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Archiv für die Kategorie: Predigten der Gastpriester

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Gerettetes Leben – Predigt

16. Juni 2026/von P. Clemens Pilar COp

Pater Dr. Clemens Pilar COpWas haben die Schrifttexte dieses Sonntags mit den Kirchenpatronen der Kirche von Schönbrunn-Vorpark und der Pfarre Hildegard Burjan zu tun? Damit befasste sich P. Clemens Pilar COp in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 11. Sonntag im Kirchenjahr (14.06.2026). Und welche befreiende Botschaft können wir in Texten entdecken, die auf den ersten Blick vielleicht unverständlich oder veraltet anmuten?


Wenn ich mich für eine Sonntagspredigt vorbereite, finde ich es immer interessant, aus den drei vorgelegten Texten das verbindende Thema zu erschließen, bzw. die Wurzel in diesem Dreiklang zu entdecken. Für diese hl. Messe wurde es für mich noch spannender, da wir es nicht nur mit drei Texten zu tun haben, sondern auch mit drei Festgedanken. Zusätzlich zur Auferstehungsfeier des Sonntags wollen wir noch die beiden Patronate für diese Kirche mitbedenken, das unbefleckte Herz Mariens und die sel. Hildegard Burjan. Mir leuchtet tatsächlich ein verbindendes Thema auf, das uns durch die Texte der hl. Schrift vorgelegt wird.

Die erste Lesung hat uns eine entscheidende Etappe der Exodusgeschichte vor Augen gestellt. Israel war nach langem Ringen aus Ägypten ausgezogen und ist nun am Berg Sinai angekommen. Bald wird Mose auf den Berg steigen, um die Tora – die ein Gesetz der Freiheit sein soll – zu empfangen.

In der zweiten Lesung aus dem Brief an die Römer spricht Paulus über die Errettung der Sünder – freilich in Worten, die für uns heute nur noch schwer verständlich, ja eigentlich sogar verstörend klingen: Was bedeutet es wirklich, dass wir durch das Blut gerecht gemacht und durch den Tod des Sohnes gerettet wurden? Wir werden uns das noch übersetzen müssen.

Das Evangelium wiederum spricht von der Aussendung der Jünger. Sie werden ausgestattet mit der Vollmacht, unreine Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden im Volk zu heilen – übrigens die einzige „Vollmacht“ im eigentlichen Sinne, die den Jüngern eigentlich übertragen wurde. Das ist der fünffache Auftrag: Verkünden, heilen, Tote erwecken, Aussätzige rein machen und Dämonen austreiben. Wir werden gleich sehen, was damit gemeint ist.

Was hat das nun alles mit den Patronaten zu tun, die wir heute feiern? Das Stichwort gibt uns das „unbefleckte“ Herz Mariens. Was kann uns das heute noch sagen, wo sich dieser Titel doch noch auf die Idee einer „Erbsünde“ bezieht, die nach der Vorstellung des Augustinus mit der Zeugung im Fleisch weitergegeben wird. Papst Benedikt hat diese unbiblische Idee korrigiert und so gedeutet: Jeder Mensch wird in eine von sündigen Strukturen gezeichnete Welt hineingeboren, die ihn früher oder später auch verletzten werden. So wird die Sünde von außen übertragen. Ein deutscher Arzt und Psychiater sagt, dass im Grunde die Einflüsse, die sich verletzend auf ein Leben auswirken, schon im Mutterleib beginnen. Er sagt, kein Mensch wird „unbefleckt“ geboren. Sobald ein Mensch geboren ist, ist er vielen Wünschen und Forderungen ausgesetzt. Es ist sehr schwer, dass ein Mensch wirklich zu dem aufblühen kann, was er eigentlich sein kann und soll. Es gibt den Spruch: „Weißt du noch, wer du warst, bevor man dir gesagt hat, wer du sein sollst?“

Wenn wir Maria als die „Unbefleckte“ bezeichnen, können wir das heute auch so verstehen, dass sie von Anfang an unverbogen und authentisch war. So wie uns das in der Kindheitsgeschichte des Lukasevangeliums geschildert wird, kommt das recht originell zur Darstellung: Da wird uns zuerst vom gebildeten Priester Zacharias erzählt, der voll ist von theologischem Wissen und alle Rituale beherrscht, die er im Tempel durchzuführen hat. Aber all das Vorwissen blockiert ihn auch, und als ihm Gott durch den Engel etwas sagen will, kann er es nicht glauben und muss verstummen. Im Kontrast dazu wird uns Maria in Nazaret gezeigt, die dem Engel in erfrischender Offenheit begegnen kann. Sie hatte es insofern „leichter“ als der arme Zacharias, denn Mädchen durften damals nicht in der Tora unterrichtet werden. Sie ist in diesem Sinne also wirklich „unbefleckt“ und „jungfräulich“ und damit auch fähig, das Wort des himmlischen Boten aufzunehmen. Auch, wie sie sich dann verhält, zeigt, dass sie sich nicht um die Konventionen ihrer Zeit kümmert und tut, was man eigentlich nicht tun darf: als Mädchen alleine durch das Bergland reisen, im Haus des Zacharias nicht zuerst den Hausherren zu begrüßen, sondern die Frau…

Wir aber erleben uns selbst oft nicht in dieser inneren Freiheit, weil wir so vielen Wünschen und Erwartungen ausgesetzt sind, und das von klein auf. Von jüdischer Seite gibt es dafür ein Bild. Da heißt es: Jeder ist in Ägypten geboren. Ägypten ist das Land der Entfremdung. Dort wird man vom fremden Pharao bestimmt. Der lässt einen nicht sein, was man sein soll. Deshalb muss jeder Mensch eines Tages aus seinem Ägypten aufbrechen und den Weg ins Gelobte Land antreten, wo er – angeleitet unter der Stimme Gottes – endlich werden und sein kann, was er wirklich ist.

Davon spricht in – für uns kaum noch verständlichen Worten – auch Paulus in seinem Brief an die Römer. Gott hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren, aber: „Nachdem wir durch sein Blut gerecht gemacht wurden, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn gerettet werden.“ An diese Rede knüpfen sich so viele falsche Vorstellungen, die ein falsches Gottesbild zur Folge hatten. Verstehen können wir es nur im Zusammenhang mit der Symbolik des großen Versöhnungstags, dem Yom Kippur.

Der Mensch in der Entfremdung verfehlt das Ziel seines Daseins. Sünde bedeutet Zielverfehlung. Durch die Sünde der Menschen fließt die Lebenskraft weg, die Spannungen untereinander wachsen, der Zornespegel unter den Menschen steigt. Am Yom Kippur tut Gott alles, um das Leben der Menschen zu erneuern. Dazu wird symbolhaft Blut über dem Volk und dem Altar verspritzt. Blut galt als Sitz des Lebens. Menschen werden durch dieses Geschenk der Lebenskraft wieder aufgerichtet, gereinigt und können neu anfangen. Der Zorn, von dem hier die Rede ist, ist nicht der Zorn Gottes, sondern jener der Menschen, die sonst das Leben voneinander fordern, das ihnen durch die Sünde der anderen vermindert wurde. Gott durchbricht diese Spirale der Gewalt, indem er sich hineingibt und sein Leben und seine Liebe schenkt. So wird eine größere Gerechtigkeit geschenkt, die der Mensch mit seinen Forderungen nie erreichen könnte.

