Brauchen wir immer mehr? Sagt uns nicht im Evangelium Philippus, dass es genug ist? Darüber predigte Dr. Christoph Benke am 5. Sonntag in der Osterzeit (03.05.2026) in Schönbrunn-Vorpark.
Waldbrand im Lesachtal, Waldbrand nördlich Graz, Trockenheit: Wieder einmal macht sich die Klimakrise eindrucksvoll bemerkbar. Sie legt nahe, dass wir unseren Lebensstil überprüfen und die Vorstellungen eines guten Lebens revidieren müssen. Das ist bis dato nicht gelungen.
Woran liegt das? Unser System beruht auf wirtschaftlichem Wachstum. Angeblich kann unser Wohlstand anders nicht gehalten werden. Aber es geht an dieser Stelle nicht um ökonomische Theorien, sondern um einen Blick in die Tiefe der menschlichen Seele. Wie kommt es überhaupt dazu, dass wir so an die Steigerung glauben?
Es ist die Gier. Es ist die Unersättlichkeit. Tief drinnen leitet uns die Angst: ‚Ich bekomme nicht genug.‘ Nicht genug an allem: an Leben, an Anerkennung und Zuwendung. Dieses Lebensgefühl treibt uns in den Mechanismus der Steigerung, in die Unzufriedenheit, in die Sklaverei des ‚noch Mehr‘. Das Ergebnis ist ein Zuviel, ein Überfluss, der geistig und spirituell überfordert. Es geht also nicht um Mängel, die behoben werden müssen. Das reicht an Menschenrechte. Es geht auch nicht um Verzicht.
Es geht um das Genug: Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. (Joh 14,8) Als Glaubende dürfen wir aus dem Vertrauen leben, schon längst in Gott zu leben. Dort haben wir genug an allem, was wir in der Tiefe unseres Herzens wirklich brauchen. Dort, beim und im dreifaltigen Gott, ist Sättigung.
Leben aus der Taufe heißt: Lernen, in Gott Stand zu finden. Standfinden in Gott nimmt der Gier die Energie. Wir finden Freude am Genug.
https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/05/Ausreichend-Genuegend.jpg10671600Dr. Christoph Benkehttps://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.pngDr. Christoph Benke2026-05-05 11:59:512026-05-05 12:12:45Zu wenig oder genug? – Predigt
Beim Schöpfungsgottesdienst im Auer Welsbach Park, bei dem am Ende des Gottesdienstes muskelbetriebene Fahrzeuge gesegnet wurden, zeigte P. Clemens Pilar COp am 4. Sonntag in der Osterzeit (26.04.2026) der Gemeinde von Schönbrunn-Vorpark einen anderen Blick auf das Gleichnis vom guten Hirten; Jesus will, dass die Menschen in die Freiheit geführt, ja getrieben werden, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Das Fahrrad, bzw. das Fahrradfahren war in meiner Jugendzeit der Inbegriff von Freiheit. Oft hab ich mich nach Unterrichtsschluss aufs Fahrrad geschwungen, mich bei meinen Eltern abgemeldet (und gesagt, wann ich zurücksein werde) und hab so meine 50, 60 Kilometer heruntergespult. Ich habe damals im oberösterreichischen Kremstal gelebt, wo man wunderbare Radtouren machen konnte. Meine Eltern haben mir zugetraut, dass ich mich in der Landschaft zurecht finde, deshalb haben sie nie vorher gefragt, wohin ich unterwegs bin, ich war frei, meine Routen zu wählen. Ich denke gerne an dieses Gefühl der Freiheit und des Abenteuers zurück. Noch heute bin ich in meiner Freizeit gerne mit dem Fahrrad unterwegs, viel lieber als mit dem Auto. Mit dem Fahrrad ist man freier und ungebundener, man muss keinen Parkplatz suchen, kann auch auf Wegen unterwegs sein, wo kein Auto fahren darf, und umweltfreundlich ist es auch.
Freiheit! Auch im Evangelium geht es heute um diese Thematik. Es ist die Rede vom Schafstall und von Schafen, die nicht in der Enge des Stalls bleiben sollen, sondern die aus diesem hinausgeführt, ja hinausgetrieben werden, sie sollen gute Weide finden. Sie sind frei, jederzeit hinein- und hinauszugehen, so wie es für sie passt… Heute würde man vielleicht sagen: „So sehen glückliche Schafe aus“.
Aber natürlich geht es im Evangelium nicht um Kleinviehzucht. Eigentlich bringt Jesus hier eine höchst provokante Botschaft, im Grunde Religionskritik vom Feinsten. Das bemerkt man spätestens dann, wenn man den Text im Griechischen Original vor sich hat: Das Wort, das hier im Deutschen mit „Stall“ wiedergegeben wird, ist das griechische Wort „Aulé“, von dem auch das allen bekannte Wort „Aula“ kommt. Es ist eigenartig, dass der Evangelist hier dieses Wort gewählt hat, denn das klassische Griechische Wort für Stall lautet „Stathmos“ oder „Sekós“. Das Wort Aulé verwendet der Evangelist sonst im selben Evangelium nur für den Hof des Hohepriesters am Tempel. Da wird man schon hellhörig. Und wenn man sich dann daran erinnert, dass es im Johannesevangelium – ziemlich am Anfang – schon einmal eine Stelle gegeben hat, wo die Rede davon ist, dass unter anderem auch Schafe aus dem Tempel getrieben werden (vgl. Joh 2, 15), Schafe, die zum Schlachten bestimmt waren, dann hat man endgültig den Schlüssel, um zu verstehen, wie hochbrisant dieses Evangelium ist.
Jesus wirft der Priesterschaft in Jerusalem vor, dass sie die Menschen nur für ihre eigenen Zwecke benutzen. Sie dienen ihnen nicht, sondern bedienen sich ihrer. Man muss dazu verstehen, dass der Opferkult im Tempel ein sehr gutes Geschäft war. Dazu mussten aber die Leute manipuliert werden, damit man sie lenken konnte. Man hat ihnen eingeredet, dass sie die kostspieligen Opfer bezahlen müssen, um Gottes Willen zu erfüllen, Sühne für ihre Sünden zu erlangen oder ähnliches. Jesus hatte diesen Opferkult kritisiert, der den Tempel zu einer Markthalle verkommen hat lassen.
Aber das Schlimmste war, dass diese Form der Religion den Menschen die innere Freiheit genommen hat. Ihnen wurde ein falsches Gottesbild in die Köpfe gesetzt, so dass sie gut lenkbar waren. Religion wurde zum Instrument der Macht. Und Jesus ist dabei, den Mächtigen genau dieses Instrument kaputt zu machen, indem er zeigt, dass Gott ganz anders ist.
Wenn wir jetzt noch bedenken, dass diese Rede vom Guten Hirten im Johannesevangelium die Anschlussstelle an die Heilung des Blindgeborenen ist, der durch Jesus nicht nur das Augenlicht erhalten hat, sondern – wie es wörtlich heißt – zur „Einsicht“ kam, also zum Selberdenken befähigt wurde, dann verstehen wir noch besser, was Jesus mit diesem Gleichnis sagen wollte. Der Blindgeborene wurde dann von den religiösen Autoritäten aus der Synagoge hinausgeworfen. Selberdenker waren nicht erwünscht.
