Der Weg und das Sehen – Predigt

Am 4. Fastensonntag (15.03.2026) schlug GV Dr. Nikolaus Krasa in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Brücke vom Aschermittwoch bis zu diesem Sonntag. Es geht um das Sehen – mich, die Welt, die Schöpfung – und den Weg, den ich – mit Gott – zurücklege.


Wie war das heute Morgen? Der erste Blick in den Badezimmerspiegel? Hab‘ ich mich wiedererkannt, angelächelt, ernst geschaut? Wie habe ich mich angeschaut und wie habe ich mich angeschaut (also das Ich vor dem Spiegel und das Ich im Spiegel)? Und das ist nicht unerheblich, dieses „Wie“ – wir alle wissen, was das mit uns macht, wenn uns jemand (und wenn das das Ich im Spiegel ist) anlächelt oder nur ernst oder gar verzweifelt anschaut…

Beginnen wir noch einmal von vorne. Da war vom Blick des Menschen auf die Welt die Rede, und vom Blick der Welt auf den Menschen. Und von einer unheilvollen Dynamik dieses Anschauen – Paulus hat sie die Dynamik der Sünde genannt. Und sie führte in der Geschichte, die wir damals, am ersten Fastensonntag, gehört haben, dazu, dass etwas mit dem Blick nicht mehr funktioniert: der Mensch kann sich selbst und seinen Mitmenschen und letztlich auch Gott nicht mehr anschauen

Die Gegengeschichte haben wir eine Woche später gehört. Sie hat von einem anderen Blick auf die Welt und einem anderen Blick der Welt auf uns erzählt. Einem – um den griechischen Begriff, der in dieser Geschichte verwendet wird, zu bemühen – einem verwandelnden oder verwandelten. Eine Schöpfung, die transparent wird auf Gott, die von Gott her zu leuchten beginnt. Und wenn Sie an die Ikone denken, die feofan grek gemalt hat: die auch die Jünger verwandelt. Ein Detail noch, klein aber entscheidend für das Verständnis des vergangenen Sonntags, dieses Sonntags und des kommenden Sonntags. Von zwei Verba war am Beginn der Verklärungs-, eigentlich besser Verwandlungsgeschichte die Rede, zwei Dinge, die Jesus tut. Er nimmt seine Jünger beiseite und führt sie auf einen hohen Berg, heißt es. Eigentlich wörtlich heißt der zweite Begriff: Er trägt sie auf einen hohen Berg. Kurz formuliert: auf den Verklärungsberg führt ein Weg hinauf, vermutlich nicht ganz einfach, anstrengend, aber: Jesus trägt dich hinauf. 

Wie soll man sich das vorstellen? Wie das passiert, erzählen die Evangelien des 3., 4. und 5. Fastensonntags. Übrigens: Jedes dieser Evangelien erzählt von einem Weg, auf dem Jesus eine entscheidende Rolle spielt (deshalb gehören sie auch zu den längsten Evangelien, die wir am Sonntag zu hören bekommen). Dieser Weg hat etwas mit dem Durst nach Leben zu tun, mit der Sehnsucht geliebt zu werden, und damit, dass die Beziehung zu Jesus diesen Durst nach Leben stillen kann. So am vergangenen Sonntag im Evangelium von der Samariterin zu hören. 

Wie trägt er uns heute hinauf? Wie schaut der Weg dieses Sonntags aus? Lange und komplex. Und eigentlich gar nicht nur ein Weg. Da ist einmal der offenkundige Weg des Blindgeborenen. Eigentlich ein doppelter Weg. Er wird sehend, aber bis er wirklich sehen kann, ist es ein langer Weg. Sehen kann er zunächst physisch ziemlich schnell, nachdem er sich den Teig, den Jesus ihm auf die Augen gelegt hat, abgewaschen hat. Bis er aber wirklich sieht, wer es ist, der ihn geheilt hat, bis er ihn sieht, besser als den sieht, der er ist, nämlich der „Herr“, also Gott (übrigens nicht viel anders als nach Ostern Thomas’ berühmtes Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott“), ist es noch ein weiter, gar nicht so angenehmer Weg. Viele bohrende Fragen: Sag, wer war’s jetzt, und wo ist er, und wie ist das gegangen… Jesus trägt ihn ein Stück auf diesem Weg, er schenkt ihm Heilung, zunächst vordergründig, aber vielleicht noch mehr, er mutet ihm einen Weg zu, der zu einem tieferen, zu einem glaubenden Sehen führt. Zu einem Sehen, das die göttliche Dimension der Wirklichkeit wahrnimmt, das Verklärungslicht Gottes, das die Schöpfung in das zurückverwandelt, was sie eigentlich sein soll: Sehr gut. 

Da ist ein zweiter Weg. Es ist der Weg der Gegner Jesu, die hier – wie oft im vierten Evangelium – die Pharisäer, dann aber auch a-historisch meist einfach „die Juden“ heißen. Sie haben das Wunder gesehen (insofern sind sie dem Blindgeborenen eigentlich einen Schritt voraus). Und gleichzeitig wollen sie das eigentliche Wunder nicht sehen. Das Licht Gottes, das Jesus ausstrahlt. Und ähnlich wie bei Paulus am ersten Fastensonntag fällt hier das Wort „Sünde“. Sünde viel grundsätzlicher als: Ich habe das und das nicht gut getan, ich habe diesen oder jenen Fehler gemacht. Sünde heißt: Ich habe die Grundbotschaft der Schöpfung, belebt oder unbelebt, nicht wahrgenommen (wir werden das einmal ergänzt durch „sehr“ sieben Mal in der Osternacht hören): Es ist gut. Sünde heißt, diese Spur, die Gott ganz tief in seine Schöpfung eingegraben hat, nicht wahrnehmen zu können, damit sich selbst und den Mitmenschen nicht wahrnehmen zu können als den, der er ist, damit letztlich Gott nicht wahrnehmen zu können. 