Und davon spricht dann auch das Evangelium. Das Ziel der Mission ist der gerettete und zu sich selbst befreite Mensch. Die „unreinen Geister“ oder auch „Dämonen“ sind die fremden Stimmen, die einen Menschen daran hindern, das eigene wahre Leben vor Gott zu entfalten, es sind die vielen Stimmen, die einen Menschen verbiegen und bedrücken. Diese fremden Stimmen müssen zum Verstummen gebracht werden, anstelle dessen soll die Frohe Botschaft vom Reich Gottes neue Lebenshorizonte erschließen: „Das Himmelreich ist herangekommen!“, der Raum zu atmen und zu leben.

Hildegard Burjan hat ihr Leben den Menschen gewidmet, denen dieser Raum zum Leben abgesprochen worden war, die kaum Gelegenheit hatten, die Lebensmöglichkeiten auszuschöpfen, sie hat ihr Leben den Menschen gewidmet, die viel zu lange in ihrem „Ägypten“ ausharren mussten. Es war ein Stück Arbeit am „Neuen Himmel und der Neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“

Der Blick auf das „Unbefleckte Herz Mariens“ hält uns vor Augen, was wir alle werden dürfen. Gott kommt uns dazu in Jesus Christus entgegen, er schenkt uns seine Lebenskraft, durchdringt uns förmlich, schließt uns an seinen Blutkreislauf an, sodass alle Fremdherrschaften weichen müssen und ein Leben aus der eigenen Personmitte heraus möglich wird. So gestärkt dürfen wir uns wie Hildegard Burjan hineinnehmen lassen in diesen Strom der Kraft Gottes, die unsere Welt erreichen und Menschen befreien, aufrichten und heilen kann.

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2024/10/Portal-der-Kirche-Schoenbrunn-Vorpark.jpg 1078 1617 P. Clemens Pilar COp https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png P. Clemens Pilar COp2026-06-16 07:06:142026-06-16 07:10:18Gerettetes Leben – Predigt

Verstehen, Sprache und Heiliger Geist – Predigt

26. Mai 2026/von Dr. Christoph Benke

Dr. Christoph BenkeWie können wir einander verstehen? Was braucht es dazu? Und wie hängt das mit Pfingsten zusammen? Damit beschäftigte sich Dr. Christoph Benke in seiner Predigt am Pfingstsonntag (24.05.2026) in Schönbrunn-Vorpark.


Wenn sich der Eindruck verfestigt, nicht verstanden zu werden, zählt das zu den bitteren und tragischen Momenten. Wir sprechen, suchen nach Worten, nach Umschreibungen, nach Ausdruck – und trotz allem Bemühen muss ich jemandem sagen: Du verstehst mich nicht!

Aber das ist keine Einbahnstraße. Umgekehrt höre ich vielleicht ebenso ein Du verstehst mich nicht! Je näher einem dieser Mensch ist, umso schmerzvoller ist das. Da bleibt etwas Trennendes zwischen uns.

Das Wort und die Sprache sind ein kostbares, göttliches Gut. Gleich am Anfang der Bibel heißt es: Und Gott sprach. Durch das Wort kommt Neues, das vorher nicht da war. Der Evangelist Johannes vergewissert sich dieses Ursprungs: Im Anfang war das Wort, … und das Wort war Gott. Da öffnete Gott sein Herz. Heute, am Pfingstfest, hören wir: Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer (Apg 2,3). Zunge ist gleichbedeutend mit Sprache. Ohne Zunge keine Sprache, kein Verstehen.

Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden. (V 4) Die heilige Geistkraft überwindet Fremdheit. Sie verbindet, was trennt, und ermöglicht Verstehen dort, wo es unmöglich schien. Lukas erwähnt insgesamt 17 Regionen und Ethnien. Auf einmal ist Empathie da! Die Galiläer – so werden die Jesusleute genannt – können sich verständlich machen: Jeder hörte sie in seiner Sprache reden (V 6), in der Muttersprache (V 8).

Der Weg vom Du verstehst mich nicht! hin zum Gefühl, dass der Andere meine Sprache spricht, kann weit sein. Wo sich die Blockade löst und Verstehen geschenkt wird, dort ist Heiliger Geist am Werk. Das ist ein Geburtsfest, neue Schöpfung.

 

 

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2023/03/pfingsten.jpg 653 1280 Dr. Christoph Benke https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png Dr. Christoph Benke2026-05-26 12:35:432026-06-01 12:45:05Verstehen, Sprache und Heiliger Geist – Predigt

CHRISTUS IN DER „CLOUD“ – Predigt

18. Mai 2026/von P. Clemens Pilar COp

Pater Dr. Clemens Pilar COpAm Fest Christi Himmelfahrt (14.05.2026) legte P. Clemens Pilar COp in Schönbrunn-Vorpark dar, wie die Aussage dieses Festes zu verstehen ist, was damit nicht gemeint ist und was wir daraus mitnehmen sollen/dürfen.


Kaiser Josef II., der vielfach auch in die Angelegenheiten der Kirche eingegriffen hat, hatte als aufgeklärter Monarch Sorge, dass seine Untertanen Christi Himmelfahrt falsch verstehen könnten und hat deshalb den – an manchen Orten auch heute noch aktuellen – Brauch verboten, im Rahmen der Gottesdienste eine Jesus-Statue an Seilen zur Decke zu ziehen und sie dann durch ein Loch im Dachboden verschwinden zu lassen. Ich denke, die Gefahr, die sogenannte Himmelfahrt Jesu als ein astronautisches Ereignis zu deuten, ist heute weniger gegeben.

Freilich werden wir jedes Jahr angeregt, darüber nachzudenken, was dieses in der Schrift bezeugte Ereignis bedeutet, und was man uns mit dieser Geschichte, so wie sie überliefert wurde, sagen wollte. Denn eines fällt beim genaueren Hinsehen auf: Nicht nur, dass dieses Ereignis eigentlich nur im Lukasevangelium berichtet wird (die Stelle haben wir heute nicht gehört), auch der Autor dieses Evangeliums scheint sich, als er das Ereignis dann noch einmal in der Apostelgeschichte beschreibt, zu widersprechen. Während wir jetzt gehört haben, dass Jesus erst vierzig Tage nach seiner Auferstehung von der Wolke aufgenommen und ihren Blicken entzogen wurde, lesen wir im Lukasevangelium, dass dies schon am Tag der Auferstehung selbst geschehen ist.

Und während die Apostelgeschichte scheinbar von einem vorläufigen Weggang Jesu spricht (er soll aber wiederkommen), weiß das Matthäusevangelium – aus dem wir jetzt gerade den letzten Abschnitt gehört haben – gar nichts von einem Weggang Jesu. Im Gegenteil, hier gibt Jesus den Jüngern die Zusage: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“. 

Ich denke, soweit ist es uns ja klar: Jesus entfernt sich nicht von den Jüngern und von der Kirche, aber seine Art und Weise der Gegenwart ändert sich nach seinem Tod und seiner Auferstehung. Die Rede von der Wolke, die Jesus aufgenommen und den physischen Blicken der Jünger entzogen hat, kommt uns ja heute besonders entgegen. In der Sprache der Bibel ist die Wolke ein Symbol für die Gegenwart Gottes. Denken wir z.B. nur an die Wolkensäule, die dem Volk Israel in der Wüste vorangegangen ist, oder die Wolke, die sich auf das Offenbarungszelt herabgesenkt hat, um das Herabsteigen Gottes anzudeuten. Jesus wird also ganz in die göttliche Dimension aufgenommen.