Bei Jesus ist das anders. Er will, dass die Menschen selber denken und ihm aus eigener Einsicht folgen. Darum sagt er, dass diejenigen, die nicht durch die Tür gehen, sondern anderswo in den Stall einsteigen, Räuber und Diebe sind. Man kann das auch so verstehen: Die Tür ist der wache Verstand. Jesus spricht den Verstand an, er fragt sogar manchmal nach: „Habt ihr das alles verstanden?“ Anders gehen die Verführer vor. Sie verschleiern ihre wahren Absichten. Sie schleichen sich in das Denken der Menschen, indem sie z.B. an Gefühle appellieren, sie wecken Ängste und bieten sich als Lösung an… alles, um die Menschen an sich zu binden und sie auszunutzen. Heute geschieht das wieder in großem Maße, zwar meist nicht durch die Priesterschaft, sondern von politischen Kräften, die sich sehr religiös geben und ihre Macht im Namen Gottes auszuüben behaupten. Dass es diesen in keiner Weise um das Heil der Menchen geht, sieht man daran, dass sie Not, Elend und Tod über die Welt bringen. Der Einzelne ist ihnen völlig egal.
Jesus dagegen will, dass die Schafe – hier ein Symbol für die Menschen – in Freiheit leben. Während die Diebe und Räuber sich an den Schafen nähren, sorgt der gute Hirt dafür, dass die Schafe gute Nahrung finden. Er will nicht etwas von den Schafen, er will, dass die Schafe leben. Während den Dieben der Einzelne egal ist, solange er aus ihm Profit schlagen kann, kennt der gute Hirt alle Schafe mit ihren Namen. Jesus will nicht, dass die „Schafe“ im „Stall“ gefangen bleiben, also in dem Bereich, den der Hohepriester für sie festgelegt hat. Er will, dass sie den Ausweg aus jeder ideologischen und religiösen Bevormundung finden. Deshalb führt er die Schafe nicht nur hinaus aus dem Stall, er will sie förmlich „hinaustreiben“ und aus der Gefahrenzone bringen. Manchen „Schafen“, denen man ihr Leben lang die Grenzen des Stalles in den Kopf gepredigt hat, haben wahrscheinlich sogar Angst, diesen Stall zu verlassen. Jesus muss für diese seine ganze Kraft aufwenden, damit sie den Schritt in die Freiheit wagen.
Für alle aber, die sich mit Namen rufen lassen und der Stimme des Hirten folgen, wird eine neue Kraft des Lebens erfahrbar. Jesus sperrt seine Schafe nicht in einen „Stall“ und nicht in ein Gehege. Alle, die er ruft, dürfen ein- und ausgehen. Die Stimme des Guten Hirten engt nicht ein, sondern bereitet einen weiten Raum, in dem jeder zum Leben kommen kann, weil er die gute „Weide“, also die Nahrung, findet, die wirklich zum Leben dient. Die beste Nahrung aber, die die Seele des Menschen braucht, ist das Wort des „Guten Hirten“, der gekommen ist, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Schaefer-mit-seiner-Schafherde.jpg12001600P. Clemens Pilar COphttps://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.pngP. Clemens Pilar COp2026-04-27 06:35:362026-04-28 11:46:41RUF IN DIE FREIHEIT – Predigt
Am 3. Sonntag der Osterzeit (19.04.2026) setzte sich Univ. Prof. Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark mit der nachösterlichen Zeit der Jünger auseinander, mit dem, was sie lernen mussten, und mit dem, was das für uns heute bedeutet.
Wir stehen in der Zeit zwischen Auferstehung und Geistsendung, zwischen Ostern und Pfingsten: Es ist die Zeit, wo die Jünger lernen mussten, was geschehen war; lernen, wie es weitergehen sollte – ohne den Herrn, der ihnen leibhaft vorausgegangen war.
Es ist die Zeit, in der sich die Kirche gebildet hat. Davon berichtet die Apostelgeschichte: Wie die Jünger plötzlich Mut bekommen, für ihren Glauben einzutreten. Wo sie auf öffentlichen Plätzen ihren Glauben verkünden.
Der Schluss des Johannesevangeliums berichtet auch von diesen ersten Momenten der Kirche. Davon hören wir heute. Einige Aspekte möchte ich herausgreifen.
1) Die manchmal vergeblichen Mühen des Alltags – und der Glaubensweitergabe.
Petrus und andere Jünger versuchen Fische zu fangen, sie gehen ihrer Arbeit nach. So wie auch wir:
– Wir versuchen, unseren Glauben weiterzugeben; wir strengen uns an, den Kindern zu vermitteln, was uns etwas wert ist; wovon wir leben.
– Die Erfahrung ist wohl oft dieselbe: Man strengt sich an; setzt alle Kräfte ein – doch die Netze bleiben leer.
– Es heißt hier nicht, dass die Netze immer leer blieben; aber in dieser Nacht geschah es so.
Manchmal wissen wir mit eigenen Kräften nicht mehr weiter.
2) Vertrauen auf den Herrn kann weiterhelfen.
Dann aber geschieht hier etwas: Die Jünger sehen einen Mann am Ufer, der ihnen aufträgt: Sie sollen die Netze auf der anderen Seite auswerfen. – Sie kennen ihn nicht, aber vertrauen auf ihn. – Wider besseres Wissen, gegen die eigene Erfahrung fahren sie hinaus – obwohl es schon hell wird; die beste Fischfangzeit ist vorbei. Sie sind die Experten – doch wer ist das am Ufer? Trotzdem: Sie tun es – und sie fangen mehr als je zuvor.
Als Bild für die Kirche genommen heißt dies: müssten wir nicht öfter auf den Herrn vertrauen und nicht zuerst meinen, alles selber schaffen zu müssen? – Jesus nimmt den Jüngern die Arbeit des Fischens nicht ab – aber er zeigt ihnen einen neuen Weg. Nicht aufgrund ihrer Leistung haben sie volle Netze, sondern weil Gott es so wollte. Das ist für mich sehr entlastend.
Wenn es uns als Kirche gut geht; wenn vieles gelingt – dann sagt mir dieses Evangelium: Werdet nicht stolz auf eure Leistung, sondern seid dankbar für den, der euch Erfolg, Gelingen schenkt.
– Aber wenn es einmal nicht so läuft, dann gebt nicht auf. Versucht euer Bestes. Aber ihr braucht nicht an euch zu verzweifeln, denn auch der Misserfolg liegt nicht zuerst an euch.
3) Bild des Netzes: „153 Fische“ – und es zerreißt nicht
Und dann ist hier das wunderbare Bild für die Kirche: Der Herr selbst sorgt dafür, dass die Kirche lebt; dass Menschen sich zu ihm bekennen. – Und in dieser Kirche sollen nicht nur bestimmte Menschen, Auserwählte sein, sondern sie soll Platz haben für alle. (Denn eine Auslegung sagt, dass die Zahl 153 die Zahl der damals bekannten Fischarten meint; und damit sind symbolisch alle Menschen im Netz versammelt.)
Und dieses Netz zerreißt nicht, obwohl es übervoll ist. Das ist ein eindeutiger Appell zur Toleranz. – Eigentlich (gerade angesichts des Leids, das auch durch unterschiedliche Religionszugehörigkeit geschieht) ist das ein Appell, dass auch verschiedene Religionen im Netz Platz haben müssten!