Und wie nimmt er mich mit, auf diesen Weg? Zunächst indem er diesen Blick, dieses Sehen- Können in der Taufe in mich hineingelegt hat, mir die Augen geöffnet hat. Die Alte Kirche hat deshalb Taufe mit einem griechischen Wort fotismos, Erleuchtung, genannt. Bei Erwachsenen werden ganz am Beginn der Taufvorbereitung unter anderem deren Augen gesehen, damit sie, wie es im Ritus heißt, Christus sehen lernen. Und wenn ich schon getauft bin? Durch das Sakrament, das die Taufentscheidung in mir erneuert, die Beichte. Und als Vorbereitungsweg? Durch die drei Schritte, die uns der Aschermittwoch nahegebracht hat: Fasten, Gebet, Almosen.

 

Das Licht der Verklärung

Dr. Nikolaus KrasaIn seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark stellte GV Dr. Nikolaus Krasa am 2. Fastensonntag (01.03.2026) zunächst die Brücke zum Aschermittwoch (Christus widerspiegeln) und zum ersten Fastensonntag (Wie schaut mich die Welt an, und wie schaue ich sie an?) her. Dann stellte er anhand einer Ikone das besondere Licht der Verklärung, das die ganze Schöpfung erfasst, ins Zentrum.


Der vergangene Sonntag hat uns mit einer Frage auf den Weg durch die Woche geschickt: Wie schaut mich die Welt an, und wie schaue ich sie an? Auf die 1. Frage haben beide Bibelstellen, die erste Lesung (vom Sündenfall, wie wir das nennen) und das Evangelium (von der Versuchung Jesu) geantwortet: Sie schaut dich zumindest ambivalent an, sie schaut dich auch mit der Sprache der Schlange oder der des Versuchers an: Benütze sie, um dich groß, stark, mächtig zu machen, um für dich schnellen Gewinn daraus zu ziehen. Für den zweiten Teil der Frage haben wir zwei Antwortmöglichkeiten gesehen und die möglichen Konsequenzen aus dieser Antwort. Da war die Antwort des Menschen (ich erspare mir jetzt das Auseinanderdividieren von Adam und Eva, mache das ähnlich wie Paulus in der Römerbrieflesung, der einfach vom Adam, vom Menschen, spricht). Also die Antwort des Menschen, die zu dieser Stimme Ja sagt mit der Konsequenz, dass man sich letztlich nicht mehr anschauen kann (Adam und Eva bekleiden sich) bzw. auch von Gott nicht mehr ansehen lassen will. Die Klarheit des Spiegels wird getrübt (um das Bild zu verwenden, das wir mit den Kindern beim Aschenkreuz verwendet haben), und man sieht im Spiegel nichts mehr – man spiegelt nichts mehr wider – nicht mehr wie Paulus in 2 Kor 3, letzter Vers sagt: ‚Wir spiegeln mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit Christi wider.‘

Die andere Antwort, die Jesu, führt uns eigentlich schon ins heutige Evangelium. Sie erinnern sich an die Antworten Jesu: Es sind Bibelstellen, und in jeder dieser Bibelstellen wird Gott genannt: Gott gibt das Brot, er nährt, Gott soll man nicht versuchen, Gott soll man anbeten, er ist Fundament, auf ihn soll man ausgerichtet bleiben … Und damit sind wir eigentlich mitten im heutigen Evangelium gelandet. Geht das, wäre letztlich die Frage, die Wirklichkeit so anzusehen, wie Jesus das tut? Ist das nur ein frommer Wunsch, oder geht das, und was passiert dann?

Ich habe dazu eine Ikone mitgebracht, es ist jene, die, wie unschwer erkennbar, die heutige Evangelienperikope abbildet. Man erkennt die Berglandschaft, in der Mitte den verklärten Jesus, flankiert von Mose und Elia, vorne die drei Apostel, die, wie das heutige Evangelium sagt, und die, wie es sich in der Bibel bei Theophanien gehört, also wenn Gott sichtbar wird, niederfallen. Dieser Typ Ikonen kommt öfter vor, und wer sich in den vatikanischen Sammlungen vor die berühmte Darstellung dieser biblischen Szene durch Raffael Santi stellt, wird feststellen, dass sie im oberen Bildteil diese Szene ziemlich ähnlich wiedergibt. Der Typ kommt oft vor, mir geht es um diese Ikone, sie stammt von Theophanes, dem Griechen, in Russland auch Feofan Grek genannt. Er kam um 1370 nach Moskau und wird dort Lehrmeister einer der berühmtesten russischen Ikonenmalers, des (hl.) Andrej Rubljow. Und er malt diese spannende Szene und malt sie auf ganz besondere Art und Weise: mit ganz wenig Farbe, fast transparent und durchscheinend. So als wolle er darstellen: Am Verklärungsberg strahlt nicht nur Jesus durch ein besonderes Licht, auch die Schöpfung, ja sogar die mitgekommenen Apostel werden transparent, fast durchscheinend auf dieses besondere Licht. Oder, andere Metapher: Nicht nur Jesus, die ganze Welt leuchtet von der Herrlichkeit Gottes. Widerspiegelt sie, leuchtet in einem ganz besonderen Licht. Sie schaut die Schöpfung, die Welt, die Jünger am Verklärungsberg an. Um Alfred Delp, den Jesuiten, der von den Nazis hingerichtet wurde, zu zitieren: ‚Die Welt ist Gottes so voll.‘ Ja, weil sie von der Schöpfung an die Spuren Gottes trägt. Ja, weil in Jesus die neue Schöpfung sichtbar wird: Mensch und Gott vereint. Ja, weil dieser Neuanfang ausstrahlen soll, die ganze Schöpfung verwandeln – dass das bei uns in der Taufe grundgelegt ist, werden wir in der Osternacht in der Epistel hören und in der Tauferneuerung feiern.

Eine Beobachtung noch: Ein unscheinbares Detail, das aber entscheidend ist – die zwei Verba im ersten Satz des Evangeliums. Was tut Jesus mit seinen Jüngern? Er nimmt sie beiseite und dann – so die Einheitsübersetzung – bringt er sie auf einen hohen Berg. Das könnte man pointierter übersetzen. Im Griechischen steht dort: ἀναφέρει, und das heißt wörtlich: Er trägt sie hinauf. Der Weg zur Verwandlung (so heißt die Verklärung eigentlich auf Griechisch) ist mühsam, führt einen Berg hinauf. Aber auf diesen Berg hinauf gehst du nicht allein. Jesus trägt dich. Und wie er das tut, davon erzählen die Evangelien der drei kommenden Sonntage.

