkehrten Maßstäbe, sollen sich also „um-kehren“. Wir sollen umkehren. Der Übungsweg der Umkehr beginnt für uns Christ/innen am Aschermittwoch. Und weil uns sinnlichen Menschen Zeichen helfen, mit Herz und Verstand zu „be-greifen“, worum es geht, schenkt uns die Kirche dieses markante Zeichen des Aschenkreuzes.

Asche, ein Zeichen der Buße

Theologisch bezeichnet man die innere Umkehr von der Sünde (das Wort kommt von „absondern“) und auch die äußere Wiedergutmachung als „Buße“. Zum Wort „Buße“ haben wir oft Bilder im Kopf, die genau das Gegenteil von dem ausdrücken, was es eigentlich meint. Es geht nicht um Bestrafung, sondern um das Freiwerden von Schuld und die Umkehrung der „Absonderung“, also das Wiederfinden der Gemeinschaft mit den Menschen, von denen wir durch die Sünde getrennt waren.

Schon im Alten Testament wird Asche als ein Zeichen der Buße erwähnt. Der hautkranke Ijob muss am Aschehaufen vor der Stadt sitzen und stirbt den sozialen Tod. In der Kapitulation vor der Unbegreiflichkeit Gottes wird er am Ende aufatmen dürfen „in Staub und Asche“ (Ijob 42,6).

Das Aschenkreuz – ein Brauch aus dem Mittelalter

So versteht sich auch der mittelalterliche Brauch, umkehrwillige Büßer/innen mit Asche zu bestreuen und auf ihrem Weg zurück ins Leben – das heißt in die Gemeinschaft der Kirche – zu begleiten. In den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte mussten Menschen, die eine Kirchenbuße auferlegt bekommen hatten, in der Fastenzeit ein für alle erkenntliches Bußgewand tragen. Am Gründonnerstag wurden sie dann wieder in die Kirche aufgenommen und zum Empfang der Kommunion zugelassen.

Das Aschenkreuz

Unterzogen sich anfangs nur einige Frauen und Männer aus Solidarität mit den öffentlichen Sünder/innen ebenfalls diesem Ritus, wurde es im 10. Jahrhundert üblich, am Beginn der Vierzigtagezeit allen Gläubigen Asche entweder auf den Scheitel zu streuen oder damit ein Kreuz auf die Stirn zu zeichnen. Papst Urban II. empfahl 1091 die Aschenbestreuung für die gesamte Kirche. (vgl.: https://www.erzdioezese-wien.at/aschermittwoch)

Ich durfte diesen Übungsweg der Umkehr für mich persönlich 2020 auf zehn Monate im Rahmen von Exerzitien im Alltag ausdehnen. Die Erkenntnisse dieser Zeit möchte ich euch in einer kurz zusammengefassten 3-fachen Aufforderung mit auf den Weg durch die Fastenzeit geben:

Lasse dich lieben!
Lasse dich los!
Liebe gelassen los!

Wie hat alles angefangen?

Dr. Hans PockEinen Tag nach der Weihe des neuen Erzbischofs von Wien Josef Grünwidl und am Sonntag des Wortes Gottes (25.01.2026) stellte Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Frage, wie alles angefangen hat, und zeigte auf, wie die Tätigkeit Jesu begonnen hat und was daraus für uns folgt.


Wie hat alles angefangen? Das ist eine Frage, die man sich im Laufe des Lebens im Rückblick wohl so manchmal stellt. Wie hat alles angefangen, mit der Beziehung, mit meinem Beruf? Wie hat es angefangen mit einer Krankheit? Oder auch mit dem Glauben.

Oder im Umfeld der Bischofsweihe von Erzbischof Josef Grünwidl: Wie viele da gefragt haben, wie bei ihm alles angefangen hat – mit dem Glauben, mit seiner Liebe zur Musik, mit der Theologie und dem Priestersein.

Und auch die junge Kirche fragte sich: Wie hat alles angefangen?

Gerade die Bibel berichtet uns von den Anfängen: Vom Anfang der Welt in der Schöpfungserzählung; vom Anfang der Verheißungen; vom Anfang des berufenen Volkes. Und dann auch vom Anfang des christlichen Glaubens. Die ganze Bibel ist ein Glaubenszeugnis über Jahrhunderte hinweg.

Zu Weihnachten haben wir mehrfach gehört: „Am Anfang war das Wort“ – So beginnt das Johannesevangelium. Es ist eher griechisch-philosophisch ausgerichtet. Aber gerade auch der Sonntag des Wortes Gottes verweist auf die Bedeutung dieses Wortes.

Das Leitevangelium in diesem Jahr ist das Evangelium nach Matthäus. Es begleitet uns durch das ganze Kirchenjahr. Wie schildert er diese Anfänge?

1) Der Evangelist Matthäus erzählt von einem relativ unspektakulären Beginn: Jesus zieht sich nach seiner Taufe am Jordan zurück. Und er beginnt seine öffentliche Tätigkeit nicht im Zentrum des religiösen, gesellschaftlichen und politischen Lebens, also in Jerusalem, sondern in einer von vielen verachteten Gegend in Galiläa, in seiner Heimat. Er beginnt bei einem Volk, von dem schon Jesaja gesagt hat: Es ist ein Volk, das im Dunkel sitzt, in einem Land, das nicht nur von den Menschen, sondern auch vom Herrn verachtet ist.