Mir drängt sich da ein Vergleich mit unserer modernen Welt auf. Wenn wir Daten nicht auf unserem Computer speichern wollen, können wir sie in die „Cloud“ hochladen. Das hat den Vorteil, dass die Daten dann an allen Orten der Welt zu jeder Zeit abrufbar sind (Netzempfang vorausgesetzt). Man könnte es also so sagen: Indem Jesus in die Wolke hinein aufgenommen wird, wird er erst recht gegenwärtig für alle Zeiten und an allen Orten.   Er kommt nicht erst am Ende der Geschichte wieder – gleichsam auf Wolken –, sondern er kommt jederzeit „aus der Wolke“ in die Geschichte.

Nach der Apostelgeschichte wird Jesus nach vierzig Tagen von der Wolke aufgenommen, d.h. als die Zeit „reif“ war. Wie das Volk Israel nach vierzig Jahren reif war, das gelobte Land einzunehmen, so wird den Jüngern jetzt zugetraut, dass sie einen selbstständigen, reifen Weg im Namen Jesu gehen können. Durch den Geist Gottes, der bald gegeben wird, bleiben sie, bleiben wir mit ihm verbunden.

Im Matthäusevangelium werden die Jünger beauftragt zu gehen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“. Wörtlich heißt es eigentlich: „Gehend zu Jüngern macht alle Völker“. Das Wort, das in den deutschen Evangelien mit dem Begriff „Jünger“ wiedergegeben wird, bedeutet auch „Schüler“. Alle, die Jesus gerufen hat, bleiben Schüler und sollen in Bewegung bleiben. Und während sie sich bewegen, sollen sie alle Völker einladen, Mitlernende zu werden. Dass die Jünger – durch die ganze Geschichte hindurch – Lernende bleiben müssen, liegt auch daran, dass Jesus – wie wir das aus dem Johannesevangelium gehört haben – ihnen noch nicht alles sagen konnte, weil manches noch ihr Fassungsvermögen überstiegen hätte. Der Geist wird sie in der ganzen Wahrheit leiten.

Was ist der Stoff, der zu lernen ist? Nun, da hat uns der Text der zweiten Lesung einen wichtigen Hinweis gegeben: „Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt…“ Jesus ist den physischen Augen entzogen. Die Augen des Herzens aber können zu einer neuen Schau seiner Gegenwart kommen. Um Christus Jesus immer besser kennen zu lernen und die heilende und rettende Macht zu erfahren und zu bezeugen, dürfen wir nicht stehen bleiben und auch Jesus nicht auf eine bestimmte Vorstellung und ein bestimmtes Bild der Erinnerung fixieren. Wenn man das versucht, entschwindet der lebendige und gegenwärtige Christus dem Blick und die Erinnerungsbilder erstarren zur Karikatur. (Auch die physischen Augen müssen ständig Mikrobewegungen durchführen, damit der Sehpurpur sich regenerieren kann und das Bild vor Augen nicht entschwindet. Da die Augen von Hühnern diese Mikrobewegungen nicht durchführen, müssen diese ihren Köpf ständig ruckartig bewegen, um so den Blickwinkel leicht zu verändern und nicht zu buchstäblich „blinden Hendln“ zu werden.)

Christi Himmelfahrt ist also eigentlich ein Fest seiner fortwährenden Gegenwart, die auch wir erfahren dürfen. Als Lernende werden wir ihn immer besser kennenlernen und unser Leben kann immer tiefer von ihm, von seinem Wesen geprägt werden. Und durch uns und an uns können dann jene, die Jesus jetzt noch nicht kennen, mit ihren physischen Augen etwas sehen und erahnen, was wir mit den Augen des Herzens wahrnehmen.

 

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2025/05/Christi-Himmelfahrt.jpg 900 1600 P. Clemens Pilar COp https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png P. Clemens Pilar COp2026-05-18 11:04:182026-05-18 11:09:13CHRISTUS IN DER „CLOUD“ – Predigt

Zu wenig oder genug? – Predigt

5. Mai 2026/von Dr. Christoph Benke

Dr. Christoph BenkeBrauchen wir immer mehr? Sagt uns nicht im Evangelium Philippus, dass es genug ist? Darüber predigte Dr. Christoph Benke am 5. Sonntag in der Osterzeit (03.05.2026) in Schönbrunn-Vorpark.


Waldbrand im Lesachtal, Waldbrand nördlich Graz, Trockenheit: Wieder einmal macht sich die Klimakrise eindrucksvoll bemerkbar. Sie legt nahe, dass wir unseren Lebensstil überprüfen und die Vorstellungen eines guten Lebens revidieren müssen. Das ist bis dato nicht gelungen.

Woran liegt das? Unser System beruht auf wirtschaftlichem Wachstum. Angeblich kann unser Wohlstand anders nicht gehalten werden. Aber es geht an dieser Stelle nicht um ökonomische Theorien, sondern um einen Blick in die Tiefe der menschlichen Seele. Wie kommt es überhaupt dazu, dass wir so an die Steigerung glauben?

Es ist die Gier. Es ist die Unersättlichkeit. Tief drinnen leitet uns die Angst: ‚Ich bekomme nicht genug.‘ Nicht genug an allem: an Leben, an Anerkennung und Zuwendung. Dieses Lebensgefühl treibt uns in den Mechanismus der Steigerung, in die Unzufriedenheit, in die Sklaverei des ‚noch Mehr‘. Das Ergebnis ist ein Zuviel, ein Überfluss, der geistig und spirituell überfordert. Es geht also nicht um Mängel, die behoben werden müssen. Das reicht an Menschenrechte. Es geht auch nicht um Verzicht.

Es geht um das Genug: Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. (Joh 14,8) Als Glaubende dürfen wir aus dem Vertrauen leben, schon längst in Gott zu leben. Dort haben wir genug an allem, was wir in der Tiefe unseres Herzens wirklich brauchen. Dort, beim und im dreifaltigen Gott, ist Sättigung.

Leben aus der Taufe heißt: Lernen, in Gott Stand zu finden. Standfinden in Gott nimmt der Gier die Energie. Wir finden Freude am Genug.

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/05/Ausreichend-Genuegend.jpg 1067 1600 Dr. Christoph Benke https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png Dr. Christoph Benke2026-05-05 11:59:512026-05-05 12:12:45Zu wenig oder genug? – Predigt

RUF IN DIE FREIHEIT – Predigt

27. April 2026/von P. Clemens Pilar COp

Pater Dr. Clemens Pilar COpBeim Schöpfungsgottesdienst im Auer Welsbach Park, bei dem am Ende des Gottesdienstes muskelbetriebene Fahrzeuge gesegnet wurden, zeigte P. Clemens Pilar COp am 4. Sonntag in der Osterzeit (26.04.2026) der Gemeinde von Schönbrunn-Vorpark einen anderen Blick auf das Gleichnis vom guten Hirten; Jesus will, dass die Menschen in die Freiheit geführt, ja getrieben werden, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.