4) Das Evangelium endet wie so häufig bei Handlungen Jesu mit einem Mahl.
Und für dieses Mahl müssen nicht die Jünger alle Gaben bringen, es ist schon bereitet. Der Herr selbst deckt den Tisch – und die Jünger bringen das Ihre auch mit. Es ist ein Zeichen für unser eucharistisches Mahl; es ist ein Zeichen, dass alles Arbeiten, alles Tun, immer wieder einmünden soll in die Feier der Eucharistie. Jesus versammelt die Jünger um sich. Wir versammeln uns sonntäglich um den Herrn. Es ist ein Zeichen für die Einheit unserer Kirche – aber gleichzeitig schaffen wir damit auch Einheit.
Die Osterzeit erinnert uns in vielen Texten und Zeichen an die Zeit der Bildung der Kirche. – Einer Kirche, die nicht auf eigene Leistung aufbaut, sondern auf den Herrn – die aber im Vertrauen auf ihn ihre Kräfte einsetzt für Gott, für Christus, für ein besseres Leben hier, für Frieden und Gerechtigkeit. – Diese Kirche aber sind wir alle.
https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Angeln.jpg10671600Johann Pockhttps://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.pngJohann Pock2026-04-20 11:20:032026-04-28 11:34:29Die Vielfalt der Kirche – und das Netz, das nicht zerreißt – Predigt
P. Clemens Pilar COp stellte in seiner Predigt am 2. Ostersonntag (12.04.2026) in Schönbrunn-Vorpark die Frage nach dem angeblich ungläubigen Thomas. Wie verhalten sich Hören, Glauben und Sehen zu einander, und was hat das mit uns und unserem Leben zu tun?
Jetzt haben wir das Evangelium gehört, das dem Apostel Thomas den Beinamen der „Ungläubige“ eingebracht hat. Das ist freilich ungerecht, und ich muss zugeben, dass mir gerade der Apostel Thomas besonders sympathisch ist und ich mich ihm seelenverwandt fühle. Er steht für jene, die es genau wissen wollen, für eine gesunde Skepsis, denn es gibt so viele Möglichkeiten der Täuschung. Das gilt heute in Zeiten des Internets und der KI noch viel mehr (Heute müsste man – wenn man ins Internet geht – das Wort Jesu: „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ umgekehrt formulieren: „Selig, die sehen und nicht glauben“). Thomas ist eben nicht leichtgläubig, aber er gehört nicht zu denen, die die Wahrheit in Frage stellen, sondern er stellt die Frage nach der Wahrheit. Außerdem dürfte er der Mutigste der Jünger gewesen sein. Denn wir dürfen die Frage stellen, warum er sich nicht wie die anderen Jünger hinter den verschlossenen Türen versteckt hatte, sodass er bei der ersten Begegnung mit dem Auferstanden nicht anwesend war. Und als Jesus sich dann auch ihm offenbart, ist er der erste von allen Jüngern, die das volle Bekenntnis zu Jesus ablegen: „Mein Herr und mein Gott“
„Selig, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus dann. Solche Sätze darf man aber nicht aus dem Zusammenhang reißen, denn auch Jesus ruft nicht zur Leichtgläubigkeit auf. Es ist ihm wichtig, dass Menschen zur Einsicht kommen und verstehen. Gerade das Johannesevangelium, aus dem ja auch der heutige Abschnitt stammt, legt großen Wert auf die Schau: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (vgl. Joh 1, 14). Jesus heilt unter anderem einen Blindgeborenen, und erst nachdem dieser sehen kann, ruft er ihn in den Glauben (vgl. Joh 9, 37), und auch Jesus warnt davor, unterschiedslos jedem zu glauben. Er warnt vor falschen Propheten (vgl. Mt 24, 24), so wie wir auch im ersten Johannesbrief einen deutlichen Aufruf zur Unterscheidung der Geister finden: „Traut nicht jedem Geist…“ (vgl. 1 Joh 4, 1).
Andererseits spricht Jesus mit dieser Seligpreisung „die nicht sehen und doch glauben“, eine grundlegende Wahrheit über den Menschen aus. Dass der Mensch glauben kann, ohne zu sehen, gehört zu den wesentlichen Merkmalen, die ihn von den Schimpansen unterscheidet, mit denen er doch, laut Wissenschaft, 98% der Gene gemeinsam hat. Schimpansen sind sehr intelligent und lernfähig. Aber sie lernen nur durch Zusehen und Nachahmen. Das können Menschenkinder natürlich auch. Aber den Großteil dessen, was wir gelernt haben, zuhause oder in der Schule, haben wir gelernt, weil man es uns erzählt hat. Wissenschaftler sagen heute, dass diese Besonderheit den Menschen zum Kulturwesen macht. Er erzählt Geschichten, entwickelt Mythen, gibt Erfahrungen und Wissen theoretisch weiter. Lernen beginnt mit dem Vertrauen in die Autoritäten, ob Eltern, Lehrer oder andere Vertrauenspersonen. Kinder glauben zunächst nahezu alles, was ihnen Vertrauenspersonen erzählen, deshalb muss man sehr verantwortungsvoll mit dieser Tatsache umgehen.
Auch wir glauben sehr viel, ohne es jemals gesehen zu haben. Aber irgendwann sollte man, wenn möglich, auch einen Realitätscheck durchführen. Bei manchen Dingen, die man uns einmal erzählt hat, ist das einfach. Da sieht man nach oder probiert aus, und die Sache ist erledigt. Aber wie ist das nun bei den Dingen, die man nicht so einfach überprüfen kann? Das heutige Evangelium wirft genau diese Frage auf. Keiner von uns hat den Auferstandenen gesehen. Alle Texte, die wir jetzt gehört haben, sprechen deshalb vom Glauben, in den wir gerufen sind. Für den Skeptiker Thomas gab es eine rasche Möglichkeit, den Realitätscheck vor Ort durchzurühren. Wir haben diese Möglichkeit nicht. Was also bleibt uns? Nur der blinde Glaube – also nicht sehend doch glauben? Ich würde sagen, auf die Dauer wäre das unverantwortlich. Auch wir brauchen einen Realitätscheck, der es rechtfertigt, dass wir uns auf den „Jesuanischen“ Weg einlassen. Aber wie kann der funktionieren?
Da muss man zunächst in Erinnerung rufen, was „Glauben“ im biblischen Sinne meint. Da geht es ja nicht um eine Zustimmung zu Sätzen und Sachverhalten, die man nicht versteht, sondern um Vertrauen in Jemanden. Unser Glaube an Jesus bedeutet, dass wir uns auf ihn und das, was er nach den Zeugnissen der Evangelien gesagt hat, einlassen. Jesus hat uns ein Beispiel gegeben, damit wir handeln, wie er gehandelt hat (vgl. Joh 13, 15). Er hat uns durch seine Lehre einen Deutungshorizont eröffnet. Wie letzte Woche bereits angesprochen, gilt eine Erkenntnis der Wahrnehmungspsychologie: „Wir glauben nicht, was wir sehen, wir sehen, was wir glauben“. Wenn wir Jesus glauben, sehen wir die Welt und die Menschen in einem neuen Licht. Das wird unser Verhalten prägen. Das macht etwas mit uns.
