Wie hat alles angefangen? – Predigt

Dr. Hans PockEinen Tag nach der Weihe des neuen Erzbischofs von Wien Josef Grünwidl und am Sonntag des Wortes Gottes (25.01.2026) stellte Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Frage, wie alles angefangen hat, und zeigte auf, wie die Tätigkeit Jesu begonnen hat und was daraus für uns folgt.


Wie hat alles angefangen? Das ist eine Frage, die man sich im Laufe des Lebens im Rückblick wohl so manchmal stellt. Wie hat alles angefangen, mit der Beziehung, mit meinem Beruf? Wie hat es angefangen mit einer Krankheit? Oder auch mit dem Glauben.

Oder im Umfeld der Bischofsweihe von Erzbischof Josef Grünwidl: Wie viele da gefragt haben, wie bei ihm alles angefangen hat – mit dem Glauben, mit seiner Liebe zur Musik, mit der Theologie und dem Priestersein.

Und auch die junge Kirche fragte sich: Wie hat alles angefangen?

Gerade die Bibel berichtet uns von den Anfängen: Vom Anfang der Welt in der Schöpfungserzählung; vom Anfang der Verheißungen; vom Anfang des berufenen Volkes. Und dann auch vom Anfang des christlichen Glaubens. Die ganze Bibel ist ein Glaubenszeugnis über Jahrhunderte hinweg.

Zu Weihnachten haben wir mehrfach gehört: „Am Anfang war das Wort“ – So beginnt das Johannesevangelium. Es ist eher griechisch-philosophisch ausgerichtet. Aber gerade auch der Sonntag des Wortes Gottes verweist auf die Bedeutung dieses Wortes.

Das Leitevangelium in diesem Jahr ist das Evangelium nach Matthäus. Es begleitet uns durch das ganze Kirchenjahr. Wie schildert er diese Anfänge?

1) Der Evangelist Matthäus erzählt von einem relativ unspektakulären Beginn: Jesus zieht sich nach seiner Taufe am Jordan zurück. Und er beginnt seine öffentliche Tätigkeit nicht im Zentrum des religiösen, gesellschaftlichen und politischen Lebens, also in Jerusalem, sondern in einer von vielen verachteten Gegend in Galiläa, in seiner Heimat. Er beginnt bei einem Volk, von dem schon Jesaja gesagt hat: Es ist ein Volk, das im Dunkel sitzt, in einem Land, das nicht nur von den Menschen, sondern auch vom Herrn verachtet ist.

Den Menschen, die im Land der Finsternis wohnen, will Jesus Licht aufstrahlen lassen; er will das drückende Joch und den Stock des Treibers zerbrechen. Er will das verachtete Land zu Ehren bringen. Die ersten, an die Jesus sich wendet, sind also nicht die Reichen, die Angesehenen, die Mächtigen, sondern die Verlassenen, die Verachteten, jene, die im Dunkel sitzen. Sein erstes Zeichen ist es, dass er sich auf die Seite der Armen stellt.

Also der erste Akzent am Anfang: Er geht an die Ränder; er geht zu den Armen; er verlegt das Zentrum seines Wirkens an die Peripherie.

2) Und was ist der erste Inhalt seiner Reden, seine ersten überlieferten Worte? Er verkündet: „Das Reich Gottes ist nahe“. Und er ruft zur Umkehr: „Bekehrt euch“.

Jesus will Menschen Hoffnung geben. Sie soll die Menschen, die im Dunkel sitzen, zur Umkehr befähigen. Sie soll helfen, sie von Verzweiflung zu befreien und ermutigen, Fehlhaltungen – Sünden – aufzugeben. Den Menschen Hoffnung geben und durch die Hoffnung Umkehr zu ermöglichen, ist ein zweites Prinzip christlichen Lebens und Wirkens.

Daher die Botschaft: Das, worauf ihr wartet, beginnt. Ihr stöhnt unter dem Joch des römischen Reiches. Ihr fühlt euch unterdrückt und unfrei. Doch Erlösung ist nahe: Der Messias; der Befreier.

Und deshalb: Ihr müsst euch ändern! Wenn Gott nahe ist, dann muss das Auswirkungen haben. Wenn Mächtige kommen, bereitet man den ganzen Ort; man schmückt alles; man will möglichst gut dastehen. Wenn Gott aber kommt, dann geht es um das Innere: Bereit euer Inneres; bekehrt euch.

Jesus verkündet das nahe Gottesreich – und die notwendige Umkehr.

3) Und nun drittens die Frage: Was tut Jesus?

Er redet nicht nur von Gottes Reich. Sondern er verkündet das Wort Gottes in einer Weise, die aufhorchen lässt: Er heilt Kranke, er bricht die Macht des Bösen, er vergibt Sünden. Diese Zeichen helfen den Menschen, an seine Botschaft zu glauben. Sein Wort, seine Handlungen stimmen überein. Er redet von der Befreiung durch Gott – und er befreit Menschen von dem, was sie belastet.

Zu diesen Handlungen Jesu gehört aber auch: Jesus sucht sich Mitarbeiter. Das heutige Evangelium berichtet, wie Jesus Menschen aus ihrer bisherigen Lebensweise herausruft, sie einlädt mit ihm zu gehen und zu wirken. „Kommt her und folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen“. Sie sollen „Menschen fischen“. Das heißt: Sie sollen Menschen für das Reich Gottes gewinnen, indem sie an der Sendung Jesu Anteil haben.

Jesus sucht Mitarbeiter bewusst nicht aus der religiösen oder politischen Elite aus. Es sind einfache Fischer, Bauern, Handwerker… Und er führt sie ein in das, was ihm wichtig ist – indem sie ihn begleiten, ihm nachfolgen. Indem sie ihm zuhören und darauf achten, was er tut.