Ein Blick – Predigt

Dr. Nikolaus KrasaWie schauen wir andere an, wie werden wir angeschaut? Was sagen Blicke aus? Was spiegelt unser Gesicht wider? Und was hat das mit Adam, Eva und der Schlange sowie mit Jesus und dem Versucher zu tun? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa in Schönbrunn-Vorpark am 1. Fastensonntag (22.02.).


Ich entschuldige mich für den Beginn, vermutlich werden Sie sich beim Einstieg denken: Was hat das mit dem ersten Fastensonntag zu tun, und was hat das mit einem Gottesdienst zu tun? Trotzdem: Mir ist beim Vorbereiten dieser Predigt ein Liedtext eingefallen, den ich in meiner Jugend immer wieder gehört habe, nicht zu Hause (da gab’s nur Ö1), aber auf Schihütten, in Bussen … 1976 ist der Song herausgekommen und stammt angeblich von einem Herrn Ernst Neger. Der Text des Refrains lautet folgendermaßen:

Geh Oide, schau mi net so deppert an, heut bin i blau, was liegt scho dran

Kinder: Könnt ihr das: Deppert schauen? Und was passiert, wenn ihr einander deppert anschaut … also Hochdeutsch: dumm anschaut … Das macht etwas mit euch, wirkt jetzt eher lustig. Aber: Das kennen Sie vielleicht auch: Man ist nicht gut drauf, fährt in der U-Bahn, und da schaut einen jemand blöd an. Oder es gibt einen Konflikt, und der Konfliktpartner kommt einem mit dem Gesicht ganz nahe und grinst bewusst frech … ein Gesicht ist so etwas wie eine Visitenkarte, und bewirkt automatisch in mir etwas (den Mechanismus dahinter hat die Neurologie gut erklärt, es gibt eigene Neuronen im Gehirn, die für diesen Effekt zuständig sind, die sogenannten Spiegelneuronen). Eine weinende Person stimmt mich traurig, eine lachende macht mich fröhlich (außer – wenn man sagt: Ich mach zu und lass nichts mehr an mich heran.). 

Warum ich auf diesen Refrain komme – alle, die am vergangenen Aschermittwoch dabei waren (und sich noch erinnern können), wissen, dass es da ums „Widerspiegeln“ ging … ausgehend von einem kurzen Vers am Ende des 3. Kapitels des 2. Korintherbriefes: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn wider …“

Das hat mich nicht nur zum Schlager aus den 70er Jahren gebracht, sondern zu einer vielleicht zuerst etwas abwegig klingenden Frage im Blick auf unsere Lesungen, vor allem die erste und das Evangelium. Denn in beiden geht es um Begegnung und Anschauen. Also: Wie schaut die Schlange die Frau an, und wie die Frau die Schlange? Ein verführerischer Blick, ein Blick voller Sehnsucht, die ja auch im Text der Schlange artikuliert wird. Sein wie Gott, Gut und Böse erkennen, mehr Macht, mehr Fähigkeiten, mehr Selbstständigkeit. Und dann, nachdem sie gegessen haben, die Bibel spricht sogar vielleicht auch von einem äußeren Gesichtseindruck, da gehen ihnen die Augen auf. Wie haben sie sich da angeschaut, als sie erkennen, dass sie nackt sind? Also etwas, das vorher völlig selbstverständlich war, das plötzlich nicht mehr ist; dass letztlich die Beziehung zu sich selbst und zueinander nicht mehr passt, man sich nicht mehr anschauen kann und letztlich auch die Beziehung zu Gott nicht mehr passt, man sich vor ihm versteckt. Und, könnte man den Faden weiterspinnen, dass, was Gott tut, aus Sorge nachgehen, als unangenehm verstanden wird und man sich versteckt, versucht, bewusst wegzuschauen, um nicht gesehen zu werden. Sich nicht mehr anschauen können in allen Beziehungsdimensionen, Gott, sich selbst, den oder die nächste, das ist letztlich Frucht, Ergebnis der Sünde, fasst Paulus das dann in theologischem Vokabular zusammen. Wir haben das am Aschermittwoch zu visualisieren versucht: Wir haben Spiegel mit Fett beschmiert, und während man sich vorher sehen konnte, ging das nachher nicht. 

Die Frage: Wie schaut jemand? Passt aber auch fürs heutige Evangelium. Wie schaut der Versucher Jesus, wie schaut Jesus den Versucher an? Der Versucher: wohl verführerisch, obwohl mehr Verführung vermutlich in der Stimme liegt: Mach das, und du wirst unermesslich mächtig, geliebt, stark sein. Wie schaut Jesus seinen Versucher an? Offenbar nicht mit jener Sehnsucht im Blick, die Eva hat; wahrscheinlich mit jener inneren Ruhe, die aus den drei Bibelstellen spricht, die er dem Verführer entgegen sagt. Ruhe, weil sie letztlich aus einer Erfahrung sprechen … das ist ja schon spannend. 

  1. Jesus wird wie Eva (und Adam) versucht. Das gehört offenbar zum Menschsein, vielleicht sogar zur Größe des Menschen. Wir sind nicht bloß festgelegte Maschinen, die auf einem wie immer gearteten Fließband unseren Teil der Arbeit verrichten. Die Größe des Menschen ist zu sagen: Ich will, oder ich will nicht, sich zum Fließband zu setzen oder nicht, zu nützen oder zu schaden …
  2. Jesus sagt nicht einfach „Nein“, oder „Ich will nicht“ im Blick auf die Versuchungen. Er antwortet mit Bibelstellen, und in jeder dieser Bibelstellen kommt Gott vor. Er gibt das Brot, ihn soll man nicht versuchen, ihm allein soll man dienen. 

Bleiben wir bei der Frage: Wie schaut der Versucher Jesus an? Verlockend: Du kannst alles, du kannst unendlich mächtig sein, du kannst Gott manipulieren und für deine Zwecke verwenden, du kannst machen … Wie schaut Jesus: Ganz ruhig, und letztlich schaut aus seinem Blick Gott. 

Wie schaut uns die Welt, wie schauen uns die Menschen um uns an? Was spricht aus unserem Blick? 