Nun gilt es zu überprüfen: Wenn ich mich auf diesen Weg einlasse und versuche, der Spur Jesu zu folgen, macht das mein Leben besser? Zu welcher „Wirklichkeit“ führt mich dieses Vertrauen? Weitet es meinen Horizont? Bringt es Frieden in mein Herz? Wird mein Verhalten dadurch auch für andere verträglicher? Geht von mir vielleicht sogar – wie man heute sagen würde – „positive Energie“ aus, wie es die Menschen bei Jesus erlebt haben? Oder wird mein Leben komplizierter, mein Horizont enger, werden andere zum Feind, weil sie nicht so denken wie ich, bin ich versucht, meine Überzeugungen mit Unduldsamkeit durchzusetzen… werde ich zu einem Menschen, von dem andere lieber Abstand halten…? Wie also wandelt sich meine Lebenswirklichkeit durch das, was ich glaubend annehme?
Wenn Menschen, die Jesus nicht sehen, ihm und seinen Worten aber doch glauben, zu verträglicheren Menschen werden, zu Menschen, die anderen Raum geben, Menschen werden, von denen Wohlwollen ausgeht – und dazu muss man nicht perfekt sein – dann wird durch solche Menschen etwas von diesem unsichtbaren Jesus in die Sichtbarkeit und in die Tastbarkeit gebracht. Letzten Endes dient das dem Realitätscheck für jene, denen wir die Osterbotschaft weitererzählen wollen. An unserem Leben sollte überprüfbar sein oder wenigstens erahnbar werden, ob an dieser Botschaft etwas dran ist und ob es gut ist, sich darauf einzulassen. Darum ist es für uns gut, wenn wir immer wieder mal Menschen begegnen, wie dem Apostel Thomas, die genau nachfragen, was es mit unserem Glauben auf sich hat. Wenn dann unser Leben deren Realitätscheck standhält, könnte es sein, dass auch solche Menschen ermutigt werden, sich näher auf Jesus einzulassen und den Weg mit ihm zu versuchen.
https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Froschfigur.jpg10471600P. Clemens Pilar COphttps://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.pngP. Clemens Pilar COp2026-04-13 08:28:432026-04-13 09:01:16HÖREN – GLAUBEN – SEHEN – Predigt
In der Auferstehungsfeier am Morgen des Ostersonntags (5.00 Uhr-05.04.2026) griff Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa in Schonbrunn-Vorpark die Dramaturgie dieser Feier auf: Vom Dunkel zum Licht, brachte das in Verbindung mit Texten, die wir in der Fastenzeit gehört haben, und öffnete die Perspektive auf die Osterzeit und unser Leben als Erlöste, Geliebte.
Was strahlen wir wider? Wie schaut uns die Welt an, und was leuchtet aus unserem Blick zurück? Das war die Frage, die uns in Variationen seit Aschermittwoch durch diese Zeit bis heute begleitet hat. Vielleicht sogar mehr als eine rein intellektuelle Frage. Vielleicht so etwas wie eine Erfahrung. Denn, was ich anschaue oder wie mich jemand anschaut, das macht etwas mit mir, verändert mich…
Wie schauen Sie mich, wie schauen Sie einander in dieser Nacht an? Rekapitulieren wir kurz den Beginn dieser Feier. Denn, was da vor etwas mehr als einer Stunde geschehen ist, spricht wieder diese Erfahrung des Anschauens und Angeschaut-Werdens an. Wie war es am Beginn in der Kirche? Finster, man hat kaum etwas gesehen, vielleicht schemenhaft die Köpfe, und dass da jemand neben mir steht. Wir konnten einander eigentlich nicht anschauen. Erinnern Sie sich noch an den ersten Sonntag der Fastenzeit? An die Grunderfahrung, die die Geschichte von Adam und Eva anklingen lassen will. Sünde macht blind. Nachdem die beiden vom Baum gegessen hatten, können sie einander nicht mehr anschauen, sie müssen sich bekleiden, können sie Gott nicht mehr sehen, ja laufen sogar vor ihm davon und drücken das auch verbal aus: Auf die Frage Gottes, was passiert ist, sagt Adam: „Die Frau, die du mir gegeben hast, sie hat mir zu essen gegeben.“ Also ganz einfach auf Wienerisch: „I woas net.“ „Schuld sind die anderen, die Frau und letztlich du, Gott (denn für die Frau bist ja da zuständig).“ Sünde macht blind: füreinander, für uns selbst, für Gott. Oder macht zumindest das Schauen anstrengend. Im Blick auf die erste Lesung, die wir in dieser Nacht gehört haben: Das Erste, was Gott tut, was Beginn seiner Schöpfung ist, das Licht, das er erschaffen hat, geht jetzt wieder aus. Oder in verbalen Kategorien, das ist ja der 6fach wiederholte Refrain: Es ist nicht mehr gut, schon gar nicht mehr sehr gut (die Konsequenz für Gott ist die Flutgeschichte) …
Dieses Dunkel gibt es in unserer Welt, in unserem Leben; das ein Stück in uns zu entdecken, ist Sinn der Österlichen Bußzeit (deshalb stand auch das Evangelium von der Versuchung Jesu am Beginn dieser Zeit). Und das uns nochmals ins Bewusstsein zu rufen, ist Sinn des Beginns der Osternacht. Deshalb feiern wir in der Nacht (vielerorts auch durch die Nacht), bleiben wach oder stehen früher auf, merken, dass wir müde sind. In gewisser Weise haben Adam und Eva das Licht wieder abgedreht (oder zumindest heruntergedimmt), das Gott am ersten Schöpfungstag aufgedreht hat.
Was ist dann in dieser Nacht geschehen? Wir haben uns von der Osterkerze, vom auferstandenen Christus, das Licht geholt, unsere Kerzen entzündet. Und damit wurde es nicht nur in der Kirche ein Stück heller, auf einmal waren auch unsere Gesichter wieder erkennbar. Unsere Gesichter haben nicht aus sich selbst heraus geleuchtet (wir beherrschen das Phänomen der Bioluminiszenz nicht, sind keine großen Glühwürmchen), sie wurden vom Osterlicht erhellt. Wir strahlen, um Paulus zu zitieren, (Sie erinnern sich vielleicht noch an den Aschermittwoch) mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit Christi wider. „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ heißt es in 2 Kor 3,18. Mit enthülltem Antlitz: Wir brauchen keine Maske, kein Makeup; so, wie wir sind, strahlen wir die Herrlichkeit der Auferstehung, das Licht der Auferstehung wider, mehr noch, kein oberflächliches Geschehen, sondern etwas, das uns innerlich verwandelt: Wir werden in sein Bild verwandelt. Werden das, was Gott von der Schöpfung an mit uns vorhatte: Bild und Gleichnis Gottes, wie es in Genesis 1 heißt. Das Licht geht wieder an, es ist wieder sehr gut.