Das Fahrrad, bzw. das Fahrradfahren war in meiner Jugendzeit der Inbegriff von Freiheit. Oft hab ich mich nach Unterrichtsschluss aufs Fahrrad geschwungen, mich bei meinen Eltern abgemeldet (und gesagt, wann ich zurücksein werde) und hab so meine 50, 60 Kilometer heruntergespult. Ich habe damals im oberösterreichischen Kremstal gelebt, wo man wunderbare Radtouren machen konnte. Meine Eltern haben mir zugetraut, dass ich mich in der Landschaft zurecht finde, deshalb haben sie nie vorher gefragt, wohin ich unterwegs bin, ich war frei, meine Routen zu wählen. Ich denke gerne an dieses Gefühl der Freiheit und des Abenteuers zurück. Noch heute bin ich in meiner Freizeit gerne mit dem Fahrrad unterwegs, viel lieber als mit dem Auto. Mit dem Fahrrad ist man freier und ungebundener, man muss keinen Parkplatz suchen, kann auch auf Wegen unterwegs sein, wo kein Auto fahren darf, und umweltfreundlich ist es auch.

Freiheit! Auch im Evangelium geht es heute um diese Thematik. Es ist die Rede vom Schafstall und von Schafen, die nicht in der Enge des Stalls bleiben sollen, sondern die aus diesem hinausgeführt, ja hinausgetrieben werden, sie sollen gute Weide finden. Sie sind frei, jederzeit hinein- und hinauszugehen, so wie es für sie passt… Heute würde man vielleicht sagen: „So sehen glückliche Schafe aus“.

Aber natürlich geht es im Evangelium nicht um Kleinviehzucht. Eigentlich bringt Jesus hier eine höchst provokante Botschaft, im Grunde Religionskritik vom Feinsten. Das bemerkt man spätestens dann, wenn man den Text im Griechischen Original vor sich hat: Das Wort, das hier im Deutschen mit „Stall“ wiedergegeben wird, ist das griechische Wort „Aulé“, von dem auch das allen bekannte Wort „Aula“ kommt. Es ist eigenartig, dass der Evangelist hier dieses Wort gewählt hat, denn das klassische Griechische Wort für Stall lautet „Stathmos“ oder „Sekós“. Das Wort Aulé verwendet der Evangelist sonst im selben Evangelium nur für den Hof des Hohepriesters am Tempel. Da wird man schon hellhörig. Und wenn man sich dann daran erinnert, dass es im Johannesevangelium – ziemlich am Anfang – schon einmal eine Stelle gegeben hat, wo die Rede davon ist, dass unter anderem auch Schafe aus dem Tempel getrieben werden (vgl. Joh 2, 15), Schafe, die zum Schlachten bestimmt waren, dann hat man endgültig den Schlüssel, um zu verstehen, wie hochbrisant dieses Evangelium ist.

Jesus wirft der Priesterschaft in Jerusalem vor, dass sie die Menschen nur für ihre eigenen Zwecke benutzen. Sie dienen ihnen nicht, sondern bedienen sich ihrer. Man muss dazu verstehen, dass der Opferkult im Tempel ein sehr gutes Geschäft war. Dazu mussten aber die Leute manipuliert werden, damit man sie lenken konnte. Man hat ihnen eingeredet, dass sie die kostspieligen Opfer bezahlen müssen, um Gottes Willen zu erfüllen, Sühne für ihre Sünden zu erlangen oder ähnliches. Jesus hatte diesen Opferkult kritisiert, der den Tempel zu einer Markthalle verkommen hat lassen.

Aber das Schlimmste war, dass diese Form der Religion den Menschen die innere Freiheit genommen hat. Ihnen wurde ein falsches Gottesbild in die Köpfe gesetzt, so dass sie gut lenkbar waren. Religion wurde zum Instrument der Macht. Und Jesus ist dabei, den Mächtigen genau dieses Instrument kaputt zu machen, indem er zeigt, dass Gott ganz anders ist.

Wenn wir jetzt noch bedenken, dass diese Rede vom Guten Hirten im Johannesevangelium die Anschlussstelle an die Heilung des Blindgeborenen ist, der durch Jesus nicht nur das Augenlicht erhalten hat, sondern – wie es wörtlich heißt – zur „Einsicht“ kam, also zum Selberdenken befähigt wurde, dann verstehen wir noch besser, was Jesus mit diesem Gleichnis sagen wollte. Der Blindgeborene wurde dann von den religiösen Autoritäten aus der Synagoge hinausgeworfen. Selberdenker waren nicht erwünscht.

Bei Jesus ist das anders. Er will, dass die Menschen selber denken und ihm aus eigener Einsicht folgen. Darum sagt er, dass diejenigen, die nicht durch die Tür gehen, sondern anderswo in den Stall einsteigen, Räuber und Diebe sind. Man kann das auch so verstehen: Die Tür ist der wache Verstand. Jesus spricht den Verstand an, er fragt sogar manchmal nach: „Habt ihr das alles verstanden?“ Anders gehen die Verführer vor. Sie verschleiern ihre wahren Absichten. Sie schleichen sich in das Denken der Menschen, indem sie z.B. an Gefühle appellieren, sie wecken Ängste und bieten sich als Lösung an… alles, um die Menschen an sich zu binden und sie auszunutzen. Heute geschieht das wieder in großem Maße, zwar meist nicht durch die Priesterschaft, sondern von politischen Kräften, die sich sehr religiös geben und ihre Macht im Namen Gottes auszuüben behaupten. Dass es diesen in keiner Weise um das Heil der Menchen geht, sieht man daran, dass sie Not, Elend und Tod über die Welt bringen. Der Einzelne ist ihnen völlig egal.

Jesus dagegen will, dass die Schafe – hier ein Symbol für die Menschen – in Freiheit leben. Während die Diebe und Räuber sich an den Schafen nähren, sorgt der gute Hirt dafür, dass die Schafe gute Nahrung finden. Er will nicht etwas von den Schafen, er will, dass die Schafe leben. Während den Dieben der Einzelne egal ist, solange er aus ihm Profit schlagen kann, kennt der gute Hirt alle Schafe mit ihren Namen. Jesus will nicht, dass die „Schafe“ im „Stall“ gefangen bleiben, also in dem Bereich, den der Hohepriester für sie festgelegt hat. Er will, dass sie den Ausweg aus jeder ideologischen und religiösen Bevormundung finden. Deshalb führt er die Schafe nicht nur hinaus aus dem Stall, er will sie förmlich „hinaustreiben“ und aus der Gefahrenzone bringen. Manchen „Schafen“, denen man ihr Leben lang die Grenzen des Stalles in den Kopf gepredigt hat, haben wahrscheinlich sogar Angst, diesen Stall zu verlassen.  Jesus muss für diese seine ganze Kraft aufwenden, damit sie den Schritt in die Freiheit wagen.

Für alle aber, die sich mit Namen rufen lassen und der Stimme des Hirten folgen, wird eine neue Kraft des Lebens erfahrbar. Jesus sperrt seine Schafe nicht in einen „Stall“ und nicht in ein Gehege. Alle, die er ruft, dürfen ein- und ausgehen. Die Stimme des Guten Hirten engt nicht ein, sondern bereitet einen weiten Raum, in dem jeder zum Leben kommen kann, weil er die gute „Weide“, also die Nahrung, findet, die wirklich zum Leben dient. Die beste Nahrung aber, die die Seele des Menschen braucht, ist das Wort des „Guten Hirten“, der gekommen ist, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

 

 

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Schaefer-mit-seiner-Schafherde.jpg 1200 1600 P. Clemens Pilar COp https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png P. Clemens Pilar COp2026-04-27 06:35:362026-04-28 11:46:41RUF IN DIE FREIHEIT – Predigt

Die Vielfalt der Kirche – und das Netz, das nicht zerreißt – Predigt

20. April 2026/von Johann Pock

Dr. Hans PockAm 3. Sonntag der Osterzeit (19.04.2026) setzte sich Univ. Prof. Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark mit der nachösterlichen Zeit der Jünger auseinander, mit dem, was sie lernen mussten, und mit dem, was das für uns heute bedeutet.