Dass er hier nur Männer aussucht, ist sicherlich der damaligen Zeit geschuldet, in der es nicht üblich war, dass Frauen herumzogen. Zugleich aber waren wichtige Frauen unter seinen Jüngerinnen dabei und haben zur Weitergabe des Wortes Gottes wesentlich beigetragen.

Letztlich sollen je nach ihrer Sendung alle Christinnen und Christen Mitarbeitende Jesu sein – und sie bedürfen dafür einer lebenslangen Schule. Sie sollen mit ihm gehen. Nur so werden sie fähig, das zu tun, was er ihnen aufträgt: Mithelfen, dass Menschen, die im Dunkel sitzen, ein Licht aufstrahlt.

Zusammenfassend gibt es also drei Akzente bei Matthäus: Jesus ist auf der Seite der Verstoßenen; er verkündet den Anbruch des Reiches Gottes; und er redet nicht nur, sondern befreit Menschen und holt sich dazu Mitarbeiter.

Nochmals die Frage vom Beginn: Wie hat alles angefangen?

Der Blick auf den Anfang ist wie ein Blick auf einen Kompass: Er ermöglicht uns, wieder die richtige Richtung einzuschlagen; den richtigen Weg zu finden – und das ist ein gemeinsamer Weg der Menschen mit Jesus. Er ist ein Weg der Verheißung, und nicht der Sicherheiten. Ein Wagnis; ein Gang an die Ränder. Aber zugleich doch auch mit einer Gewissheit: Wer Jesus folgt, dem wird es nicht langweilig; da verändert sich etwas. Es ist nicht immer leicht; es ist anspruchsvoll – aber er hat etwas zu bieten: Nämlich ein Leben, das lebenswert ist.

 

Gemeinsames Erbe – Predigt

Dr. Nikolaus KrasaIn seiner Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis (18.01.2026) in Schönbrunn-Vorpark nahm Dr. Nikolaus Krasa die Gemeinde mit auf eine Reise von Boskovitz über den Jordan nach Schönbrunn-Vorpark. Er bezog sich dabei auch auf den Tag des Judentums (heuer 17.1.), der seit dem Jahr 2000 am Vortag der Gebetswoche um die Einheit der Christen (heuer 18.-25.1.) begangen wird.


Boskovitz (tschechisch Boskovice), eine Kleinstadt, nördlich des sogenannten mährischen Karstes, liegt etwa 30 km von Brünn entfernt. Das Städtchen hat einiges zu bieten, eine aus dem 14. Jahrhundert stammende riesige Burg, ein klassizistisches Schloss, ein hübsche Pfarrkirche und eine wunderbar renovierte Synagoge aus dem 17. Jahrhundert. Keine Angst, ich beende diese Fremdenverkehrswerbung so schnell, wie ich sie begonnen habe (das Tourismusbüro Boskovice hat mich nicht bezahlt). Ich beginne in Boskovice, weil ich dort weinen musste. Und das, weil die Zahlen dort eine so deutlich und gleichzeitig fassbare (und damit letztlich unfassbare) Sprache sprechen. Vor 1939 lebten in Boskovic 400 Juden, etwa 40% der Bevölkerung (der Ort zählte damals 1000 Einwohner). Nach 1945 kamen nur 10 Juden in diesen Ort zurück. Ein Geschehen, Sie wissen es, das sich in ganz Europa abspielte, allerdings mit so großen Zahlen, dass sie eigentlich kaum fassbar sind. 400 von 1000 Einwohnern, nur mehr 10 zurück. Das ist vorstellbar und in der Grausamkeit dessen, was zwischen 1939 und 1945 geschehen ist, gleichzeitig unvorstellbar. 

 

Was sind die geschichtlichen Wurzeln, die zu solchen Grausamkeiten geführt haben? Da gibt es leider einen starken Strang, der tief in die Geschichte der christlichen Kirchen eingeschrieben ist. Durch die Jahrhunderte. Schon lang vor der ‚Reichskristallnacht‘. Informieren Sie sich am Judenplatz im ersten Bezirk, lesen Sie die Biographie des Hl. Johannes Capistran, der als Prediger in Wien gewirkt hat, dem die Capistrankanzel ein deutliches Denkmal gesetzt hat. Wussten Sie, dass die Judenverfolgung im Zuge der Reconquista in Spanien dazu geführt hat, dass Juden aus Spanien in das Osmanische Reich geflüchtet sind, dabei ihr Wissen in Metallverarbeitung mitgenommen haben, die wiederum in das Gießen jener Kanonen eingeflossen sind, die während der Türkenbelagerungen gegen Wien zum Einsatz kamen …

Gut, dass unter diese Jahrhunderte lange Unheilsgeschichte das 2. Vatikanische Konzil zumindest verbal offiziell einen Schlussstrich gezogen hat: „Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.“ So einer der Schlusssätze im Konzilsdokument ‚Nostra Aetate‘.

 

Gemeinsames Erbe. Das lässt sich am heutigen Evangelientext schön durchexerzieren. Denn der Satz, den der Täufer über Jesus sagt, der uns aus der Liturgie so vertraut ist, schöpft genau aus diesem Erbe: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“.
Lamm Gottes
. Im Kontext des Johannesevangeliums klingt hier zunächst wohl die Geschichte des Paschalammes an – denn bewusst markiert Johannes in seiner Chronologie der letzten Stunden Jesu, dass zu der Zeit, als Jesus am Kreuz stirbt, im Tempel die Paschalämmer geschlachtet werden. Jenes Lamm also, dessen Blut an den Türstöcken der Israeliten den Todesengel vorübergehen lässt, während in den Häusern Ägyptens die Erstgeburt stirbt. Jenes Lamm, das dem Volk die Kraft gibt aufzubrechen, noch in der Nacht, in die weglose Wüste, um einen Weg in die Freiheit, in das gelobte Land zu finden.