Wie das geht? Erinnern wir uns an den Beginn unserer Osterfeier am Gründonnerstag: Christus begibt sich bei der Fußwaschung auf Augenhöhe mit seinen Jüngern. Gott auf Augenhöhe mit uns Menschen heißt, er teilt das, was am menschlichsten beim Menschsein ist, er teilt den Tod mit uns und er lässt uns an dieser seiner Erfahrung teilhaben. Wir können mit ihm sterben, um mit ihm in einem neuen Leben zu wandeln (so hat es Paulus in der heutigen Epistel formuliert). Das geschieht, geschah in unserer Taufe. Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein langer Weg, wir feiern Ostern nicht nur 40 Tage, sondern, länger als die Fastenzeit, 50 Tage, wir feiern danach Ostern weiter jeden Sonntag, wir feiern Ostern unser ganzes Leben. Sein liebevoller Blick auf uns, seine liebevolle Berührung durch die Sakramente haben die Kraft, genau das zu tun: uns in sein Bild zu verwandeln.
Am Karfreitag (03.04.2026) legte Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa in Schönbrunn-Vorpark in seiner Predigt den Schwerpunkt auf uns, die wir das Kreuz anschauen, und auf Jesus, der uns vom Kreuz aus anblickt.
Was sehen wir gleich/was schaut uns an? Bleiben wir bei der Frage, die uns seit Aschermittwoch begleitet. Sie bekommt heute am Karfreitag eine besondere Note durch einen Ritus, den es nur am Karfreitag gibt; Sie wissen vermutlich schon, worauf ich anspiele. Ich meine die Kreuzverehrung. Wir werden in Kürze in der Mitte vorgehen, vor dem Kreuz niederknien, Blumen neben das Kreuz legen, gemeinsam davor singen, dass wir das Kreuz anbeten wollen.
Also: Wenn wir da vor dem Kreuz knien: Was schaut uns da an, was schauen wir an?
Zunächst einmal blickt uns ein Kreuz an, also etwas, das das Leben durchkreuzt, schwer macht, herausfordernd macht, niederdrückt, in letzter Konsequenz tötet. Vielleicht könnte man auch sagen, Lebensqualität nimmt, eigene und die der anderen. Im Blick und im Nachklingen-Lassen dessen, was gerade in der Johannespassion zu hören war: Im Kreuz schaue ich auf den letzten Weg Jesu, den Verrat an ihm, seine Verurteilung, die Qual, die ihm durch seine Peiniger zugefügt wird, seinen Tod. Im Kreuz erkenne ich damit aber gespiegelt mein eigenes Kreuz. Im Kreuz leuchtet das Versagen der Jünger auf, von denen außer einem keiner am Kreuz steht. Nochmals: Was mein Leben schwer macht, leiden lässt, an der Entfaltung hindert, meine Krankheit, meinen Tod. Im Kreuz schaut mich mein Leben an, und Kreuzverehrung heißt dazunächstganz realistisch: Ich akzeptiere, dass dieser Weg so ist, wie er ist,
Ich schaue aber nicht nur ein leeres Kreuz an, vom Kreuz her blickt mich der an, der dort hängt. Und wenn ich wieder nachklingen lasse, was wir im Johannesevangelium gehört haben, dann war das letzte deutende Wort dessen, der da am Kreuz stirbt: „Es ist vollbracht“. Und vielleicht klingen dann noch ein paar andere Worte aus dem Johannesevangelium an oder nach, in denen Jesus genau davon spricht: Dass die Herrlichkeit Gottes am Kreuz offenbar wird. „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist durch ihn verherrlicht.“ lässt Johannes Jesus unmittelbar nach dem Verrat des Judas sprechen. Und wer das Johannesevangelium kennt, weiß, was der vierte Evangelist mit „verherrlichen“ meint. Den Tod Jesu am Kreuz, als den Moment, in dem die Herrlichkeit Gottes, seine Macht, seine Liebe, seine Größe, sein Gewicht sichtbar, spürbar wird. Für Johannes ist klar: Im Sterben Jesu wird Gottes Herrlichkeit sichtbar.
Im Blick auf den Weg durch diese heiligen vierzig Tage auf Ostern hin: Erinnern wir uns, was der zweite Fastensonntag in der Geschichte der Verklärung angedeutet hat. Die Welt, die durch die Sünde dunkel geworden ist, intransparent auf Gott hin, beginnt zu leuchten, wird durchscheinend, auf jenen Gott hin, der sie gut geschaffen hat, sogar sehr gut, um die Schlussstrophe des Schöpfungsliedes anklingen zu lassen.
Und beides gehört zusammen. Das Dunkel und das Licht des Kreuzes, das Kreuz als Zeichen des Todes und das Kreuz als Ort des Lebens, …
https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/04/Christus-am-Kreuz.jpg10671600Generalvikar Nikolaus Krasahttps://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.pngGeneralvikar Nikolaus Krasa2026-04-04 19:30:412026-04-09 09:27:38Der Blick auf das Kreuz und der Blick Jesu vom Kreuz – Predigt
In seiner Predigt am Gründonnerstag (02.04.2026) in Schönbrunn-Vorpark nahm Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa das Thema des Anschauens, das die ganze Fastenzeit geprägt hat, wieder auf. Er ging auf die Verräter, die Reaktion Jesu darauf und auf unsere Reaktionen auf seinen liebenden Blick ein.
Nach unserem Gottesdienst am Palmsonntag ist mir beim Weggehen einer unserer Jugendlichen über den Weg gelaufen, einer, der bei der für mich so eindrucksvollen Passion mitgetan hat. Ich habe mich bei ihm bedankt, er hat darauf etwas säuerlich gelächelt, dann gesagt, dass er den Judas gespielt hat. Worauf mir, ohne viel nachzudenken, der Satz herausgerutscht ist: „Einer hat halt immer die Arschkarte“, worauf ich ein Nicken von ihm als Antwort bekommen habe. Nicht unbedingt ein Sympathieträger, dieser Judas, um es etwas vornehmer zu formulieren.
Mir ist diese kurze Begegnung wieder eingefallen, als ich mich begonnen habe, mit dem heutigen Tagesevangelium auseinanderzusetzen. Genauer: mit dem heutigen Tagesevangelium und dem, was unmittelbar danach im Johannesevangelium passiert. Das gehört nämlich zusammen und macht nur im Zusammenhang Sinn. Unmittelbar auf das Evangelium folgt eine doppelte Verratsgeschichte: angekündigt bereits durch den letzten Satz Jesu im heutigen Evangeliums: „Ihr seid nicht alle rein.“ Und durch „Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde.“. Primär, das ist klar, geht es um den Verrat des Judas, also des Jüngers, der die Arschkarte gezogen hat, aber eigentlich auch im unmittelbaren Zusammenhang um den des Petrus – Jesus kündigt ihm an, dass er ihn verleugnen wird (die Geschichte mit dem Hahnenschrei, Sie wissen schon.). Und die der anderen Jünger, von denen bei Johannes nur der Jünger, den Jesus liebte, unter dem Kreuz steht… also jetzt etwas überspitzt formuliert: Eigentlich (bis auf den Jünger, den Jesus liebte, und die Frauen) alle Verräter, oder nochmals vulgär gesagt: Alle, alle haben sie die Arschkarte gezogen…
Was macht Jesus mit ihnen, und zwar mit allen? Damit sind wir wieder zurück beim heutigen Evangelium: Er wäscht ihnen die Füße.