 

 

Will Jesus I-Tüpfel-Reiter? – Predigt

Dr. Nikolaus KrasaGeneralvikar Dr. Nikolaus Krasa erläuterte in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 6. Sonntag im Jahreskreis (15.02.2026), worauf Jesus hinauswollte, wenn er in der Bergpredigt über die Gesetze der Thora hinausgehend sagte „Ich aber sage euch…“.


Als ich ihn Rom gelebt habe, habe ich gelernt, dass dort die Verkehrsampeln unterschiedliche Bedeutung haben, je nach Tageszeit (das ist, gestehe ich, 30 Jahre her, hat sich vermutlich auch ein Stückchen geändert). Also tagsüber war eine rote Ampel eine rote Ampel. Klar, dass man da mit dem Auto stehen blieb. (Etwas weiter im Süden war das dann schon wieder ein bisschen anders: in Neapel hat eine rote Ampel nicht unbedingt stehen bleiben geheißen).In Rom jedenfalls war das in der Nacht dann anders, also, in der richtigen Nacht, wo dann doch die meisten geschlafen haben, so ab etwa 2 Uhr in der Früh. Da waren roten Ampeln mehr so Hinweisgeber: Achtung, wenn bei der Kreuzung ein Auto kommt, dann lass ihm die Vorfahrt, aber sonst fahr… Fußgängerampeln waren sowieso nur Hinweisgeber: Achtung, Kreuzung mit viel Verkehr, aber nicht unbedingt: warten, bis es grün wird…

Wie ist das mit Jesus? Im ersten Blick sagt er im heutigen Evangelium. Egal wie sinnvoll es ist, bleib stehen, wenn die Ampel rot ist, ja eigentlich, im Blick auf den Sager mit dem Jota (das ist der kleinste Buchstabe im hebräischen Alphabet), auch wenn die Ampel erst gelb blinkt, ja vielleicht sogar, wenn du weißt, jetzt dauert die Grünphase schon sehr lange: Bleib stehen. Erfülle das Gesetz zu 100, vielleicht sogar zu 110%. (Die Geschichte mit dem Jota drückt die nicht mehr ganz gebräuchliche Redewendung vom „I-Tüpfel-Reiter“ aus.) Mach‘s genauer, als gefordert ist. Das scheint ja der Duktus der sogenannten Antithesen zu sein, die wir heute im Evangelium gehört haben. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist…“ Dann folgt ein Stück Torah, also ein Stück Gesetzestext. „Ich aber sage euch…“, dann folgt eine Auslegung Richtung Übererfüllung. Also: nicht töten (das ist Torah), nein mehr, nicht einmal zürnen; oder: nicht Ehe brechen (das ist Torah), nein (aus Männerperspektive), nicht einmal eine Frau entsprechend sehnsuchtsvoll anschauen; nicht zum Bösen verführen lassen (Torah), gleich das Auge ausreißen, das verführt; nicht Scheidebrief (Torah), gar keine Scheidung usw. (die Liste geht weiter. Wenn kommenden Sonntag nicht die Fastenzeit begänne, würden wir die Fortsetzung als Evangelium hören.).

Was ist die Intention Jesu? Das Leben der Menschen noch komplizierter machen (also zu schon bestehenden Regeln noch mehr und schwierigere dazu tun)? Uns zu Gesetzesfreaks machen (Sie kennen so Menschen, die alles 200%ig erfüllen wollen, ziemlich nervige Angelegenheit) – eben so richtige I-Tüpfel-Reiter? Was ist der Kontext? Wir sind in einem typischen jüdischen Streitgespräch. Ziel so eines Gespräches ist es, eine Schriftstelle, einen Gesetzestext besser zu verstehen. Die Methode ist ganz einfach: Spitze die Fragestellung oder die Konfliktsituation immer mehr zu mit dem Ziel, den Text, über den man diskutiert, besser zu verstehen. Und genau das ist der Punkt. Jesus möchte seine Jünger nicht zu Gesetzesfreaks machen, zu 200 Prozent Erfüllern aller biblischen und sonstigen Gesetze. Die Zuspitzung hat einen anderen, eigentlich auch für uns recht selbstverständlichen Sinn. Es geht darum, die Gesetze ihrem Sinn nach zu verstehen und zu leben. Also beim ersten etwa: Wenn es beim menschlichen Zusammenleben nur darum geht zu vermeiden, dass wir einander umbringen, ist das allein wahrscheinlich nicht der Garant für ein gutes Zusammenleben. Es wäre ja besser, wir würden grundsätzlich darauf achten, gut miteinander auszukommen, sodass die Eskalation von Ärger und Zorn, der Mord gar nicht vorkommen. Und damit ist Jesus theologisch mitten in der Diskussion seiner Zeit (die wir mitbekommen hätten, wenn wir bei der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach auch die 10 Verse davor gehört hätten. Da ist nämlich von der Weisheit Gottes die Rede, die schon bei der Schöpfung an Gottes Seite war und die hilft, das Gesetz zu erfüllen. Mit anderen Worten: Eigentlich hat die Schöpfung von Gott her eine gute, weise Ordnung. Eine ungeschriebene Torah. Lang bevor Mose seinem Volk vom Sinai her die Torah Gottes bringt. Letztere ist nötig, um in einer durch Sünde, durch Gewalt, durch Unrecht geprägten Welt zumindest wieder an diese Ordnung zu erinnern, ihr zur Geltung zu verhelfen. Das Licht der Torah soll im Dunkel dieser Welt etwas vom Licht Gottes sichtbar machen (so etwa würde das Buch der Weisheit formulieren). Vielleicht erinnern Sie sich jetzt an das Evangelium vom vergangenen Sonntag, das unserem Text unmittelbar vorausgeht. Wo soll die Schöpfungsordnung Gottes in dieser Welt wieder aufleuchten? „Ihr seid das Licht der Welt“, hat Jesus formuliert. Ihr seid die, die Gottes Torah ihrem Sinn entsprechend leben, und, wie es quasi im Schlusssatz geheißen hat: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

Wie hat alles angefangen?

Dr. Hans PockEinen Tag nach der Weihe des neuen Erzbischofs von Wien Josef Grünwidl und am Sonntag des Wortes Gottes (25.01.2026) stellte Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Frage, wie alles angefangen hat, und zeigte auf, wie die Tätigkeit Jesu begonnen hat und was daraus für uns folgt.