Lamm Gottes – wer ein bisschen im Buch des Propheten Jesaja blättert, findet dort 4 Lieder, die von einem uns namentlich Unbekannten sprechen, der Knecht Gottes genannt wird (weshalb diese Lieder auch Gottesknechtlieder heißen). Dieser Knecht Gottes ist so mit seiner Botschaft eins, dass er für sie stirbt – wie ein Lamm, heißt es dort, beim Schlachten, das seinen Mund nicht auftut. Dieser „Sühnetod“ wird aber gleichzeitig zum „Eye Opener“ für alle: „Durch seine Sünden sind wir geheilt.“ heißt es in diesem Lied. Der Gerechte, der unschuldig zum Brennpunkt des Bösen wird, der durch seinen Tod Veränderung bewirkt (vielleicht auch weil er Gewalt nicht mit Gewalt begegnet). 

Und da sind wir wieder (wie beim Paschalamm) im Pentateuch gelandet. In Lev 16,8-21 wird im Zusammenhang mit dem Versöhnungstag (Jom Kippur) davon berichtet, dass das Los geworfen wird, wo ein Bock (Asasel genannt) ausgesondert wird, die Sünden des Volkes durch Handauflegung auf diesen Bock übertragen werden, und er in die Wüste gejagt wird. Der „Sündenbock“, wie Martin Luther ihn nennt. Einer, der die Last der Verfehlungen, der Vergehen der Gemeinschaft sozusagen stellvertretend trägt.

Diesen reichen Hintergrund bemüht Johannes, um zu beschreiben, wer denn dieser Jesus ist, besser, wer er für uns ist, noch besser: damit wir an ihn glauben und so Macht haben, Kinder Gottes zu sein (wie es im Prolog, den wir zu Weihnachten gehört haben, heißt).

 

 

Gottes Gerechtigkeit – Predigt

Dr. Hans PockIn seiner Predigt am Fest der Taufe Jesu (11.01.2026) zeigte Dr. Johann Pock in Schönbrunn-Vorpark auf, was Gottes Gerechtigkeit ist, wie Jesus seine Sendung versteht und wie das mit Weihnachten zusammenhängt.


Von Papst Johannes XXIII werden einige ganz unerwartete Aktionen erzählt, mit denen er seine Umgebung verblüffte.

In der Zeit, als er noch Bischof in Venedig war, erhielt er eines Tages den Hinweis, einer seiner Priester sei Alkoholiker. Darauf sagte Johannes zu seinem Sekretär: „Da müssen wir hin!“

Vor dem Pfarrhaus angekommen, verwies man die beiden ins nächste Gasthaus, und Johannes schickte seinen Sekretär, dass er den Priester hole.

Der Sekretär kam zurück mit dem Priester, und Johannes nahm ihn mit zum Bischofspalast. Dort bot er dem Priester einen Stuhl an und sagte: „Bruder, setz dich! Ich möchte nämlich bei dir beichten!“

 

Was geschieht hier? Der Bischof schaut nicht verächtlich von oben auf den Trinker herab – er nimmt ihn in seiner Würde ernst, die er trotz seines Lasters hat. – Und damit gibt er ihm seine Würde wieder zurück.

Genau das wird heute von Jesus erzählt: Die Menschen strömten zu Hunderten zum Jordan, um von diesem Mann aus der Wüste, von Johannes, getauft zu werden; sie stiegen ins Wasser, erniedrigten sich, damit ihre Sünden abgewaschen würden.

Jesus hatte keine Sünden; er hätte es nicht nötig gehabt, sich anzustellen und zu erniedrigen – aber er tut es; er solidarisiert sich mit den Sündern; er begibt sich auf eine Ebene mit denen, die sich dort öffentlich als Sünder bekennen.

Und genau an diesem Ort bekennt sich Gott zu ihm: Dieser Mann, der sich nicht zu gut ist, sich unter die Sünder einzureihen, das ist mein geliebter Sohn! An ihm habe ich Gefallen.

Und auf diesen Jesus trifft auch das zu, was Jesaja 700 Jahre früher verkündet hatte: „Das ist mein Knecht, mein Erwählter.“

Er zerbricht das geknickte Rohr nicht: D.h. er hält nicht denen, die gesündigt haben, auch noch Moralpredigten oder verheißt ihnen Strafen – ganz im Gegenteil: Er stellt sich auf ihre Stufe; er vergibt die Sünden; er stützt und heilt die Geknickten.

Jesus spricht selbst, dass er gekommen ist, Gerechtigkeit Gottes zu erfüllen: – „Gott, der gerechte Richter!“ – Man könnte vor diesem Richter Angst haben – im Blick auf das, was jeder von uns im Lauf seines Lebens falsch macht; wo jeder von uns gegen das Liebesgebot Gottes verstößt; wo wir nur unsere Pläne im Blick haben und nicht die Wünsche der Menschen um uns oder die Wünsche Gottes.

– Aber Jesus sagt: Gottes Gerechtigkeit ist nicht Strafe / nicht Verderben; es geht nicht um „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Gottes Gerechtigkeit ist barmherzig: Er weiß um die Schwächen der Menschen.

Er ist der, der bei Jesaja zu seinem Knecht sagt: „Du bist gesandt, blinde Augen zu öffnen, Gefangene zu befreien; Licht ins Dunkel zu bringen.“ (Jes 42,7).

Ja, Gott geht so weit, dass er sich selbst, seinen Sohn, für uns und für unsere Sünden opfert.

Das Fest „Taufe Jesu“ zeigt, wie Jesus seine Sendung versteht; wie Jesus seinen Auftrag, die Menschen zu retten, versteht: Nicht durch Strafe, sondern indem er sich auf eine Stufe mit uns stellt.