Eine Zusatzfrage, inspiriert durch unseren heurigen Weg durch die österliche Bußzeit (Sie erinnern sich, die hat mit einer Doppelfrage begonnen: Wie schaut mich die Welt an,wie schaue ich sie an? und mit zwei Alternativen: Blind vor Sünde – Adam und Eva am ersten Fastensonntag, und durchscheinend auf Gott hin, auf das, was Schöpfung eigentlich ist, am 2. Fastensonntag bei der Verklärung Jesu. Also die Zusatzfrage: Wie schaut Jesus die Jünger an? Nicht von oben herab, sondern von unten hinauf. Er macht sich noch kleiner als die Jünger. Er übernimmt – anderes Bild – bei der Fußwaschung die Rolle des Haussklaven. Mir kommt dabei in den Sinn, was man oft tut, wenn man mit Kindern in einen Dialog treten will: Man hockerlt sich hin, macht sich klein. Um klar zu machen, was jetzt in unserem Gespräch zählt, ist nicht der Größenunterschied, sondern das, was uns verbindet. Unsere Beziehung zueinander. Unsere Liebe zueinander. Und – jetzt sind wir wieder bei den Arschkarten – diese Liebe gilt, egal, welche Arschkarte du in deinem Leben gezogen hast, wie groß oder klein die ist.
Zurück zum großen Bogen des Johannesevangeliums: Da scheint dieses Thema, dieser liebende Blick Jesu ganz entscheidend zu sein (und als Konsequenz der antwortende liebende Blick): Da gibt es den Jünger, den Jesus liebte – so wird er bei Johannes genannt, traditionell wird er mit dem Apostel Johannes oder dem Autor des Evangeliums oder mit beiden identifiziert – der Jünger, den Jesus liebte, der Einzige der Jünger, der unter dem Kreuz steht, der, auf den Jesus vom Kreuz seine Mutter verweist, es ist dieser Jünger, der als Erster am Grab ist, (vor ihm war es Maria von Magdala, die eine besondere Beziehung mit Jesus verbindet) der, der den Auferstandenen bei der letzten johanneischen Ostergeschichte zuerst erkennt.
Und dann gibt es die Frage, die der Auferstandene Petrus am Ufer des Sees stellt: „Liebst du mich?“ und „Liebst du mich mehr als diese?“ Ein letztes: In den sogenannten Abschiedsreden, einer langen Rede, die im Johannesevangelium Jesus zu seinen Jüngern hält, nach dem Abendmahl, bevor es hinausgeht auf den Ölberg, sagt Jesus, dass er der wahre Weinstock ist und wir die Rebzweige, und dass das, was uns mit ihm und ihn mit uns verbindet, die Liebe ist.
Viele von Ihnen werden nach diesem Gottesdienst noch zur Ölbergandacht bleiben. Natürlich: Das heißt zunächst: Ich sitze oder kniee und schaue den Herrn an. Aber es heißt auch: Ich sitze oder kniee, und er schaut mich an, liebevoll, mit seiner ganzen Zuneigung zu mir, mit seiner göttlichen Kraft, mit Wehmut über das, was in mir diese Liebe nicht versteht, nicht zulassen kann. Er schaut mich mit Liebe an. Setzen wir uns diesem Blick aus. Das ist Gründonnerstag: Jesus so an mich heran zu lassen.
Seit dem Aschermittwoch hat Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa bei seinen Predigten in Schönbrunn-Vorpark immer wieder das Schauen, das Anschauen angesprochen Am Palmsonntag (29.03.2026) lud er nochmals dazu ein, gerade auch in der Heiligen Woche immer wieder hinzuschauen, auch mit den Augen verschiedener Beteiligter, und sich dadurch bewegen zu lassen.
Angrinsen lassen, ernst schauen: Ein anderes Gesicht macht etwas mit unserem Gesicht, wie uns einer anschaut, macht etwas mit uns, wie wir jemanden anschauen, macht etwas mit ihm (und manchmal mit uns, wenn ich an den morgendlichen Blick in den Spiegel denke). Spiegeln… Wie schaue ich die Welt an, was macht das mit mir, wie schaut mich die Welt? Das waren Themen, die uns durch die österliche Bußzeit bis hierher bewegt haben.
Was hat das mit unserem heutigen Bibeltext zu tun?
Es gibt ein kleines Wort, ganz typisch in biblischen Texten. Die alte Einheitsübersetzung hat es oft sogar ausgelassen, vermutlich weil es so altmodisch klingt. Die neue, revidierte Einheitsübersetzung, die wir seit 2017 haben, die grundsätzlich näher am Text übersetzt, übersetzt es meistens doch, auch wenn es altmodisch klingt: Das Wort heißt griechisch ἰδού, hebräisch הנה, übersetzt einfach „siehe“ – sie kennen das vermutlich aus eher altertümlich klingenden Bibelübersetzungen: „und siehe, da tat Jesus dies und das“, oder „und siehe, der Himmel öffnete sich…“ – Ich muss sagen, bis jetzt habe ich auch über diese Worte hinweggelesen, mir gedacht, das sind halt einfach Füllwörter, so wie manche, die sich beim frei Sprechen schwer tun, einfach zwischendurch immer wieder „Ah“ sagen…
Bis mich Petras Spiegelaktion am Aschermittwoch inspiriert hat, selbst über das Schauen nachzudenken, über das Sich-selbst-Anschauen im Spiegel, aber auch über das, was ich widerspiegle. Wir haben das ja gerade ausprobiert: Es macht etwas mit mir, wenn mich jemand, und vor allem, wie mich jemand ansieht. Hinschauen heißt, sich durch das, was ich da sehe, bewegen, verändern lassen.
Bis mir beim heutigen Evangelium (also eigentlich jetzt beim ersten Teil) zwei Worte aufgefallen sind. Da gibt es ja ein Bibelzitat, mit dem Matthäus den Einzug Jesu nach Jerusalem, genauer die Art, wie er einzieht, motiviert. Matthäus ist ja vermutlich Judenchrist, das heißt als Jude aufgewachsen, dann mit Jesus in Berührung gekommen, und er schreibt sein Evangelium für viele Menschen, die einen ähnlichen Background haben. Daher motiviert er das Verhalten Jesu, die Geschehnisse um ihn immer wieder durch Zitate aus seiner Bibel, eben aus dem, was wir Altes Testament nennen. Und leitet das oft so, oder so ähnlich, ein: Dies ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllt (das berühmteste dieser Zitate kennen Sie vermutlich ganz vom Anfang des Evangeliums: Dies ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllt: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und sein Name wird sein Emmanuel, das heißt Gott mit uns“. Ein Satz aus dem Beginn des Propheten Jesaja. Der heutige stammt aus dem Buch des Propheten Sacharja (9,9). Er sagt etwas über Jesus aus, dass er sanftmütig ist, und wie er kommt, eben auf einem Esel (und nicht auf einem gewaltigen Pferd eines Kriegers – das wäre die Pointe, warum Esel). Das Spannende ist aber der Beginn dieses Zitates, und das beginnt mit unserem Füllwort, und nochmals, ich glaube (nach dieser Vorgeschichte und dieser Fastenzeit), es ist kein Füllwort: „Siehe“.
