CHRISTUS IN DER „CLOUD“ – Predigt

Pater Dr. Clemens Pilar COpAm Fest Christi Himmelfahrt (14.05.2026) legte P. Clemens Pilar COp in Schönbrunn-Vorpark dar, wie die Aussage dieses Festes zu verstehen ist, was damit nicht gemeint ist und was wir daraus mitnehmen sollen/dürfen.


Kaiser Josef II., der vielfach auch in die Angelegenheiten der Kirche eingegriffen hat, hatte als aufgeklärter Monarch Sorge, dass seine Untertanen Christi Himmelfahrt falsch verstehen könnten und hat deshalb den – an manchen Orten auch heute noch aktuellen – Brauch verboten, im Rahmen der Gottesdienste eine Jesus-Statue an Seilen zur Decke zu ziehen und sie dann durch ein Loch im Dachboden verschwinden zu lassen. Ich denke, die Gefahr, die sogenannte Himmelfahrt Jesu als ein astronautisches Ereignis zu deuten, ist heute weniger gegeben.

Freilich werden wir jedes Jahr angeregt, darüber nachzudenken, was dieses in der Schrift bezeugte Ereignis bedeutet, und was man uns mit dieser Geschichte, so wie sie überliefert wurde, sagen wollte. Denn eines fällt beim genaueren Hinsehen auf: Nicht nur, dass dieses Ereignis eigentlich nur im Lukasevangelium berichtet wird (die Stelle haben wir heute nicht gehört), auch der Autor dieses Evangeliums scheint sich, als er das Ereignis dann noch einmal in der Apostelgeschichte beschreibt, zu widersprechen. Während wir jetzt gehört haben, dass Jesus erst vierzig Tage nach seiner Auferstehung von der Wolke aufgenommen und ihren Blicken entzogen wurde, lesen wir im Lukasevangelium, dass dies schon am Tag der Auferstehung selbst geschehen ist.

Und während die Apostelgeschichte scheinbar von einem vorläufigen Weggang Jesu spricht (er soll aber wiederkommen), weiß das Matthäusevangelium – aus dem wir jetzt gerade den letzten Abschnitt gehört haben – gar nichts von einem Weggang Jesu. Im Gegenteil, hier gibt Jesus den Jüngern die Zusage: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. 

Ich denke, soweit ist es uns ja klar: Jesus entfernt sich nicht von den Jüngern und von der Kirche, aber seine Art und Weise der Gegenwart ändert sich nach seinem Tod und seiner Auferstehung. Die Rede von der Wolke, die Jesus aufgenommen und den physischen Blicken der Jünger entzogen hat, kommt uns ja heute besonders entgegen. In der Sprache der Bibel ist die Wolke ein Symbol für die Gegenwart Gottes. Denken wir z.B. nur an die Wolkensäule, die dem Volk Israel in der Wüste vorangegangen ist, oder die Wolke, die sich auf das Offenbarungszelt herabgesenkt hat, um das Herabsteigen Gottes anzudeuten. Jesus wird also ganz in die göttliche Dimension aufgenommen.

Mir drängt sich da ein Vergleich mit unserer modernen Welt auf. Wenn wir Daten nicht auf unserem Computer speichern wollen, können wir sie in die „Cloud“ hochladen. Das hat den Vorteil, dass die Daten dann an allen Orten der Welt zu jeder Zeit abrufbar sind (Netzempfang vorausgesetzt). Man könnte es also so sagen: Indem Jesus in die Wolke hinein aufgenommen wird, wird er erst recht gegenwärtig für alle Zeiten und an allen Orten.   Er kommt nicht erst am Ende der Geschichte wieder – gleichsam auf Wolken –, sondern er kommt jederzeit „aus der Wolke“ in die Geschichte.

Nach der Apostelgeschichte wird Jesus nach vierzig Tagen von der Wolke aufgenommen, d.h. als die Zeit „reif“ war. Wie das Volk Israel nach vierzig Jahren reif war, das gelobte Land einzunehmen, so wird den Jüngern jetzt zugetraut, dass sie einen selbstständigen, reifen Weg im Namen Jesu gehen können. Durch den Geist Gottes, der bald gegeben wird, bleiben sie, bleiben wir mit ihm verbunden.

Im Matthäusevangelium werden die Jünger beauftragt zu gehen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“. Wörtlich heißt es eigentlich: „Gehend zu Jüngern macht alle Völker“. Das Wort, das in den deutschen Evangelien mit dem Begriff „Jünger“ wiedergegeben wird, bedeutet auch „Schüler“. Alle, die Jesus gerufen hat, bleiben Schüler und sollen in Bewegung bleiben. Und während sie sich bewegen, sollen sie alle Völker einladen, Mitlernende zu werden. Dass die Jünger – durch die ganze Geschichte hindurch – Lernende bleiben müssen, liegt auch daran, dass Jesus – wie wir das aus dem Johannesevangelium gehört haben – ihnen noch nicht alles sagen konnte, weil manches noch ihr Fassungsvermögen überstiegen hätte. Der Geist wird sie in der ganzen Wahrheit leiten.

Was ist der Stoff, der zu lernen ist? Nun, da hat uns der Text der zweiten Lesung einen wichtigen Hinweis gegeben: „Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt…“ Jesus ist den physischen Augen entzogen. Die Augen des Herzens aber können zu einer neuen Schau seiner Gegenwart kommen. Um Christus Jesus immer besser kennen zu lernen und die heilende und rettende Macht zu erfahren und zu bezeugen, dürfen wir nicht stehen bleiben und auch Jesus nicht auf eine bestimmte Vorstellung und ein bestimmtes Bild der Erinnerung fixieren. Wenn man das versucht, entschwindet der lebendige und gegenwärtige Christus dem Blick und die Erinnerungsbilder erstarren zur Karikatur. (Auch die physischen Augen müssen ständig Mikrobewegungen durchführen, damit der Sehpurpur sich regenerieren kann und das Bild vor Augen nicht entschwindet. Da die Augen von Hühnern diese Mikrobewegungen nicht durchführen, müssen diese ihren Köpf ständig ruckartig bewegen, um so den Blickwinkel leicht zu verändern und nicht zu buchstäblich „blinden Hendln“ zu werden.)

Christi Himmelfahrt ist also eigentlich ein Fest seiner fortwährenden Gegenwart, die auch wir erfahren dürfen. Als Lernende werden wir ihn immer besser kennenlernen und unser Leben kann immer tiefer von ihm, von seinem Wesen geprägt werden. Und durch uns und an uns können dann jene, die Jesus jetzt noch nicht kennen, mit ihren physischen Augen etwas sehen und erahnen, was wir mit den Augen des Herzens wahrnehmen.