Und es zeigt, wer Gott für uns ist: nicht ein strafender Gott, der sich für unsere Sünden rächt; sondern einer, der versucht, einem jeden Menschen seine Würde zurückzugeben.

Dieser Sonntag schließt die Weihnachtszeit ab – und es ist konsequente Weiterführung dessen, was wir zu Weihnachten gefeiert haben: Gott ist sich nicht zu gut, herabzusteigen, sich auf die Ebene der Menschen zu begeben, um uns die Möglichkeit zu geben, zu ihm hinaufzusteigen.

Das erste und das letzte Wort – Predigt

Dr. Christoph BenkeWenn wir sagen ‚Das ist mein letztes Wort!‘ meint das etwas ganz anderes, als wenn Gott nach dem Wort des Anfangs auch sein letztes Wort spricht. Darüber predigte Dr. Christoph Benke zu Weihnachten (25.12.2025) in Schönbrunn-Vorpark.


Das ist mein letztes Wort: Wenn das kommt, hat ein Gespräch eine bestimmte Richtung genommen. Es ist an einem Punkt, an dem es kaum noch weiter geht. Mit Das ist mein letztes Wort steht etwas Endgültiges, Unumstößliches im Raum (eine Aussage, ein Entschluss), jedenfalls etwas mit großer Bedeutung. Das letzte Wort ist ein Schlussstrich.

Das Evangelium des Weihnachtstages bietet einen Kontrast. Es spricht nicht vom Letzten, sondern vom Anfang. Es geht ebenfalls um ein Wort. Aber dieses Wort ist der Anfang schlechthin: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.

Im Anfang war das Wort. Das erinnert daran, wie die Heilige Schrift anfängt: „Und Gott sprach“ – so heißt es immer wieder im Buch Genesis. Alles hat mit einem Wort Gottes begonnen. Gott wollte sich öffnen, aus sich herausgehen, er tat es mit einem kreativen Wort. Seither war dieses Wort in der Welt, sozusagen in und mit der Schöpfung immer da. War das Schöpfungswort Gottes „letztes Wort“?

Nein, das war noch nicht Gottes letztes Wort. Gottes letztes Wort, das ist sein Zur-Welt-Kommen, sein Eingehen in die Materie, seine Fleischwerdung: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14)

Das ist Gottes letztes Wort. Das ist nicht mehr zu toppen. Mehr und Anderes und Neues ist nicht zu erwarten. Deshalb müssen wir uns an den Sohn halten. Er hat Kunde gebracht. Wir dürfen vom Sohn, vom Kind, aus seiner Fülle empfangen und wir benötigen unser ganzes Leben, um ein wenig davon zu begreifen.

Der Lärm der Welt und das Wort Gottes – Predigt

Dr. Christoph BenkeÜber den vielfältigen Lärm der Welt, in den das Wort Gottes als Kind kommt, predigte Dr. Christoph Benke in der Heiligen Nacht in Schönbrunn-Vorpark.


Diese Nacht gilt als eine besondere Nacht, sogar als Heilige Nacht. Wir gehen auf die Mitternacht zu. Nachher werden wir Stille Nacht singen. Aber still ist es jetzt nicht und wird es nachher auch nicht sein. Unablässig fließt der Straßenverkehr, laut und aufdringlich. Man kann ihm nicht entkommen.

Der Geräuschpegel kommt nicht nur von der Straße. Die Welt als ganze macht Lärm. „Lärm der Welt“ meint nicht nur eine Anzahl von Dezibel. Der „Lärm der Welt“ besteht aus Dauerthemen: eine neue weltpolitische Lage, die ökologische Krise, Ukraine und Gaza, Terror, das Erstarken antidemokratischer Kräfte, das wirtschaftliche Tief, vier Wochen Nebel. Das macht Ein-Druck. Das wirkt wie eine andauernde Beschallung. Kaum auszuhalten, höchstens, indem man noch mehr Lärm macht gegen die nagende Angst.

Gibt es irgendwo dazwischen noch Ruhe und Frieden? Gibt es noch Hoffnung für die Welt? Was können wir dem Lärm der Welt entgegenhalten, damit er uns nicht hinunterzieht?

Wir feiern die Geburt eines Kindes. Gott kommt in die Welt, zu uns. An diesem göttlichen Kind können wir etwas ablesen. Das Kind ist ein, nein: Es ist das Wort Gottes. Es lautet: ‚Ich halte trotzdem zu dieser Welt‘. Das Christuskind ist das Dennoch Gottes.

Gott kommt als Kind, hinein in den Lärm der Welt. Der Lärm der Welt macht Ein-Druck. Das Kind ist klein und schwach. Ob es gegen den Lärm der Welt ankommt? Ob uns dieses Kind beeindruckt? Das liegt jetzt auch an uns, ist auch unsere Verantwortung.

Das Christus-Kind sucht – wie jedes Kind – Gehör. Denn es will uns sagen: Es gibt Hoffnung. Gott lässt seine Schöpfung nicht allein. Gott wird Mensch. Er teilt unser Leben, von Anfang bis zum Ende – und darüber hinaus.

In guter oder schlechter Gesellschaft? – Predigt

Dr. Christoph BenkeWar Jesus am Kreuz in guter oder schlechter Gesellschaft? Und was folgt daraus für uns? Darüber predigte Dr. Christoph Benke am Christkönigssonntag (23.11.2025) in Schönbrunn-Vorpark.


Mit wem man durchs Leben geht, kann man sich nicht immer aussuchen. In die Herkunftsfamilie wird man hineingeboren, ungefragt. Am Arbeitsplatz, im Büro gibt es Leute neben mir und vor mir. Aber da und dort kann ich steuern, mit welchen Leuten ich mich umgebe – ob ich mich sozusagen in guter oder schlechter Gesellschaft befinde.