Das ist die Aufforderung des Palmsonntags, als Grundhaltung für die kommende Woche, als Grundhaltung im Blick auf den Weg mit Jesus, den wir in dieser Woche gehen: vorgezeichnet durch die Passionsgeschichte, die wir bald hören werden, vorgezeichnet durch die – wie es liturgisch korrekt heißt – drei österlichen Tage, Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht. Wir werden das Paschamysterium mit Jesus erleben, am Ölberg, im Abendmahlssaal, am Kreuz, im Grab…Und die Grundhaltung, zu der uns die Schriftstelle einlädt, ist einfach: Schau hin, im Blick auf das heutige Evangelium, mit den Augen der Leute, die am Wegrand stehen, mit den Jüngern, mit Judas, mit Petrus, mit dem Hohepriester, mit den Frauen. Schau hin, schau nicht weg…
Es gibt ein zweites Wort, das das ergänzt. Zusammenfassend sagt Matthäus am Ende des Evangelienabschnittes (und auch hier ist die revidierte Einheitsübersetzung deutlicher, näher am Text): Als er in Jerusalem einzog, da erbebte die ganze Stadt. σείω heißt das griechische Wort, das Sie kennen, wenn im Zuge von Erdbeben von Seismologie (Lehre von den Erdbeben) oder der Seismik die Rede ist. Und das kommt bei Matthäus nur noch 2 mal vor: beim Tod Jesu gibt es ein gewaltiges Erdbeben – wörtlich: die Erde wird erschüttert. Und bei der Auferstehung Jesu passiert das mit den Soldaten, die vor dem Grab wachen, sie zittern vor Angst. Also: Wie sollen wir hinschauen, so, dass es uns erschüttert, bewegt, verändert?
Am 4. Fastensonntag (15.03.2026) schlug GV Dr. Nikolaus Krasa in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Brücke vom Aschermittwoch bis zu diesem Sonntag. Es geht um das Sehen – mich, die Welt, die Schöpfung – und den Weg, den ich – mit Gott – zurücklege.
Wie war das heute Morgen? Der erste Blick in den Badezimmerspiegel? Hab‘ ich mich wiedererkannt, angelächelt, ernst geschaut? Wie habe ich mich angeschaut und wie habe ich mich angeschaut (also das Ich vor dem Spiegel und das Ich im Spiegel)? Und das ist nicht unerheblich, dieses „Wie“ – wir alle wissen, was das mit uns macht, wenn uns jemand (und wenn das das Ich im Spiegel ist) anlächelt oder nur ernst oder gar verzweifelt anschaut…
Beginnen wir noch einmal von vorne. Da war vom Blick des Menschen auf die Welt die Rede, und vom Blick der Welt auf den Menschen. Und von einer unheilvollen Dynamik dieses Anschauen – Paulus hat sie die Dynamik der Sünde genannt. Und sie führte in der Geschichte, die wir damals, am ersten Fastensonntag, gehört haben, dazu, dass etwas mit dem Blick nicht mehr funktioniert: der Mensch kann sich selbst und seinen Mitmenschen und letztlich auch Gott nicht mehr anschauen.
Die Gegengeschichte haben wir eine Woche später gehört. Sie hat von einem anderen Blick auf die Welt und einem anderen Blick der Welt auf uns erzählt. Einem – um den griechischen Begriff, der in dieser Geschichte verwendet wird, zu bemühen – einem verwandelnden oder verwandelten. Eine Schöpfung, die transparent wird auf Gott, die von Gott her zu leuchten beginnt. Und wenn Sie an die Ikone denken, die feofan grek gemalt hat: die auch die Jünger verwandelt. Ein Detail noch, klein aber entscheidend für das Verständnis des vergangenen Sonntags, dieses Sonntags und des kommenden Sonntags. Von zwei Verba war am Beginn der Verklärungs-, eigentlich besser Verwandlungsgeschichte die Rede, zwei Dinge, die Jesus tut. Er nimmt seine Jünger beiseite und führt sie auf einen hohen Berg, heißt es. Eigentlich wörtlich heißt der zweite Begriff: Er trägt sie auf einen hohen Berg. Kurz formuliert: auf den Verklärungsberg führt ein Weg hinauf, vermutlich nicht ganz einfach, anstrengend, aber: Jesus trägt dich hinauf.
Wie soll man sich das vorstellen? Wie das passiert, erzählen die Evangelien des 3., 4. und 5. Fastensonntags. Übrigens: Jedes dieser Evangelien erzählt von einem Weg, auf dem Jesus eine entscheidende Rolle spielt (deshalb gehören sie auch zu den längsten Evangelien, die wir am Sonntag zu hören bekommen). Dieser Weg hat etwas mit dem Durst nach Leben zu tun, mit der Sehnsucht geliebt zu werden, und damit, dass die Beziehung zu Jesus diesen Durst nach Leben stillen kann. So am vergangenen Sonntag im Evangelium von der Samariterin zu hören.
Wie trägt er uns heute hinauf? Wie schaut der Weg dieses Sonntags aus? Lange und komplex. Und eigentlich gar nicht nur ein Weg. Da ist einmal der offenkundige Weg des Blindgeborenen. Eigentlich ein doppelter Weg. Er wird sehend, aber bis er wirklich sehen kann, ist es ein langer Weg. Sehen kann er zunächst physisch ziemlich schnell, nachdem er sich den Teig, den Jesus ihm auf die Augen gelegt hat, abgewaschen hat. Bis er aber wirklich sieht, wer es ist, der ihn geheilt hat, bis er ihn sieht, besser als den sieht, der er ist, nämlich der „Herr“, also Gott (übrigens nicht viel anders als nach Ostern Thomas’ berühmtes Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott“), ist es noch ein weiter, gar nicht so angenehmer Weg. Viele bohrende Fragen: Sag, wer war’s jetzt, und wo ist er, und wie ist das gegangen… Jesus trägt ihn ein Stück auf diesem Weg, er schenkt ihm Heilung, zunächst vordergründig, aber vielleicht noch mehr, er mutet ihm einen Weg zu, der zu einem tieferen, zu einem glaubenden Sehen führt. Zu einem Sehen, das die göttliche Dimension der Wirklichkeit wahrnimmt, das Verklärungslicht Gottes, das die Schöpfung in das zurückverwandelt, was sie eigentlich sein soll: Sehr gut.
Da ist ein zweiter Weg. Es ist der Weg der Gegner Jesu, die hier – wie oft im vierten Evangelium – die Pharisäer, dann aber auch a-historisch meist einfach „die Juden“ heißen. Sie haben das Wunder gesehen (insofern sind sie dem Blindgeborenen eigentlich einen Schritt voraus). Und gleichzeitig wollen sie das eigentliche Wunder nicht sehen. Das Licht Gottes, das Jesus ausstrahlt. Und ähnlich wie bei Paulus am ersten Fastensonntag fällt hier das Wort „Sünde“. Sünde viel grundsätzlicher als: Ich habe das und das nicht gut getan, ich habe diesen oder jenen Fehler gemacht. Sünde heißt: Ich habe die Grundbotschaft der Schöpfung, belebt oder unbelebt, nicht wahrgenommen (wir werden das einmal ergänzt durch „sehr“ sieben Mal in der Osternacht hören): Es ist gut. Sünde heißt, diese Spur, die Gott ganz tief in seine Schöpfung eingegraben hat, nicht wahrnehmen zu können, damit sich selbst und den Mitmenschen nicht wahrnehmen zu können als den, der er ist, damit letztlich Gott nicht wahrnehmen zu können.