Wir stehen in der Zeit zwischen Auferstehung und Geistsendung, zwischen Ostern und Pfingsten: Es ist die Zeit, wo die Jünger lernen mussten, was geschehen war; lernen, wie es weitergehen sollte – ohne den Herrn, der ihnen leibhaft vorausgegangen war.

Es ist die Zeit, in der sich die Kirche gebildet hat. Davon berichtet die Apostelgeschichte: Wie die Jünger plötzlich Mut bekommen, für ihren Glauben einzutreten. Wo sie auf öffentlichen Plätzen ihren Glauben verkünden.

Der Schluss des Johannesevangeliums berichtet auch von diesen ersten Momenten der Kirche. Davon hören wir heute. Einige Aspekte möchte ich herausgreifen.

1) Die manchmal vergeblichen Mühen des Alltags – und der Glaubensweitergabe.

Petrus und andere Jünger versuchen Fische zu fangen, sie gehen ihrer Arbeit nach. So wie auch wir:

– Wir versuchen, unseren Glauben weiterzugeben; wir strengen uns an, den Kindern zu vermitteln, was uns etwas wert ist; wovon wir leben.

– Die Erfahrung ist wohl oft dieselbe: Man strengt sich an; setzt alle Kräfte ein – doch die Netze bleiben leer.

– Es heißt hier nicht, dass die Netze immer leer blieben; aber in dieser Nacht geschah es so.

Manchmal wissen wir mit eigenen Kräften nicht mehr weiter.

2) Vertrauen auf den Herrn kann weiterhelfen.

Dann aber geschieht hier etwas: Die Jünger sehen einen Mann am Ufer, der ihnen aufträgt: Sie sollen die Netze auf der anderen Seite auswerfen. – Sie kennen ihn nicht, aber vertrauen auf ihn. – Wider besseres Wissen, gegen die eigene Erfahrung fahren sie hinaus – obwohl es schon hell wird; die beste Fischfangzeit ist vorbei. Sie sind die Experten – doch wer ist das am Ufer? Trotzdem: Sie tun es – und sie fangen mehr als je zuvor.

Als Bild für die Kirche genommen heißt dies: müssten wir nicht öfter auf den Herrn vertrauen und nicht zuerst meinen, alles selber schaffen zu müssen? – Jesus nimmt den Jüngern die Arbeit des Fischens nicht ab – aber er zeigt ihnen einen neuen Weg. Nicht aufgrund ihrer Leistung haben sie volle Netze, sondern weil Gott es so wollte. Das ist für mich sehr entlastend.

Wenn es uns als Kirche gut geht; wenn vieles gelingt – dann sagt mir dieses Evangelium: Werdet nicht stolz auf eure Leistung, sondern seid dankbar für den, der euch Erfolg, Gelingen schenkt.

– Aber wenn es einmal nicht so läuft, dann gebt nicht auf. Versucht euer Bestes. Aber ihr braucht nicht an euch zu verzweifeln, denn auch der Misserfolg liegt nicht zuerst an euch.

3) Bild des Netzes: „153 Fische“ – und es zerreißt nicht

Und dann ist hier das wunderbare Bild für die Kirche: Der Herr selbst sorgt dafür, dass die Kirche lebt; dass Menschen sich zu ihm bekennen. – Und in dieser Kirche sollen nicht nur bestimmte Menschen, Auserwählte sein, sondern sie soll Platz haben für alle. (Denn eine Auslegung sagt, dass die Zahl 153 die Zahl der damals bekannten Fischarten meint; und damit sind symbolisch alle Menschen im Netz versammelt.)

Und dieses Netz zerreißt nicht, obwohl es übervoll ist. Das ist ein eindeutiger Appell zur Toleranz. – Eigentlich (gerade angesichts des Leids, das auch durch unterschiedliche Religionszugehörigkeit geschieht) ist das ein Appell, dass auch verschiedene Religionen im Netz Platz haben müssten!

4) Das Evangelium endet wie so häufig bei Handlungen Jesu mit einem Mahl.

Und für dieses Mahl müssen nicht die Jünger alle Gaben bringen, es ist schon bereitet. Der Herr selbst deckt den Tisch – und die Jünger bringen das Ihre auch mit. Es ist ein Zeichen für unser eucharistisches Mahl; es ist ein Zeichen, dass alles Arbeiten, alles Tun, immer wieder einmünden soll in die Feier der Eucharistie. Jesus versammelt die Jünger um sich. Wir versammeln uns sonntäglich um den Herrn. Es ist ein Zeichen für die Einheit unserer Kirche – aber gleichzeitig schaffen wir damit auch Einheit.

Die Osterzeit erinnert uns in vielen Texten und Zeichen an die Zeit der Bildung der Kirche. – Einer Kirche, die nicht auf eigene Leistung aufbaut, sondern auf den Herrn – die aber im Vertrauen auf ihn ihre Kräfte einsetzt für Gott, für Christus, für ein besseres Leben hier, für Frieden und Gerechtigkeit. – Diese Kirche aber sind wir alle.

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Angeln.jpg 1067 1600 Johann Pock https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png Johann Pock2026-04-20 11:20:032026-04-28 11:34:29Die Vielfalt der Kirche – und das Netz, das nicht zerreißt – Predigt

HÖREN – GLAUBEN – SEHEN – Predigt

13. April 2026/von P. Clemens Pilar COp

Pater Dr. Clemens Pilar COpP. Clemens Pilar COp stellte in seiner Predigt am 2. Ostersonntag (12.04.2026) in Schönbrunn-Vorpark die Frage nach dem angeblich ungläubigen Thomas. Wie verhalten sich Hören, Glauben und Sehen zu einander, und was hat das mit uns und unserem Leben zu tun?


Jetzt haben wir das Evangelium gehört, das dem Apostel Thomas den Beinamen der „Ungläubige“ eingebracht hat. Das ist freilich ungerecht, und ich muss zugeben, dass mir gerade der Apostel Thomas besonders sympathisch ist und ich mich ihm seelenverwandt fühle. Er steht für jene, die es genau wissen wollen, für eine gesunde Skepsis, denn es gibt so viele Möglichkeiten der Täuschung. Das gilt heute in Zeiten des Internets und der KI noch viel mehr (Heute müsste man – wenn man ins Internet geht – das Wort Jesu: „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ umgekehrt formulieren: „Selig, die sehen und nicht glauben“). Thomas ist eben nicht leichtgläubig, aber er gehört nicht zu denen, die die Wahrheit in Frage stellen, sondern er stellt die Frage nach der Wahrheit. Außerdem dürfte er der Mutigste der Jünger gewesen sein. Denn wir dürfen die Frage stellen, warum er sich nicht wie die anderen Jünger hinter den verschlossenen Türen versteckt hatte, sodass er bei der ersten Begegnung mit dem Auferstanden nicht anwesend war. Und als Jesus sich dann auch ihm offenbart, ist er der erste von allen Jüngern, die das volle Bekenntnis zu Jesus ablegen: „Mein Herr und mein Gott“

 „Selig, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus dann. Solche Sätze darf man aber nicht aus dem Zusammenhang reißen, denn auch Jesus ruft nicht zur Leichtgläubigkeit auf. Es ist ihm wichtig, dass Menschen zur Einsicht kommen und verstehen. Gerade das Johannesevangelium, aus dem ja auch der heutige Abschnitt stammt, legt großen Wert auf die Schau: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (vgl. Joh 1, 14). Jesus heilt unter anderem einen Blindgeborenen, und erst nachdem dieser sehen kann, ruft er ihn in den Glauben (vgl. Joh 9, 37), und auch Jesus warnt davor, unterschiedslos jedem zu glauben. Er warnt vor falschen Propheten (vgl. Mt 24, 24), so wie wir auch im ersten Johannesbrief einen deutlichen Aufruf zur Unterscheidung der Geister finden: „Traut nicht jedem Geist…“ (vgl. 1 Joh 4, 1).