Wie hat alles angefangen? Das ist eine Frage, die man sich im Laufe des Lebens im Rückblick wohl so manchmal stellt. Wie hat alles angefangen, mit der Beziehung, mit meinem Beruf? Wie hat es angefangen mit einer Krankheit? Oder auch mit dem Glauben.

Oder im Umfeld der Bischofsweihe von Erzbischof Josef Grünwidl: Wie viele da gefragt haben, wie bei ihm alles angefangen hat – mit dem Glauben, mit seiner Liebe zur Musik, mit der Theologie und dem Priestersein.

Und auch die junge Kirche fragte sich: Wie hat alles angefangen?

Gerade die Bibel berichtet uns von den Anfängen: Vom Anfang der Welt in der Schöpfungserzählung; vom Anfang der Verheißungen; vom Anfang des berufenen Volkes. Und dann auch vom Anfang des christlichen Glaubens. Die ganze Bibel ist ein Glaubenszeugnis über Jahrhunderte hinweg.

Zu Weihnachten haben wir mehrfach gehört: „Am Anfang war das Wort“ – So beginnt das Johannesevangelium. Es ist eher griechisch-philosophisch ausgerichtet. Aber gerade auch der Sonntag des Wortes Gottes verweist auf die Bedeutung dieses Wortes.

Das Leitevangelium in diesem Jahr ist das Evangelium nach Matthäus. Es begleitet uns durch das ganze Kirchenjahr. Wie schildert er diese Anfänge?

1) Der Evangelist Matthäus erzählt von einem relativ unspektakulären Beginn: Jesus zieht sich nach seiner Taufe am Jordan zurück. Und er beginnt seine öffentliche Tätigkeit nicht im Zentrum des religiösen, gesellschaftlichen und politischen Lebens, also in Jerusalem, sondern in einer von vielen verachteten Gegend in Galiläa, in seiner Heimat. Er beginnt bei einem Volk, von dem schon Jesaja gesagt hat: Es ist ein Volk, das im Dunkel sitzt, in einem Land, das nicht nur von den Menschen, sondern auch vom Herrn verachtet ist.

Den Menschen, die im Land der Finsternis wohnen, will Jesus Licht aufstrahlen lassen; er will das drückende Joch und den Stock des Treibers zerbrechen. Er will das verachtete Land zu Ehren bringen. Die ersten, an die Jesus sich wendet, sind also nicht die Reichen, die Angesehenen, die Mächtigen, sondern die Verlassenen, die Verachteten, jene, die im Dunkel sitzen. Sein erstes Zeichen ist es, dass er sich auf die Seite der Armen stellt.

Also der erste Akzent am Anfang: Er geht an die Ränder; er geht zu den Armen; er verlegt das Zentrum seines Wirkens an die Peripherie.

2) Und was ist der erste Inhalt seiner Reden, seine ersten überlieferten Worte? Er verkündet: „Das Reich Gottes ist nahe“. Und er ruft zur Umkehr: „Bekehrt euch“.

Jesus will Menschen Hoffnung geben. Sie soll die Menschen, die im Dunkel sitzen, zur Umkehr befähigen. Sie soll helfen, sie von Verzweiflung zu befreien und ermutigen, Fehlhaltungen – Sünden – aufzugeben. Den Menschen Hoffnung geben und durch die Hoffnung Umkehr zu ermöglichen, ist ein zweites Prinzip christlichen Lebens und Wirkens.

Daher die Botschaft: Das, worauf ihr wartet, beginnt. Ihr stöhnt unter dem Joch des römischen Reiches. Ihr fühlt euch unterdrückt und unfrei. Doch Erlösung ist nahe: Der Messias; der Befreier.

Und deshalb: Ihr müsst euch ändern! Wenn Gott nahe ist, dann muss das Auswirkungen haben. Wenn Mächtige kommen, bereitet man den ganzen Ort; man schmückt alles; man will möglichst gut dastehen. Wenn Gott aber kommt, dann geht es um das Innere: Bereit euer Inneres; bekehrt euch.

Jesus verkündet das nahe Gottesreich – und die notwendige Umkehr.

3) Und nun drittens die Frage: Was tut Jesus?

Er redet nicht nur von Gottes Reich. Sondern er verkündet das Wort Gottes in einer Weise, die aufhorchen lässt: Er heilt Kranke, er bricht die Macht des Bösen, er vergibt Sünden. Diese Zeichen helfen den Menschen, an seine Botschaft zu glauben. Sein Wort, seine Handlungen stimmen überein. Er redet von der Befreiung durch Gott – und er befreit Menschen von dem, was sie belastet.

Zu diesen Handlungen Jesu gehört aber auch: Jesus sucht sich Mitarbeiter. Das heutige Evangelium berichtet, wie Jesus Menschen aus ihrer bisherigen Lebensweise herausruft, sie einlädt mit ihm zu gehen und zu wirken. „Kommt her und folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen“. Sie sollen „Menschen fischen“. Das heißt: Sie sollen Menschen für das Reich Gottes gewinnen, indem sie an der Sendung Jesu Anteil haben.

Jesus sucht Mitarbeiter bewusst nicht aus der religiösen oder politischen Elite aus. Es sind einfache Fischer, Bauern, Handwerker… Und er führt sie ein in das, was ihm wichtig ist – indem sie ihn begleiten, ihm nachfolgen. Indem sie ihm zuhören und darauf achten, was er tut.

Dass er hier nur Männer aussucht, ist sicherlich der damaligen Zeit geschuldet, in der es nicht üblich war, dass Frauen herumzogen. Zugleich aber waren wichtige Frauen unter seinen Jüngerinnen dabei und haben zur Weitergabe des Wortes Gottes wesentlich beigetragen.

Letztlich sollen je nach ihrer Sendung alle Christinnen und Christen Mitarbeitende Jesu sein – und sie bedürfen dafür einer lebenslangen Schule. Sie sollen mit ihm gehen. Nur so werden sie fähig, das zu tun, was er ihnen aufträgt: Mithelfen, dass Menschen, die im Dunkel sitzen, ein Licht aufstrahlt.