Und wie nimmt er mich mit, auf diesen Weg? Zunächst indem er diesen Blick, dieses Sehen- Können in der Taufe in mich hineingelegt hat, mir die Augen geöffnet hat. Die Alte Kirche hat deshalb Taufe mit einem griechischen Wort fotismos, Erleuchtung, genannt. Bei Erwachsenen werden ganz am Beginn der Taufvorbereitung unter anderem deren Augen gesehen, damit sie, wie es im Ritus heißt, Christus sehen lernen. Und wenn ich schon getauft bin? Durch das Sakrament, das die Taufentscheidung in mir erneuert, die Beichte. Und als Vorbereitungsweg? Durch die drei Schritte, die uns der Aschermittwoch nahegebracht hat: Fasten, Gebet, Almosen.
https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/03/Brille.jpg10671600Generalvikar Nikolaus Krasahttps://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.pngGeneralvikar Nikolaus Krasa2026-03-18 16:07:542026-03-26 16:15:41Der Weg und das Sehen – Predigt
In seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark stellte GV Dr. Nikolaus Krasa am 2. Fastensonntag (01.03.2026) zunächst die Brücke zum Aschermittwoch (Christus widerspiegeln) und zum ersten Fastensonntag (Wie schaut mich die Welt an, und wie schaue ich sie an?) her. Dann stellte er anhand einer Ikone das besondere Licht der Verklärung, das die ganze Schöpfung erfasst, ins Zentrum.
Der vergangene Sonntag hat uns mit einer Frage auf den Weg durch die Woche geschickt: Wie schaut mich die Welt an, und wie schaue ich sie an? Auf die 1. Frage haben beide Bibelstellen, die erste Lesung (vom Sündenfall, wie wir das nennen) und das Evangelium (von der Versuchung Jesu) geantwortet: Sie schaut dich zumindest ambivalent an, sie schaut dich auch mit der Sprache der Schlange oder der des Versuchers an: Benütze sie, um dich groß, stark, mächtig zu machen, um für dich schnellen Gewinn daraus zu ziehen. Für den zweiten Teil der Frage haben wir zwei Antwortmöglichkeiten gesehen und die möglichen Konsequenzen aus dieser Antwort. Da war die Antwort des Menschen (ich erspare mir jetzt das Auseinanderdividieren von Adam und Eva, mache das ähnlich wie Paulus in der Römerbrieflesung, der einfach vom Adam, vom Menschen, spricht). Also die Antwort des Menschen, die zu dieser Stimme Ja sagt mit der Konsequenz, dass man sich letztlich nicht mehr anschauen kann (Adam und Eva bekleiden sich) bzw. auch von Gott nicht mehr ansehen lassen will. Die Klarheit des Spiegels wird getrübt (um das Bild zu verwenden, das wir mit den Kindern beim Aschenkreuz verwendet haben), und man sieht im Spiegel nichts mehr – man spiegelt nichts mehr wider – nicht mehr wie Paulus in 2 Kor 3, letzter Vers sagt: ‚Wir spiegeln mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit Christi wider.‘
Die andere Antwort, die Jesu, führt uns eigentlich schon ins heutige Evangelium. Sie erinnern sich an die Antworten Jesu: Es sind Bibelstellen, und in jeder dieser Bibelstellen wird Gott genannt: Gott gibt das Brot, er nährt, Gott soll man nicht versuchen, Gott soll man anbeten, er ist Fundament, auf ihn soll man ausgerichtet bleiben … Und damit sind wir eigentlich mitten im heutigen Evangelium gelandet. Geht das, wäre letztlich die Frage, die Wirklichkeit so anzusehen, wie Jesus das tut? Ist das nur ein frommer Wunsch, oder geht das, und was passiert dann?
Ich habe dazu eine Ikone mitgebracht, es ist jene, die, wie unschwer erkennbar, die heutige Evangelienperikope abbildet. Man erkennt die Berglandschaft, in der Mitte den verklärten Jesus, flankiert von Mose und Elia, vorne die drei Apostel, die, wie das heutige Evangelium sagt, und die, wie es sich in der Bibel bei Theophanien gehört, also wenn Gott sichtbar wird, niederfallen. Dieser Typ Ikonen kommt öfter vor, und wer sich in den vatikanischen Sammlungen vor die berühmte Darstellung dieser biblischen Szene durch Raffael Santi stellt, wird feststellen, dass sie im oberen Bildteil diese Szene ziemlich ähnlich wiedergibt. Der Typ kommt oft vor, mir geht es um diese Ikone, sie stammt von Theophanes, dem Griechen, in Russland auch Feofan Grek genannt. Er kam um 1370 nach Moskau und wird dort Lehrmeister einer der berühmtesten russischen Ikonenmalers, des (hl.) Andrej Rubljow. Und er malt diese spannende Szene und malt sie auf ganz besondere Art und Weise: mit ganz wenig Farbe, fast transparent und durchscheinend. So als wolle er darstellen: Am Verklärungsberg strahlt nicht nur Jesus durch ein besonderes Licht, auch die Schöpfung, ja sogar die mitgekommenen Apostel werden transparent, fast durchscheinend auf dieses besondere Licht. Oder, andere Metapher: Nicht nur Jesus, die ganze Welt leuchtet von der Herrlichkeit Gottes. Widerspiegelt sie, leuchtet in einem ganz besonderen Licht. Sie schaut die Schöpfung, die Welt, die Jünger am Verklärungsberg an. Um Alfred Delp, den Jesuiten, der von den Nazis hingerichtet wurde, zu zitieren: ‚Die Welt ist Gottes so voll.‘ Ja, weil sie von der Schöpfung an die Spuren Gottes trägt. Ja, weil in Jesus die neue Schöpfung sichtbar wird: Mensch und Gott vereint. Ja, weil dieser Neuanfang ausstrahlen soll, die ganze Schöpfung verwandeln – dass das bei uns in der Taufe grundgelegt ist, werden wir in der Osternacht in der Epistel hören und in der Tauferneuerung feiern.
Eine Beobachtung noch: Ein unscheinbares Detail, das aber entscheidend ist – die zwei Verba im ersten Satz des Evangeliums. Was tut Jesus mit seinen Jüngern? Er nimmt sie beiseite und dann – so die Einheitsübersetzung – bringt er sie auf einen hohen Berg. Das könnte man pointierter übersetzen. Im Griechischen steht dort: ἀναφέρει, und das heißt wörtlich: Er trägt sie hinauf. Der Weg zur Verwandlung (so heißt die Verklärung eigentlich auf Griechisch) ist mühsam, führt einen Berg hinauf. Aber auf diesen Berg hinauf gehst du nicht allein. Jesus trägt dich. Und wie er das tut, davon erzählen die Evangelien der drei kommenden Sonntage.
https://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2026/03/Bibelgeschichte-2.png6611600Generalvikar Nikolaus Krasahttps://www.pfarreburjan.at/wp-content/uploads/2022/12/logo-medium.pngGeneralvikar Nikolaus Krasa2026-03-02 14:04:342026-03-04 11:40:47Das Licht der Verklärung