Wir feiern heute das Christkönigsfest. Wir hörten einen kleinen Ausschnitt aus der Passion Jesu: Christus, der König und zwei Verbrecher neben ihm. Christus, der König, befindet sich in schlechter Gesellschaft, die zwei Verbrecher in guter Gesellschaft. Die zwei Verbrecher hängen am Kreuz mit Christus. Aus dieser Gemeinschaft können sie sich nicht mehr herausstehlen. Nägel halten alle fest.

Auf vielen Darstellungen der Kreuzigung Christi fehlen die beiden Verbrecher. Das ist schade. Sie waren nämlich die erste christliche Gemeinde. Die beiden Verbrecher bildeten die erste sichere, unauflösliche christliche Gemeinde. Christliche Gemeinde ist überall, wo Menschen versammelt sind, die Jesus nahe sind; so nahe, dass sie seine Verheißung hören können: dass dieser Jesus alles, was er ist, für sie ist; dass er alles, was er tut, für sie tut, so, dass sie von dieser Verbindung leben dürfen. Die erste christliche Gemeinde waren diese zwei Verbrecher.

Die zwei Übeltäter, die jetzt als Gekreuzigte bei ihm waren, hatten wohl zuvor kaum von Jesus gehört, geschweige denn, dass sie gläubige, bekehrte Leute waren. Im Gegenteil! Dafür aber konnten sie ihn jetzt nicht allein lassen, konnten nicht schlafen und auch nicht fliehen. Er und sie, sie und er waren verbunden – in Ewigkeit.

Christus starb nicht für eine gute, sondern für eine böse Welt; nicht für die Frommen, sondern für die Gottlosen. Wir müssen jetzt nicht erst Verbrecher werden. Aber wir sollten wissen: Menschen, die sich im Grunde für gut und in Ordnung halten, haben in dieser Szene keinen Platz – es sei denn im Gegenüber, inmitten der distanzierten Menge.

Wer ist Jesus, diesem ganz anderen König des Universums, wirklich nahe? Auf der Suche nach einer Antwort ist mit Überraschungen zu rechnen.

Untergangsszenarien und Hoffnung? – Predigt

Dr. Hans PockWas sagen uns Texte über Untergangsszenarien und Warnungen vor falschen Propheten als Lesungen an den letzten Sonntagen des Kirchenjahres? Und wie hängen sie mit der Hoffnung, die uns zugesagt wird, zusammen? Darüber predigte Dr. Johann Pock am 33. Sonntag im Jahreskreis (16.11.2025 )in Schönbrunn-Vorpark.


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Da kommt man in den Gottesdienst und möchte sich aufbauen lassen; möchte hören, dass alles gut ist – und dann hören wir im Evangelium am Ende des Kirchenjahres so schwermütige Texte; die Rede ist von Zeichen des Untergangs; wir werden dazu ermahnt, wachsam zu sein.

Und stimmt das nicht mit unserer Wahrnehmung unserer Zeit überein? In der ganzen Welt sehen wir Zeichen der Angst: Kriege in vielen Ländern; die Sorge um die Zerstörung der Schöpfung; die drohende Klimakatastrophe, eine versinkende Stadt Venedig – auf der Klaviatur der Ängste der Menschen kann man heute leicht spielen und sogar Wahlen gewinnen.

Was kann und will uns in dieser Situation ein solches Evangelium sagen? Drei Punkte: Die Ankündigung des Endes / die Mahnung, sich nicht irreführen zu lassen / und das Wort von der Hoffnung.

1) Die Ankündigung

„Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden.“

Als der Evangelist das niederschreibt, ist der Tempel in Jerusalem bereits zerstört, Jesus ist 40 Jahre zuvor gestorben; wir schreiben das Jahr 70 n.Chr. Für die Jünger Jesu, für die junge Christenheit hat sich damit Jesu Ankündigung bereits erfüllt. Es ist für sie ein Zeichen, dass Jesu Worte wahr waren: Die Welt, wie sie sie bis dahin kannten, gibt es nicht mehr.

Wir dürfen also solche Texte nicht als Ankündigung für heute lesen, als ob bald alles untergehen würde.

Die Jünger der ersten Jahrhunderte erlebten viel Verfolgung wegen ihres Glaubens. Ihnen gelten diese Worte: Lasst euch nicht ängstigen.

Auch wenn ihr verfolgt werdet: Das Wort Jesu gilt. Wie seine Weissagung über die Zerstörung des Tempels wahr ist – so ist auch seine Auferstehung wahr.

Keinesfalls sind die Hinweise auf die Erdbeben und Katastrophen ein Hinweis auf mögliche Strafen Gottes, wie es auch ab und zu verkündet wird. Für die Christen war es anders: Damit wird gesagt – all das, was Jesus gesagt hat, stimmt. Also auch, dass er der Sohn Gottes ist. Und es stimmt, dass damit der Tod nicht mehr das letzte Wort hat.

2) „Lasst euch nicht irreführen“

Dieses Wort ist wohl eines der wichtigsten im heutigen Evangelium: Die Mahnung, auf die rechten Zeichen zu achten. Die Mahnung, nicht falschen Propheten nachzulaufen.

So leicht geschieht dies heute: Wie der Rattenfänger von Hameln spielen heute so manche Personen die Flöte des Populismus. Sie sagen das, was die Leute hören wollen. Sie machen sich anscheinend zum Sprachrohr für die sogenannten „Wutbürger“.

Und auch die neuen Medien sind voll von falschen Botschaften.

Woran aber erkennt man die richtigen Propheten? Das hat Jesus seinen Jüngern mehrfach gesagt: Das Reich Gottes bricht dort an, wo Blinde sehen, Lahme gehen. Dort, wo anderen geholfen wird.