Zusammenfassend gibt es also drei Akzente bei Matthäus: Jesus ist auf der Seite der Verstoßenen; er verkündet den Anbruch des Reiches Gottes; und er redet nicht nur, sondern befreit Menschen und holt sich dazu Mitarbeiter.

Nochmals die Frage vom Beginn: Wie hat alles angefangen?

Der Blick auf den Anfang ist wie ein Blick auf einen Kompass: Er ermöglicht uns, wieder die richtige Richtung einzuschlagen; den richtigen Weg zu finden – und das ist ein gemeinsamer Weg der Menschen mit Jesus. Er ist ein Weg der Verheißung, und nicht der Sicherheiten. Ein Wagnis; ein Gang an die Ränder. Aber zugleich doch auch mit einer Gewissheit: Wer Jesus folgt, dem wird es nicht langweilig; da verändert sich etwas. Es ist nicht immer leicht; es ist anspruchsvoll – aber er hat etwas zu bieten: Nämlich ein Leben, das lebenswert ist.

 

Gemeinsames Erbe

Dr. Nikolaus KrasaIn seiner Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis (18.01.2026) in Schönbrunn-Vorpark nahm Dr. Nikolaus Krasa die Gemeinde mit auf eine Reise von Boskovitz über den Jordan nach Schönbrunn-Vorpark. Er bezog sich dabei auch auf den Tag des Judentums (heuer 17.1.), der seit dem Jahr 2000 am Vortag der Gebetswoche um die Einheit der Christen (heuer 18.-25.1.) begangen wird.


Boskovitz (tschechisch Boskovice), eine Kleinstadt, nördlich des sogenannten mährischen Karstes, liegt etwa 30 km von Brünn entfernt. Das Städtchen hat einiges zu bieten, eine aus dem 14. Jahrhundert stammende riesige Burg, ein klassizistisches Schloss, ein hübsche Pfarrkirche und eine wunderbar renovierte Synagoge aus dem 17. Jahrhundert. Keine Angst, ich beende diese Fremdenverkehrswerbung so schnell, wie ich sie begonnen habe (das Tourismusbüro Boskovice hat mich nicht bezahlt). Ich beginne in Boskovice, weil ich dort weinen musste. Und das, weil die Zahlen dort eine so deutlich und gleichzeitig fassbare (und damit letztlich unfassbare) Sprache sprechen. Vor 1939 lebten in Boskovic 400 Juden, etwa 40% der Bevölkerung (der Ort zählte damals 1000 Einwohner). Nach 1945 kamen nur 10 Juden in diesen Ort zurück. Ein Geschehen, Sie wissen es, das sich in ganz Europa abspielte, allerdings mit so großen Zahlen, dass sie eigentlich kaum fassbar sind. 400 von 1000 Einwohnern, nur mehr 10 zurück. Das ist vorstellbar und in der Grausamkeit dessen, was zwischen 1939 und 1945 geschehen ist, gleichzeitig unvorstellbar. 

 

Was sind die geschichtlichen Wurzeln, die zu solchen Grausamkeiten geführt haben? Da gibt es leider einen starken Strang, der tief in die Geschichte der christlichen Kirchen eingeschrieben ist. Durch die Jahrhunderte. Schon lang vor der ‚Reichskristallnacht‘. Informieren Sie sich am Judenplatz im ersten Bezirk, lesen Sie die Biographie des Hl. Johannes Capistran, der als Prediger in Wien gewirkt hat, dem die Capistrankanzel ein deutliches Denkmal gesetzt hat. Wussten Sie, dass die Judenverfolgung im Zuge der Reconquista in Spanien dazu geführt hat, dass Juden aus Spanien in das Osmanische Reich geflüchtet sind, dabei ihr Wissen in Metallverarbeitung mitgenommen haben, die wiederum in das Gießen jener Kanonen eingeflossen sind, die während der Türkenbelagerungen gegen Wien zum Einsatz kamen …

Gut, dass unter diese Jahrhunderte lange Unheilsgeschichte das 2. Vatikanische Konzil zumindest verbal offiziell einen Schlussstrich gezogen hat: „Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.“ So einer der Schlusssätze im Konzilsdokument ‚Nostra Aetate‘.

 

Gemeinsames Erbe. Das lässt sich am heutigen Evangelientext schön durchexerzieren. Denn der Satz, den der Täufer über Jesus sagt, der uns aus der Liturgie so vertraut ist, schöpft genau aus diesem Erbe: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“.
Lamm Gottes
. Im Kontext des Johannesevangeliums klingt hier zunächst wohl die Geschichte des Paschalammes an – denn bewusst markiert Johannes in seiner Chronologie der letzten Stunden Jesu, dass zu der Zeit, als Jesus am Kreuz stirbt, im Tempel die Paschalämmer geschlachtet werden. Jenes Lamm also, dessen Blut an den Türstöcken der Israeliten den Todesengel vorübergehen lässt, während in den Häusern Ägyptens die Erstgeburt stirbt. Jenes Lamm, das dem Volk die Kraft gibt aufzubrechen, noch in der Nacht, in die weglose Wüste, um einen Weg in die Freiheit, in das gelobte Land zu finden.

Lamm Gottes – wer ein bisschen im Buch des Propheten Jesaja blättert, findet dort 4 Lieder, die von einem uns namentlich Unbekannten sprechen, der Knecht Gottes genannt wird (weshalb diese Lieder auch Gottesknechtlieder heißen). Dieser Knecht Gottes ist so mit seiner Botschaft eins, dass er für sie stirbt – wie ein Lamm, heißt es dort, beim Schlachten, das seinen Mund nicht auftut. Dieser „Sühnetod“ wird aber gleichzeitig zum „Eye Opener“ für alle: „Durch seine Sünden sind wir geheilt.“ heißt es in diesem Lied. Der Gerechte, der unschuldig zum Brennpunkt des Bösen wird, der durch seinen Tod Veränderung bewirkt (vielleicht auch weil er Gewalt nicht mit Gewalt begegnet). 