Andererseits spricht Jesus mit dieser Seligpreisung „die nicht sehen und doch glauben“, eine grundlegende Wahrheit über den Menschen aus. Dass der Mensch glauben kann, ohne zu sehen, gehört zu den wesentlichen Merkmalen, die ihn von den Schimpansen unterscheidet, mit denen er doch, laut Wissenschaft, 98% der Gene gemeinsam hat. Schimpansen sind sehr intelligent und lernfähig. Aber sie lernen nur durch Zusehen und Nachahmen. Das können Menschenkinder natürlich auch. Aber den Großteil dessen, was wir gelernt haben, zuhause oder in der Schule, haben wir gelernt, weil man es uns erzählt hat. Wissenschaftler sagen heute, dass diese Besonderheit den Menschen zum Kulturwesen macht. Er erzählt Geschichten, entwickelt Mythen, gibt Erfahrungen und Wissen theoretisch weiter. Lernen beginnt mit dem Vertrauen in die Autoritäten, ob Eltern, Lehrer oder andere Vertrauenspersonen. Kinder glauben zunächst nahezu alles, was ihnen Vertrauenspersonen erzählen, deshalb muss man sehr verantwortungsvoll mit dieser Tatsache umgehen.

Auch wir glauben sehr viel, ohne es jemals gesehen zu haben. Aber irgendwann sollte man, wenn möglich, auch einen Realitätscheck durchführen. Bei manchen Dingen, die man uns einmal erzählt hat, ist das einfach. Da sieht man nach oder probiert aus, und die Sache ist erledigt. Aber wie ist das nun bei den Dingen, die man nicht so einfach überprüfen kann? Das heutige Evangelium wirft genau diese Frage auf. Keiner von uns hat den Auferstandenen gesehen. Alle Texte, die wir jetzt gehört haben, sprechen deshalb vom Glauben, in den wir gerufen sind. Für den Skeptiker Thomas gab es eine rasche Möglichkeit, den Realitätscheck vor Ort durchzurühren. Wir haben diese Möglichkeit nicht. Was also bleibt uns? Nur der blinde Glaube – also nicht sehend doch glauben? Ich würde sagen, auf die Dauer wäre das unverantwortlich. Auch wir brauchen einen Realitätscheck, der es rechtfertigt, dass wir uns auf den „Jesuanischen“ Weg einlassen. Aber wie kann der funktionieren?

Da muss man zunächst in Erinnerung rufen, was „Glauben“ im biblischen Sinne meint. Da geht es ja nicht um eine Zustimmung zu Sätzen und Sachverhalten, die man nicht versteht, sondern um Vertrauen in Jemanden. Unser Glaube an Jesus bedeutet, dass wir uns auf ihn und das, was er nach den Zeugnissen der Evangelien gesagt hat, einlassen. Jesus hat uns ein Beispiel gegeben, damit wir handeln, wie er gehandelt hat (vgl. Joh 13, 15). Er hat uns durch seine Lehre einen Deutungshorizont eröffnet. Wie letzte Woche bereits angesprochen, gilt eine Erkenntnis der Wahrnehmungspsychologie: „Wir glauben nicht, was wir sehen, wir sehen, was wir glauben“. Wenn wir Jesus glauben, sehen wir die Welt und die Menschen in einem neuen Licht. Das wird unser Verhalten prägen. Das macht etwas mit uns.

Nun gilt es zu überprüfen: Wenn ich mich auf diesen Weg einlasse und versuche, der Spur Jesu zu folgen, macht das mein Leben besser? Zu welcher „Wirklichkeit“ führt mich dieses Vertrauen? Weitet es meinen Horizont? Bringt es Frieden in mein Herz? Wird mein Verhalten dadurch auch für andere verträglicher? Geht von mir vielleicht sogar – wie man heute sagen würde – „positive Energie“ aus, wie es die Menschen bei Jesus erlebt haben? Oder wird mein Leben komplizierter, mein Horizont enger, werden andere zum Feind, weil sie nicht so denken wie ich, bin ich versucht, meine Überzeugungen mit Unduldsamkeit durchzusetzen… werde ich zu einem Menschen, von dem andere lieber Abstand halten…? Wie also wandelt sich meine Lebenswirklichkeit durch das, was ich glaubend annehme?

Wenn Menschen, die Jesus nicht sehen, ihm und seinen Worten aber doch glauben, zu verträglicheren Menschen werden, zu Menschen, die anderen Raum geben, Menschen werden, von denen Wohlwollen ausgeht – und dazu muss man nicht perfekt sein – dann wird durch solche Menschen etwas von diesem unsichtbaren Jesus in die Sichtbarkeit und in die Tastbarkeit gebracht. Letzten Endes dient das dem Realitätscheck für jene, denen wir die Osterbotschaft weitererzählen wollen. An unserem Leben sollte überprüfbar sein oder wenigstens erahnbar werden, ob an dieser Botschaft etwas dran ist und ob es gut ist, sich darauf einzulassen. Darum ist es für uns gut, wenn wir immer wieder mal Menschen begegnen, wie dem Apostel Thomas, die genau nachfragen, was es mit unserem Glauben auf sich hat. Wenn dann unser Leben deren Realitätscheck standhält, könnte es sein, dass auch solche Menschen ermutigt werden, sich näher auf Jesus einzulassen und den Weg mit ihm zu versuchen.

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Froschfigur.jpg 1047 1600 P. Clemens Pilar COp https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png P. Clemens Pilar COp2026-04-13 08:28:432026-04-13 09:01:16HÖREN – GLAUBEN – SEHEN – Predigt

Vom Dunkel zum Licht

5. April 2026/von Generalvikar Nikolaus Krasa

Dr. Nikolaus KrasaIn der Auferstehungsfeier am Morgen des Ostersonntags (5.00 Uhr-05.04.2026) griff Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa in Schönbrunn-Vorpark die Dramaturgie dieser Feier auf: Vom Dunkel zum Licht, brachte das in Verbindung mit Texten, die wir in der Fastenzeit gehört haben, und öffnete die Perspektive auf die Osterzeit und unser Leben als Erlöste, Geliebte.