Und die richtigen Propheten sind jene, die selbst am meisten erleiden; die bereit sind, sich wirklich mit den anderen zu solidarisieren. Die nicht nur große Worte machen, sondern sich auf Augenhöhe mit den Leidenden begeben.

Die wahren Propheten sehe ich heute vor allem in den Menschen, die Flüchtlingsarbeit machen; die Pflegerinnen und Pfleger sind; die in der Caritas oder im Hospiz ehrenamtlich mitarbeiten.

Heute müsste man sagen: Lasst euch nicht irreführen von Demagogen und Populisten. Schaut nicht nur auf Worte, sondern auf ihre Taten. Eine helfende Hand ist immer richtig; ein Mensch, der sich um andere kümmert; der Kranke pflegt, der Einsame besucht – der ist für mich einer der wahren Propheten.

3) Die Hoffnung

Der Schluss des Evangeliums verheißt:

„Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Darum geht es hier: Bei allem, was es vielleicht an Bedrängnissen gibt – das Ziel ist das Leben. Bei aller Krankheit, bei allem Leiden – es geht ums Leben. Und im Johannesevangelium heißt es dann: Dieses Leben ist ein Leben in Fülle.

Und damit schließt das Evangelium an die prophetischen Verheißungen an.

Der Prophet Maleachi spricht von der „Sonne der Gerechtigkeit“: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung.“

Das meint die grundsätzliche Hoffnung auf Gerechtigkeit in Zeiten der Unterdrückung. Christlich gedeutet ist es aber Jesus selbst, der diese Sonne der Gerechtigkeit ist.

Wir stehen am Schluss des Kirchenjahres – nächste Woche ist Christkönig und dann Advent. In der dunkelsten Zeit des Jahres wollen uns diese Texte aufmerksam machen: Lasst euch nicht ängstigen! Achtet darauf, dass ihr nicht jenen falschen Propheten auf den Leim geht, die mit großen Worten auf ihr eigenes Heil schauen.

Vor allem aber: Glaubt an diesen Jesus, der die Sonne der Gerechtigkeit ist. Gestaltet euer Leben nach seinem Beispiel – und ihr werdet das Leben gewinnen; „Die Flügel Gottes bringen Heilung.“

mission statement – Predigt

Dr. Christoph BenkeJedes Unternehmen hat ein Leitbild. Die Seligpreisungen könnten ein Leitbild für uns Christen sein. In ihnen wird die meist geltende Ordnung auf den Kopf gestellt. Was die Brille der Seligpreisungen für uns bedeutet, legte Dr. Christoph Benke in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am Fest Allerheiligen dar.


Jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, muss heutzutage ein mission statement aufweisen. Das mission statement ist ein Leitbild. Es erklärt kurz und prägnant den Zweck, die Ziele und die Grundsätze eines Unternehmens. Dort können alle nachlesen, welche Grundsätze die Planungen und Handlungen leiten – zur Orientierung für Mitarbeiter nach innen, zur Transparenz nach außen.

Viele Firmen oder NGOs wie das Rote Kreuz haben ein mission statement. Auch die Erzdiözese Wien hat ein Leitbild. Derzeit wird es überarbeitet. Es wird dann mission statement heißen. Ich habe dazu einen inhaltlichen Vorschlag: die Seligpreisungen der Bergpredigt. Sie sollten ganz am Anfang des Neuentwurfs stehen. Die Seligpreisungen sind der Kern der Verkündigung Jesu. Die Seligpreisungen sind so etwas wie das Evangelium im Evangelium.

Die Seligpreisungen drehen die Ordnung um. Das, was in den Augen vieler ganz unten ist, kommt hinauf; das, was nichts gilt, erhält ewige Anerkennung: Selig die Armen, selig die Barmherzigen. Die, die in den Augen der Welt blöd sind, weil sie nicht drein hauen, sondern sanftmütig sind – sie haben erkannt, worauf es ankommt. Diejenigen, die nicht auf Berechnung setzen und ohne Hintergedanken sind, die also ein reines Herz haben, sie werden Gott schauen.

Wir merken: Durch die Brille der Seligpreisungen der Welt und den Menschen zu begegnen, ist ein statement. Das ist mehr als ein Leitbild, das ist ein gänzlich anderes Weltbild. Das erfordert eine Entscheidung. Wir feiern heute die vielen, die sich vom Geist der Seligpreisungen leiten ließen. Der Geist Jesu stärke und ermutige uns zu, jeden Tag.

Glauben lernen – hartnäckig bleiben und tätig werden – Predigt

Dr. Hans PockMit den Fragen, wie das mit dem Beten so ist, wie wir einander dabei stützen können und woran wir erkennen, dass es auch in Zukunft noch Glauben geben wird, beschäftigte sich Univ. Prof. Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 29. Sonntag im Jahreskreis (19.10.2025).


In dieser Feier gibt uns die Heilige Schrift einige Ratschläge für das Leben und das Gelingen eines christlichen Lebens – und vor allem zur Weitergabe des Glaubens.

1) Da ist zunächst die zweite Lesung: Ein Brief, den der Apostel Paulus an seinen Schüler Timotheus geschickt hat.

„Du weißt, von wem du es gelernt hast; du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften“:  Paulus nennt die Bedeutung, den Glauben möglichst früh weiterzugeben, von Kindheit an. Dabei geht es aber nicht primär darum, selber möglichst fromm zu sein oder in den Himmel zu kommen.

Sondern es heißt weiter: Die Schrift ist nützlich zur Belehrung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit … „damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk.“

Gläubig sein heißt hier: zum guten Werk gerüstet sein. Den Glauben erhalten wir also nicht nur für uns selbst, sondern füreinander. Und Glauben ist nicht das Fürwahrhalten von Wahrheiten – sondern das Tätigwerden im Guten.

2) Die Witwe im Evangelium bietet einen zweiten Zugang zum Glauben.