Und da sind wir wieder (wie beim Paschalamm) im Pentateuch gelandet. In Lev 16,8-21 wird im Zusammenhang mit dem Versöhnungstag (Jom Kippur) davon berichtet, dass das Los geworfen wird, wo ein Bock (Asasel genannt) ausgesondert wird, die Sünden des Volkes durch Handauflegung auf diesen Bock übertragen werden, und er in die Wüste gejagt wird. Der „Sündenbock“, wie Martin Luther ihn nennt. Einer, der die Last der Verfehlungen, der Vergehen der Gemeinschaft sozusagen stellvertretend trägt.

Diesen reichen Hintergrund bemüht Johannes, um zu beschreiben, wer denn dieser Jesus ist, besser, wer er für uns ist, noch besser: damit wir an ihn glauben und so Macht haben, Kinder Gottes zu sein (wie es im Prolog, den wir zu Weihnachten gehört haben, heißt).

 

 

Gottes Gerechtigkeit

Dr. Hans PockIn seiner Predigt am Fest der Taufe Jesu (11.01.2026) zeigte Dr. Johann Pock in Schönbrunn-Vorpark auf, was Gottes Gerechtigkeit ist, wie Jesus seine Sendung versteht und wie das mit Weihnachten zusammenhängt.


Von Papst Johannes XXIII werden einige ganz unerwartete Aktionen erzählt, mit denen er seine Umgebung verblüffte.

In der Zeit, als er noch Bischof in Venedig war, erhielt er eines Tages den Hinweis, einer seiner Priester sei Alkoholiker. Darauf sagte Johannes zu seinem Sekretär: „Da müssen wir hin!“

Vor dem Pfarrhaus angekommen, verwies man die beiden ins nächste Gasthaus, und Johannes schickte seinen Sekretär, dass er den Priester hole.

Der Sekretär kam zurück mit dem Priester, und Johannes nahm ihn mit zum Bischofspalast. Dort bot er dem Priester einen Stuhl an und sagte: „Bruder, setz dich! Ich möchte nämlich bei dir beichten!“

 

Was geschieht hier? Der Bischof schaut nicht verächtlich von oben auf den Trinker herab – er nimmt ihn in seiner Würde ernst, die er trotz seines Lasters hat. – Und damit gibt er ihm seine Würde wieder zurück.

Genau das wird heute von Jesus erzählt: Die Menschen strömten zu Hunderten zum Jordan, um von diesem Mann aus der Wüste, von Johannes, getauft zu werden; sie stiegen ins Wasser, erniedrigten sich, damit ihre Sünden abgewaschen würden.

Jesus hatte keine Sünden; er hätte es nicht nötig gehabt, sich anzustellen und zu erniedrigen – aber er tut es; er solidarisiert sich mit den Sündern; er begibt sich auf eine Ebene mit denen, die sich dort öffentlich als Sünder bekennen.

Und genau an diesem Ort bekennt sich Gott zu ihm: Dieser Mann, der sich nicht zu gut ist, sich unter die Sünder einzureihen, das ist mein geliebter Sohn! An ihm habe ich Gefallen.

Und auf diesen Jesus trifft auch das zu, was Jesaja 700 Jahre früher verkündet hatte: „Das ist mein Knecht, mein Erwählter.“

Er zerbricht das geknickte Rohr nicht: D.h. er hält nicht denen, die gesündigt haben, auch noch Moralpredigten oder verheißt ihnen Strafen – ganz im Gegenteil: Er stellt sich auf ihre Stufe; er vergibt die Sünden; er stützt und heilt die Geknickten.

Jesus spricht selbst, dass er gekommen ist, Gerechtigkeit Gottes zu erfüllen: – „Gott, der gerechte Richter!“ – Man könnte vor diesem Richter Angst haben – im Blick auf das, was jeder von uns im Lauf seines Lebens falsch macht; wo jeder von uns gegen das Liebesgebot Gottes verstößt; wo wir nur unsere Pläne im Blick haben und nicht die Wünsche der Menschen um uns oder die Wünsche Gottes.

– Aber Jesus sagt: Gottes Gerechtigkeit ist nicht Strafe / nicht Verderben; es geht nicht um „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Gottes Gerechtigkeit ist barmherzig: Er weiß um die Schwächen der Menschen.

Er ist der, der bei Jesaja zu seinem Knecht sagt: „Du bist gesandt, blinde Augen zu öffnen, Gefangene zu befreien; Licht ins Dunkel zu bringen.“ (Jes 42,7).

Ja, Gott geht so weit, dass er sich selbst, seinen Sohn, für uns und für unsere Sünden opfert.

Das Fest „Taufe Jesu“ zeigt, wie Jesus seine Sendung versteht; wie Jesus seinen Auftrag, die Menschen zu retten, versteht: Nicht durch Strafe, sondern indem er sich auf eine Stufe mit uns stellt.

Und es zeigt, wer Gott für uns ist: nicht ein strafender Gott, der sich für unsere Sünden rächt; sondern einer, der versucht, einem jeden Menschen seine Würde zurückzugeben.

Dieser Sonntag schließt die Weihnachtszeit ab – und es ist konsequente Weiterführung dessen, was wir zu Weihnachten gefeiert haben: Gott ist sich nicht zu gut, herabzusteigen, sich auf die Ebene der Menschen zu begeben, um uns die Möglichkeit zu geben, zu ihm hinaufzusteigen.

Das erste und das letzte Wort

Dr. Christoph BenkeWenn wir sagen ‚Das ist mein letztes Wort!‘ meint das etwas ganz anderes, als wenn Gott nach dem Wort des Anfangs auch sein letztes Wort spricht. Darüber predigte Dr. Christoph Benke zu Weihnachten (25.12.2025) in Schönbrunn-Vorpark.


Das ist mein letztes Wort: Wenn das kommt, hat ein Gespräch eine bestimmte Richtung genommen. Es ist an einem Punkt, an dem es kaum noch weiter geht. Mit Das ist mein letztes Wort steht etwas Endgültiges, Unumstößliches im Raum (eine Aussage, ein Entschluss), jedenfalls etwas mit großer Bedeutung. Das letzte Wort ist ein Schlussstrich.

Das Evangelium des Weihnachtstages bietet einen Kontrast. Es spricht nicht vom Letzten, sondern vom Anfang. Es geht ebenfalls um ein Wort. Aber dieses Wort ist der Anfang schlechthin: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.