Was strahlen wir wider? Wie schaut uns die Welt an, und was leuchtet aus unserem Blick zurück? Das war die Frage, die uns in Variationen seit Aschermittwoch durch diese Zeit bis heute begleitet hat. Vielleicht sogar mehr als eine rein intellektuelle Frage. Vielleicht so etwas wie eine Erfahrung. Denn, was ich anschaue oder wie mich jemand anschaut, das macht etwas mit mir, verändert mich…

Wie schauen Sie mich, wie schauen Sie einander in dieser Nacht an? Rekapitulieren wir kurz den Beginn dieser Feier. Denn, was da vor etwas mehr als einer Stunde geschehen ist, spricht wieder diese Erfahrung des Anschauens und Angeschaut-Werdens an. Wie war es am Beginn in der Kirche? Finster, man hat kaum etwas gesehen, vielleicht schemenhaft die Köpfe, und dass da jemand neben mir steht. Wir konnten einander eigentlich nicht anschauen. Erinnern Sie sich noch an den ersten Sonntag der Fastenzeit? An die Grunderfahrung, die die Geschichte von Adam und Eva anklingen lassen will. Sünde macht blind. Nachdem die beiden vom Baum gegessen hatten, können sie einander nicht mehr anschauen, sie müssen sich bekleiden, können sie Gott nicht mehr sehen, ja laufen sogar vor ihm davon und drücken das auch verbal aus: Auf die Frage Gottes, was passiert ist, sagt Adam: „Die Frau, die du mir gegeben hast, sie hat mir zu essen gegeben.“ Also ganz einfach auf Wienerisch: „I woas net.“ „Schuld sind die anderen, die Frau und letztlich du, Gott (denn für die Frau bist ja da zuständig).“ Sünde macht blind: füreinander, für uns selbst, für Gott. Oder macht zumindest das Schauen anstrengend. Im Blick auf die erste Lesung, die wir in dieser Nacht gehört haben: Das Erste, was Gott tut, was Beginn seiner Schöpfung ist, das Licht, das er erschaffen hat, geht jetzt wieder aus. Oder in verbalen Kategorien, das ist ja der 6fach wiederholte Refrain: Es ist nicht mehr gut, schon gar nicht mehr sehr gut (die Konsequenz für Gott ist die Flutgeschichte) …

Dieses Dunkel gibt es in unserer Welt, in unserem Leben; das ein Stück in uns zu entdecken, ist Sinn der österlichen Bußzeit (deshalb stand auch das Evangelium von der Versuchung Jesu am Beginn dieser Zeit). Und das uns nochmals ins Bewusstsein zu rufen, ist Sinn des Beginns der Osternacht. Deshalb feiern wir in der Nacht (vielerorts auch durch die Nacht), bleiben wach oder stehen früher auf, merken, dass wir müde sind. In gewisser Weise haben Adam und Eva das Licht wieder abgedreht (oder zumindest herunter gedimmt), das Gott am ersten Schöpfungstag aufgedreht hat. 

Was ist dann in dieser Nacht geschehen? Wir haben uns von der Osterkerze, vom auferstandenen Christus, das Licht geholt, unsere Kerzen entzündet. Und damit wurde es nicht nur in der Kirche ein Stück heller, auf einmal waren auch unsere Gesichter wieder erkennbar. Unsere Gesichter haben nicht aus sich selbst heraus geleuchtet (wir beherrschen das Phänomen der Bioluminiszenz nicht, sind keine großen Glühwürmchen), sie wurden vom Osterlicht erhellt. Wir strahlen, um Paulus zu zitieren, (Sie erinnern sich vielleicht noch an den Aschermittwoch) mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit Christi wider. „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ heißt es in 2 Kor 3,18. Mit enthülltem Antlitz: Wir brauchen keine Maske, kein Make-up; so wie wir sind, strahlen wir die Herrlichkeit der Auferstehung, das Licht der Auferstehung wider, mehr noch, kein oberflächliches Geschehen, sondern etwas, das uns innerlich verwandelt: Wir werden in sein Bild verwandelt. Werden das, was Gott von der Schöpfung an mit uns vorhatte: Bild und Gleichnis Gottes, wie es in Genesis 1 heißt. Das Licht geht wieder an, es ist wieder sehr gut. 

Wie das geht? Erinnern wir uns an den Beginn unserer Osterfeier am Gründonnerstag: Christus begibt sich bei der Fußwaschung auf Augenhöhe mit seinen Jüngern. Gott auf Augenhöhe mit uns Menschen heißt, er teilt das, was am menschlichsten beim Menschsein ist, er teilt den Tod mit uns und er lässt uns an dieser seiner Erfahrung teilhaben. Wir können mit ihm sterben, um mit ihm in einem neuen Leben zu wandeln (so hat es Paulus in der heutigen Epistel formuliert). Das geschieht, geschah in unserer Taufe. Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein langer Weg, wir feiern Ostern nicht nur 40 Tage, sondern, länger als die Fastenzeit, 50 Tage, wir feiern danach Ostern weiter jeden Sonntag, wir feiern Ostern unser ganzes Leben. Sein liebevoller Blick auf uns, seine liebevolle Berührung durch die Sakramente haben die Kraft, genau das zu tun: uns in sein Bild zu verwandeln. 

 

 

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Auferstehung.jpg 1067 1600 Generalvikar Nikolaus Krasa https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png Generalvikar Nikolaus Krasa2026-04-05 10:35:442026-06-16 08:48:34Vom Dunkel zum Licht

Der Blick auf das Kreuz und der Blick Jesu vom Kreuz

4. April 2026/von Generalvikar Nikolaus Krasa

Dr. Nikolaus KrasaAm Karfreitag (03.04.2026) legte Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa in Schönbrunn-Vorpark in seiner Predigt den Schwerpunkt auf uns, die wir das Kreuz anschauen, und auf Jesus, der uns vom Kreuz aus anblickt.


Was sehen wir gleich/was schaut uns an? Bleiben wir bei der Frage, die uns seit Aschermittwoch begleitet. Sie bekommt heute am Karfreitag eine besondere Note durch einen Ritus, den es nur am Karfreitag gibt; Sie wissen vermutlich schon, worauf ich anspiele. Ich meine die Kreuzverehrung. Wir werden in Kürze in der Mitte vorgehen, vor dem Kreuz niederknien, Blumen neben das Kreuz legen, gemeinsam davor singen, dass wir das Kreuz anbeten wollen. 

Also: Wenn wir da vor dem Kreuz knien: Was schaut uns da an, was schauen wir an?

Zunächst einmal blickt uns ein Kreuz an, also etwas, das das Leben durchkreuzt, schwer macht, herausfordernd macht, niederdrückt, in letzter Konsequenz tötet. Vielleicht könnte man auch sagen, Lebensqualität nimmt, eigene und die der anderen. Im Blick und im Nachklingen-Lassen dessen, was gerade in der Johannespassion zu hören war: Im Kreuz schaue ich auf den letzten Weg Jesu, den Verrat an ihm, seine Verurteilung, die Qual, die ihm durch seine Peiniger zugefügt wird, seinen Tod. Im Kreuz erkenne ich damit aber gespiegelt mein eigenes Kreuz. Im Kreuz leuchtet das Versagen der Jünger auf, von denen außer einem keiner am Kreuz steht. Nochmals: Was mein Leben schwer macht, leiden lässt, an der Entfaltung hindert, meine Krankheit, meinen Tod. Im Kreuz schaut mich mein Leben an, und Kreuzverehrung heißt da zunächst ganz realistisch: Ich akzeptiere, dass dieser Weg so ist, wie er ist, 

Ich schaue aber nicht nur ein leeres Kreuz an, vom Kreuz her blickt mich der an, der dort hängt. Und wenn ich wieder nachklingen lasse, was wir im Johannesevangelium gehört haben, dann war das letzte deutende Wort dessen, der da am Kreuz stirbt: „Es ist vollbracht“. Und vielleicht klingen dann noch ein paar andere Worte aus dem Johannesevangelium an oder nach, in denen Jesus genau davon spricht: Dass die Herrlichkeit Gottes am Kreuz offenbar wird. „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist durch ihn verherrlicht“, lässt Johannes Jesus unmittelbar nach dem Verrat des Judas sprechen. Und wer das Johannesevangelium kennt, weiß, was der vierte Evangelist mit „verherrlichen“ meint. Den Tod Jesu am Kreuz, als den Moment, in dem die Herrlichkeit Gottes, seine Macht, seine Liebe, seine Größe, sein Gewicht sichtbar, spürbar wird. Für Johannes ist klar: Im Sterben Jesu wird Gottes Herrlichkeit sichtbar. 