„Mein Gott, ist die lästig! So was von unverschämt!“ So könnte der Richter im Evangelium gedacht haben. Die Witwe gibt keine Ruhe und lässt sich nicht abwimmeln.

Dieses Gleichnis von dem ungerechten Richter und der nervigen Witwe ist ein eigenartiges Gleichnis. Die Einleitung zu dieser Geschichte lautet ja: Jesus erzählt ein Gleichnis, um zu sagen, dass die Leute allezeit beten sollen.

Damit ist zumindest das Ziel klar: Es geht darum, nicht nachzugeben beim Gebet, auch wenn es ausweglos erscheint. Dass Jesus im Gleichnis gewissermaßen Gott mit dem ungerechten, grantigen Richter vergleicht – das können wir wohl seinem Humor zuschreiben.

 

Unser Beten in Gottes Ohr

Wenn wir uns näher auf das Evangelium einlassen, können wir vielleicht fragen: Wie mag es wohl Gott damit ergehen, wenn er Tag und Nacht die Notschreie unzähliger Menschen hört? Laut Jesus sind sie ihm nicht gleichgültig. Ist er ohnmächtig? Müsste es ihm nicht ein Leichtes sein, Gerechtigkeit zu schaffen?

Was Gott vom Richter im Gleichnis unterscheidet: Er liebt die Menschen und möchte, dass es ihnen gut geht.

Was kann da unser Beten dazu beitragen, dass die Welt besser wird? E

Mit dem Gebet können wir Not, Hilfeschreie, Wünsche und Anliegen ins eigene Bewusstsein und in das anderer Menschen bringen. Dass Gott erst durch unser Beten auf die Notlagen aufmerksam würde, ist wohl zu naiv gedacht – er weiß schon, was wir nötig haben. D.h. nicht Gott hat das Gebet notwendig – sondern wir selbst!

Wir solidarisieren uns mit anderen, wenn wir den Schrei nach Recht und Gerechtigkeit der Menschen vor Gott bringen.

Aber hilft Beten überhaupt? Ist das nicht eine naive und überholte Haltung?

Ich bin fest überzeugt, dass Beten hilft. Jedoch wirkt es nicht wie ein Brief an das Christkind. Zumeist ist wenig bewusst, dass es viele Formen des Betens gibt. Auf unterschiedlichen Wegen kann zur Sprache gebracht werden, was nottut: Rosenkranz, Anbetung, Morgen- und Abendgebete.

Oder auch das Pilgern; das Wallfahren – wo man auf dem Weg nicht nur mit den Blasen an den Füßen beschäftigt ist, sondern wohl auch Zeit hat, über den eigenen Glauben nachzudenken.

Allezeit beten und darin nicht nachlassen

An wen ist der leidenschaftliche Apell Jesu „allezeit zu beten und darin nicht nachzulassen“, denn eigentlich gerichtet? Zunächst an die Jünger. Vermutlich erlagen diese ähnlich wie viele Menschen der Versuchung, sich als schweigende Mehrheit zurückzuziehen, zu resignieren und ohnmächtig abzuwarten. Was kann meine Stimme schon ausrichten?

Schweigende Mehrheiten werden gerne von Menschen, die deren Stimmlosigkeit ausnützen, missbraucht. Es ist not-wendig, dass wir unsere Stimme erheben und kundtun, was unserer Meinung nach Not wenden kann.

Es ist notwendig, auch aufzustehen gegen Ungerechtigkeit: Sei es Ungerechtigkeit gegen Menschengruppen, gegen Minderheiten; oder auch Ungerechtigkeit gegen die Schöpfung.

Von Mose wird erzählt, dass er müde wurde und nicht mehr die Kraft hatte, die Hände im Gebet erhoben zu halten. 2 Männer stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links – und damit konnten sie gegen die Feinde bestehen.

Ob nicht auch unsere Caritasleute und die vielen anderen, die sich für die Rechte der Schwachen einsetzen, mehr Unterstützung bräuchten; nicht nur mit Geld, sondern auch durch gutes Reden?

3.) Das Evangelium schließt mit einem nachdenklichen Wort: Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, noch Glauben auf der Erde finden?

Damit ist eine Brücke zur Lesung geschlagen: Glaube entsteht nicht automatisch. Er entwickelt sich. Er braucht auch Übung – mit regelmäßigem Beten; mit regelmäßigem Gottesdienst …

Ist das nicht auch die Frage so mancher Eltern und Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln? Sie erziehen sie im Glauben; sie versuchen, etwas mitzugeben – aber wird es in 10, 20, 50 … Jahren noch Glauben geben?

Und ich muss sagen: Ich bin da optimistisch! Es geht ja nicht um das Glaubenswissen, um das Aufsagen können von Geboten – sondern um den Glauben, der sich in den guten Werken ausdrückt.

„Bleibe bei dem, was du gelernt und wovon du dich überzeugt hast. Du weißt, von wem du es gelernt hast.“ – Dieser Rat von Paulus ist für mich sehr eindrücklich:

  • Zum einen: Mich immer wieder daran zu erinnern, woher mein Glaube kommt; wie er gewachsen ist.
  • Aber auch: Wovon habe ich mich in meinem Leben selbst überzeugt? Welcher Teil des Glaubens ist von einem kindlichen Glauben zu einem erwachsenen Glauben geworden? Er darf sich also auch verändern.
  • Und dann das Wort: „Du weißt, von wem du es erlernt hast“. Also die Wertschätzung gegenüber jenen, die uns eingeführt haben in den Glauben; die Wertschätzung gegenüber den „Ältesten“, wie sie in der Bibel heißen.

Wenn wir mit unserem Gebet und unseren guten Werken nur ein wenig dazu beigetragen haben, dass nächste Generationen gute Menschen geworden sind, dann habe ich keine Sorge, ob Jesus dereinst noch Glauben auf der Erde finden wird.