Im Anfang war das Wort. Das erinnert daran, wie die Heilige Schrift anfängt: „Und Gott sprach“ – so heißt es immer wieder im Buch Genesis. Alles hat mit einem Wort Gottes begonnen. Gott wollte sich öffnen, aus sich herausgehen, er tat es mit einem kreativen Wort. Seither war dieses Wort in der Welt, sozusagen in und mit der Schöpfung immer da. War das Schöpfungswort Gottes „letztes Wort“?

Nein, das war noch nicht Gottes letztes Wort. Gottes letztes Wort, das ist sein Zur-Welt-Kommen, sein Eingehen in die Materie, seine Fleischwerdung: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14)

Das ist Gottes letztes Wort. Das ist nicht mehr zu toppen. Mehr und Anderes und Neues ist nicht zu erwarten. Deshalb müssen wir uns an den Sohn halten. Er hat Kunde gebracht. Wir dürfen vom Sohn, vom Kind, aus seiner Fülle empfangen und wir benötigen unser ganzes Leben, um ein wenig davon zu begreifen.

Der Lärm der Welt und das Wort Gottes – Predigt

Dr. Christoph BenkeÜber den vielfältigen Lärm der Welt, in den das Wort Gottes als Kind kommt, predigte Dr. Christoph Benke in der Heiligen Nacht in Schönbrunn-Vorpark.


Diese Nacht gilt als eine besondere Nacht, sogar als Heilige Nacht. Wir gehen auf die Mitternacht zu. Nachher werden wir Stille Nacht singen. Aber still ist es jetzt nicht und wird es nachher auch nicht sein. Unablässig fließt der Straßenverkehr, laut und aufdringlich. Man kann ihm nicht entkommen.

Der Geräuschpegel kommt nicht nur von der Straße. Die Welt als ganze macht Lärm. „Lärm der Welt“ meint nicht nur eine Anzahl von Dezibel. Der „Lärm der Welt“ besteht aus Dauerthemen: eine neue weltpolitische Lage, die ökologische Krise, Ukraine und Gaza, Terror, das Erstarken antidemokratischer Kräfte, das wirtschaftliche Tief, vier Wochen Nebel. Das macht Ein-Druck. Das wirkt wie eine andauernde Beschallung. Kaum auszuhalten, höchstens, indem man noch mehr Lärm macht gegen die nagende Angst.

Gibt es irgendwo dazwischen noch Ruhe und Frieden? Gibt es noch Hoffnung für die Welt? Was können wir dem Lärm der Welt entgegenhalten, damit er uns nicht hinunterzieht?

Wir feiern die Geburt eines Kindes. Gott kommt in die Welt, zu uns. An diesem göttlichen Kind können wir etwas ablesen. Das Kind ist ein, nein: Es ist das Wort Gottes. Es lautet: ‚Ich halte trotzdem zu dieser Welt‘. Das Christuskind ist das Dennoch Gottes.

Gott kommt als Kind, hinein in den Lärm der Welt. Der Lärm der Welt macht Ein-Druck. Das Kind ist klein und schwach. Ob es gegen den Lärm der Welt ankommt? Ob uns dieses Kind beeindruckt? Das liegt jetzt auch an uns, ist auch unsere Verantwortung.

Das Christus-Kind sucht – wie jedes Kind – Gehör. Denn es will uns sagen: Es gibt Hoffnung. Gott lässt seine Schöpfung nicht allein. Gott wird Mensch. Er teilt unser Leben, von Anfang bis zum Ende – und darüber hinaus.

In guter oder schlechter Gesellschaft? – Predigt

Dr. Christoph BenkeWar Jesus am Kreuz in guter oder schlechter Gesellschaft? Und was folgt daraus für uns? Darüber predigte Dr. Christoph Benke am Christkönigssonntag (23.11.2025) in Schönbrunn-Vorpark.


Mit wem man durchs Leben geht, kann man sich nicht immer aussuchen. In die Herkunftsfamilie wird man hineingeboren, ungefragt. Am Arbeitsplatz, im Büro gibt es Leute neben mir und vor mir. Aber da und dort kann ich steuern, mit welchen Leuten ich mich umgebe – ob ich mich sozusagen in guter oder schlechter Gesellschaft befinde.

Wir feiern heute das Christkönigsfest. Wir hörten einen kleinen Ausschnitt aus der Passion Jesu: Christus, der König und zwei Verbrecher neben ihm. Christus, der König, befindet sich in schlechter Gesellschaft, die zwei Verbrecher in guter Gesellschaft. Die zwei Verbrecher hängen am Kreuz mit Christus. Aus dieser Gemeinschaft können sie sich nicht mehr herausstehlen. Nägel halten alle fest.

Auf vielen Darstellungen der Kreuzigung Christi fehlen die beiden Verbrecher. Das ist schade. Sie waren nämlich die erste christliche Gemeinde. Die beiden Verbrecher bildeten die erste sichere, unauflösliche christliche Gemeinde. Christliche Gemeinde ist überall, wo Menschen versammelt sind, die Jesus nahe sind; so nahe, dass sie seine Verheißung hören können: dass dieser Jesus alles, was er ist, für sie ist; dass er alles, was er tut, für sie tut, so, dass sie von dieser Verbindung leben dürfen. Die erste christliche Gemeinde waren diese zwei Verbrecher.

Die zwei Übeltäter, die jetzt als Gekreuzigte bei ihm waren, hatten wohl zuvor kaum von Jesus gehört, geschweige denn, dass sie gläubige, bekehrte Leute waren. Im Gegenteil! Dafür aber konnten sie ihn jetzt nicht allein lassen, konnten nicht schlafen und auch nicht fliehen. Er und sie, sie und er waren verbunden – in Ewigkeit.

Christus starb nicht für eine gute, sondern für eine böse Welt; nicht für die Frommen, sondern für die Gottlosen. Wir müssen jetzt nicht erst Verbrecher werden. Aber wir sollten wissen: Menschen, die sich im Grunde für gut und in Ordnung halten, haben in dieser Szene keinen Platz – es sei denn im Gegenüber, inmitten der distanzierten Menge.

Wer ist Jesus, diesem ganz anderen König des Universums, wirklich nahe? Auf der Suche nach einer Antwort ist mit Überraschungen zu rechnen.