Den Menschen, die im Land der Finsternis wohnen, will Jesus Licht aufstrahlen lassen; er will das drückende Joch und den Stock des Treibers zerbrechen. Er will das verachtete Land zu Ehren bringen. Die ersten, an die Jesus sich wendet, sind also nicht die Reichen, die Angesehenen, die Mächtigen, sondern die Verlassenen, die Verachteten, jene, die im Dunkel sitzen. Sein erstes Zeichen ist es, dass er sich auf die Seite der Armen stellt.

Also der erste Akzent am Anfang: Er geht an die Ränder; er geht zu den Armen; er verlegt das Zentrum seines Wirkens an die Peripherie.

2) Und was ist der erste Inhalt seiner Reden, seine ersten überlieferten Worte? Er verkündet: „Das Reich Gottes ist nahe“. Und er ruft zur Umkehr: „Bekehrt euch“.

Jesus will Menschen Hoffnung geben. Sie soll die Menschen, die im Dunkel sitzen, zur Umkehr befähigen. Sie soll helfen, sie von Verzweiflung zu befreien und ermutigen, Fehlhaltungen – Sünden – aufzugeben. Den Menschen Hoffnung geben und durch die Hoffnung Umkehr zu ermöglichen, ist ein zweites Prinzip christlichen Lebens und Wirkens.

Daher die Botschaft: Das, worauf ihr wartet, beginnt. Ihr stöhnt unter dem Joch des römischen Reiches. Ihr fühlt euch unterdrückt und unfrei. Doch Erlösung ist nahe: Der Messias; der Befreier.

Und deshalb: Ihr müsst euch ändern! Wenn Gott nahe ist, dann muss das Auswirkungen haben. Wenn Mächtige kommen, bereitet man den ganzen Ort; man schmückt alles; man will möglichst gut dastehen. Wenn Gott aber kommt, dann geht es um das Innere: Bereit euer Inneres; bekehrt euch.

Jesus verkündet das nahe Gottesreich – und die notwendige Umkehr.

3) Und nun drittens die Frage: Was tut Jesus?

Er redet nicht nur von Gottes Reich. Sondern er verkündet das Wort Gottes in einer Weise, die aufhorchen lässt: Er heilt Kranke, er bricht die Macht des Bösen, er vergibt Sünden. Diese Zeichen helfen den Menschen, an seine Botschaft zu glauben. Sein Wort, seine Handlungen stimmen überein. Er redet von der Befreiung durch Gott – und er befreit Menschen von dem, was sie belastet.

Zu diesen Handlungen Jesu gehört aber auch: Jesus sucht sich Mitarbeiter. Das heutige Evangelium berichtet, wie Jesus Menschen aus ihrer bisherigen Lebensweise herausruft, sie einlädt mit ihm zu gehen und zu wirken. „Kommt her und folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen“. Sie sollen „Menschen fischen“. Das heißt: Sie sollen Menschen für das Reich Gottes gewinnen, indem sie an der Sendung Jesu Anteil haben.

Jesus sucht Mitarbeiter bewusst nicht aus der religiösen oder politischen Elite aus. Es sind einfache Fischer, Bauern, Handwerker… Und er führt sie ein in das, was ihm wichtig ist – indem sie ihn begleiten, ihm nachfolgen. Indem sie ihm zuhören und darauf achten, was er tut.

Dass er hier nur Männer aussucht, ist sicherlich der damaligen Zeit geschuldet, in der es nicht üblich war, dass Frauen herumzogen. Zugleich aber waren wichtige Frauen unter seinen Jüngerinnen dabei und haben zur Weitergabe des Wortes Gottes wesentlich beigetragen.

Letztlich sollen je nach ihrer Sendung alle Christinnen und Christen Mitarbeitende Jesu sein – und sie bedürfen dafür einer lebenslangen Schule. Sie sollen mit ihm gehen. Nur so werden sie fähig, das zu tun, was er ihnen aufträgt: Mithelfen, dass Menschen, die im Dunkel sitzen, ein Licht aufstrahlt.

Zusammenfassend gibt es also drei Akzente bei Matthäus: Jesus ist auf der Seite der Verstoßenen; er verkündet den Anbruch des Reiches Gottes; und er redet nicht nur, sondern befreit Menschen und holt sich dazu Mitarbeiter.

Nochmals die Frage vom Beginn: Wie hat alles angefangen?

Der Blick auf den Anfang ist wie ein Blick auf einen Kompass: Er ermöglicht uns, wieder die richtige Richtung einzuschlagen; den richtigen Weg zu finden – und das ist ein gemeinsamer Weg der Menschen mit Jesus. Er ist ein Weg der Verheißung, und nicht der Sicherheiten. Ein Wagnis; ein Gang an die Ränder. Aber zugleich doch auch mit einer Gewissheit: Wer Jesus folgt, dem wird es nicht langweilig; da verändert sich etwas. Es ist nicht immer leicht; es ist anspruchsvoll – aber er hat etwas zu bieten: Nämlich ein Leben, das lebenswert ist.