Im Blick auf den Weg durch diese heiligen vierzig Tage auf Ostern hin: Erinnern wir uns, was der zweite Fastensonntag in der Geschichte der Verklärung angedeutet hat. Die Welt, die durch die Sünde dunkel geworden ist, intransparent auf Gott hin, beginnt zu leuchten, wird durchscheinend, auf jenen Gott hin, der sie gut geschaffen hat, sogar sehr gut, um die Schlussstrophe des Schöpfungsliedes anklingen zu lassen. 

Und beides gehört zusammen. Das Dunkel und das Licht des Kreuzes, das Kreuz als Zeichen des Todes und das Kreuz als Ort des Lebens, …

 

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Christus-am-Kreuz.jpg 1067 1600 Generalvikar Nikolaus Krasa https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png Generalvikar Nikolaus Krasa2026-04-04 19:30:412026-06-16 08:25:08Der Blick auf das Kreuz und der Blick Jesu vom Kreuz

Jesus an mich heranlassen

3. April 2026/von Generalvikar Nikolaus Krasa

Dr. Nikolaus KrasaIn seiner Predigt am Gründonnerstag (02.04.2026) in Schönbrunn-Vorpark nahm Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa das Thema des Anschauens, das die ganze Fastenzeit geprägt hat, wieder auf. Er ging auf die Verräter, die Reaktion Jesu darauf und auf unsere Reaktionen auf seinen liebenden Blick ein.


Nach unserem Gottesdienst am Palmsonntag ist mir beim Weggehen einer unserer Jugendlichen über den Weg gelaufen, einer, der bei der für mich so eindrucksvollen Passion mitgetan hat. Ich habe mich bei ihm bedankt, er hat darauf etwas säuerlich gelächelt, dann gesagt, dass er den Judas gespielt hat. Worauf mir, ohne viel nachzudenken, der Satz herausgerutscht ist: „Einer hat halt immer die Arschkarte“, worauf ich ein Nicken von ihm als Antwort bekommen habe. Nicht unbedingt ein Sympathieträger, dieser Judas, um es etwas vornehmer zu formulieren. 

Mir ist diese kurze Begegnung wieder eingefallen, als ich mich begonnen habe, mit dem heutigen Tagesevangelium auseinanderzusetzen. Genauer: mit dem heutigen Tagesevangelium und dem, was unmittelbar danach im Johannesevangelium passiert. Das gehört nämlich zusammen und macht nur im Zusammenhang Sinn. Unmittelbar auf das Evangelium folgt eine doppelte Verratsgeschichte: angekündigt bereits durch den letzten Satz Jesu im heutigen Evangeliums: „Ihr seid nicht alle rein.“ Und durch  „Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde.“ Primär, das ist klar, geht es um den Verrat des Judas, also des Jüngers, der die Arschkarte gezogen hat, aber eigentlich auch im unmittelbaren Zusammenhang um den des Petrus – Jesus kündigt ihm an, dass er ihn verleugnen wird (die Geschichte mit dem Hahnenschrei, Sie wissen schon.). Und die der anderen Jünger, von denen bei Johannes nur der Jünger, den Jesus liebte, unter dem Kreuz steht… also jetzt etwas überspitzt formuliert: Eigentlich (bis auf den Jünger, den Jesus liebte, und die Frauen) alle Verräter, oder nochmals vulgär gesagt: Alle, alle haben sie die Arschkarte gezogen…

Was macht Jesus mit ihnen, und zwar mit allen? Damit sind wir wieder zurück beim heutigen Evangelium: Er wäscht ihnen die Füße.

Eine Zusatzfrage, inspiriert durch unseren heurigen Weg durch die österliche Bußzeit (Sie erinnern sich, die hat mit einer Doppelfrage begonnen: Wie schaut mich die Welt an, wie schaue ich sie an? Und mit zwei Alternativen: Blind vor Sünde – Adam und Eva am ersten Fastensonntag, und durchscheinend auf Gott hin, auf das, was Schöpfung eigentlich ist, am 2. Fastensonntag bei der Verklärung Jesu. Also die Zusatzfrage: Wie schaut Jesus die Jünger an? Nicht von oben herab, sondern von unten hinauf. Er macht sich noch kleiner als die Jünger. Er übernimmt – anderes Bild – bei der Fußwaschung die Rolle des Haussklaven. Mir kommt dabei in den Sinn, was man oft tut, wenn man mit Kindern in einen Dialog treten will: Man hockerlt sich hin, macht sich klein. Um klarzumachen, was jetzt in unserem Gespräch zählt, ist nicht der Größenunterschied, sondern das, was uns verbindet. Unsere Beziehung zueinander. Unsere Liebe zueinander. Und – jetzt sind wir wieder bei den Arschkarten – diese Liebe gilt, egal, welche Arschkarte du in deinem Leben gezogen hast, wie groß oder klein die ist. 

Zurück zum großen Bogen des Johannesevangeliums: Da scheint dieses Thema, dieser liebende Blick Jesu ganz entscheidend zu sein (und als Konsequenz der antwortende liebende Blick): Da gibt es den Jünger, den Jesus liebte – so wird er bei Johannes genannt, traditionell wird er mit dem Apostel Johannes oder dem Autor des Evangeliums oder mit beiden identifiziert – der Jünger, den Jesus liebte, der Einzige der Jünger, der unter dem Kreuz steht, der, auf den Jesus vom Kreuz seine Mutter verweist, es ist dieser Jünger, der als Erster am Grab ist, (vor ihm war es Maria von Magdala, die eine besondere Beziehung mit Jesus verbindet) der, der den Auferstandenen bei der letzten johanneischen Ostergeschichte zuerst erkennt.  

Und dann gibt es die Frage, die der Auferstandene Petrus am Ufer des Sees stellt: „Liebst du mich?“, und „Liebst du mich mehr als diese?“ Ein letztes: In den sogenannten Abschiedsreden, einer langen Rede, die im Johannesevangelium Jesus zu seinen Jüngern hält, nach dem Abendmahl, bevor es hinausgeht auf den Ölberg, sagt Jesus, dass er der wahre Weinstock ist und wir die Rebzweige, und dass das, was uns mit ihm und ihn mit uns verbindet, die Liebe ist.

Viele von Ihnen werden nach diesem Gottesdienst noch zur Ölbergandacht bleiben. Natürlich: Das heißt zunächst: Ich sitze oder kniee und schaue den Herrn an. Aber es heißt auch: Ich sitze oder kniee, und er schaut mich an, liebevoll, mit seiner ganzen Zuneigung zu mir, mit seiner göttlichen Kraft, mit Wehmut über das, was in mir diese Liebe nicht versteht, nicht zulassen kann. Er schaut mich mit Liebe an. Setzen wir uns diesem Blick aus. Das ist Gründonnerstag: Jesus so an mich heranzulassen. 

 

https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Passion-Fusswaschung.jpg 1200 1600 Generalvikar Nikolaus Krasa https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.png Generalvikar Nikolaus Krasa2026-04-03 21:45:552026-06-16 08:20:39Jesus an mich heranlassen
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