 

Aufschauen zum Kreuz – Predigt

Dr. Hans PockZum Fest der Kreuzerhöhung (14.09.2025) predigte Univ. Prof. Dr. Johann Pock in Schönbrunn-Vorpark über die manchmal missbräuchliche Verwendung des Kreuzes, vorrangig aber über das, was es für einen Gläubigen bedeutet, zum Kreuz aufzuschauen.


Erhobenes Kreuz als symbolische Aktion

Ein erhobenes Kreuz in der Hand: Das zieht sofort den Blick auf sich. Was will ich damit? Will ich Gutes oder Schlechtes? Will ich was zeigen – oder will ich von den Menschen etwas, die darauf schauen?

– Die Hand mit dem Kreuz – sie findet sich auf ganz vielen Kanzeln in Österreich und Deutschland. Hier war sie ein Zeichen des wahren Glaubens im Kampf zwischen Katholiken und Protestanten. Es war ein Zeichen der Glaubensmacht, mit der nicht nur Gutes angerichtet worden ist.

– Die Hand mit dem Kreuz findet sich auch auf vielen Darstellungen der Mission in früherer Zeit.

– Aber das Kreuz wird positiv heute noch zu vielen Gelegenheiten erhöht; so heißt es nicht zuletzt am Grab: Das Kreuz Jesu Christi sei aufgerichtet über deinem Grab. Das Kreuz wird vorangetragen bei Prozessionen.

Das Kreuz ist somit für uns heute ein Zeichen der Rettung; ein Zeichen, dass da einer ist, der stärker ist als der Tod.

Rettung durch das Aufschauen bei Mose

Die Lesung aus dem Alten Testament erzählt etwas Ähnliches: Menschen sterben wegen einer Schlangenplage – da richtet Mose eine eiserne Schlange an einem Stab auf – und wer darauf blickt, der wird gerettet. Aber nicht der Stab oder die eiserne Schlange rettet, sondern Gott ist es, an den sie dabei denken sollen.

So ist es auch hier bei uns: Das Kreuz ist ein Zeichen, das uns auf Jesus verweist, auf sein Leiden und Sterben; auf sein Mitleiden mit uns. Dabei fallen mir einige wichtige Aspekte auf:

 

 

Aufschauen verändert Blick und Haltung

Da ist zunächst das Aufschauen:

  • Aufschauen bedeutet: Ich hebe meinen Kopf auf; ich versinke nicht in mich selbst.
  • den Blick von mir und meinem Leid wegwenden
  • Hilfe von außen, von oben erhoffen und annehmen können
  • zugeben, dass ich nicht alles selbst leisten oder schaffen kann
  • Aufschauen – das ist der Schritt weg vom Niedergeschlagen-Sein. Heute sprechen wir von der „De-Pression“: niedergedrückt, bedrückt zu sein vom Leben, von Leid, von Sorgen.
  • Aufschauen ist ein Schritt hinaus aus der Niedergeschlagenheit.

 

Wie schön ist da z.B. der Psalm 121: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen … Von wem kommt mir Hilfe? Die Hilfe kommt von meinem Herren …“

 

Auf das Kreuz schauen

Und an diesem Fest schauen wir auf zum Kreuz:

  • Das Kreuz anzusehen bedeutet: Ich erwarte Hilfe: von einem, der selber gelitten hat; nicht von einem Star, nicht von einem unberührbaren Gott, dem ich egal bin.
  • Kreuz sagt nicht sofortige Hilfe zu, sondern: Da ist einer, der mitleidet; einer der weiß, was Freude und Menschsein heißt – aber auch, was Leiden und Schmerzen haben bedeutet.
  • Dieser Jesus nimmt mir mein Kreuz nicht ab – aber er trägt an meinem Kreuz mit. Ich bin mit meinem Kreuz, mit meinem Leid nicht allein.
  • Der Blick aufs Kreuz verbindet mich mit den vielen Kreuzen, die es seit der Zeit Jesu gegeben hat und auch heute noch gibt: Leid und Sorgen der Menschen – die dieser Jesus alle in seinem Leid am Kreuz mitgetragen hat.

Und schließlich dürfen wir als Christen nicht vergessen: Das Kreuz ist nicht der Endpunkt. Es hatte in der frühen Christenheit eigentlich noch kaum eine Bedeutung – denn das Wichtige war die Auferstehung. Die wichtigste Botschaft lautete: Er, der tot war, lebt – und wir mit ihm.

Es ging den ersten Christen vor allem um diese neue Gemeinschaft mit diesem Jesus; um den neuen Weg eines Lebens der Liebe zu den Nächsten und zu Gott.

Erst etwas später hat man dann auch das Kreuz als Heilszeichen entdeckt: Weil es eben die Auferstehung nicht ohne den Tod gibt; weil zum menschlichen Leben dieses Hindurchgehen durch Leid und Tod dazugehört.

Kreuzerhöhung – ein Fest für heute?

Und schließlich finde ich dieses Fest als ein spannendes Fest in der heutigen Zeit: Das Fest Kreuzerhöhung stellt das Scheitern in den Mittelpunkt; die Schmach eines Verurteilten und Ausgestoßenen.

Was ist das für ein Zeichen, dass wir einen am Kreuz Verurteilten als unseren Gott verehren – und gleichzeitig in einer Zeit leben, wo Menschen abgeschoben werden; wo nur zählt, was perfekt ist …

Das Kreuz ist zuallererst ein Zeichen des Scheiterns; ein Zeichen der Niederlage aller allzu menschlichen Machtphantasien. Wir dürfen dieses Kreuz nicht vorschnell verharmlosen – es ist und bleibt ein Skandalon, ein Ärgernis; es bleibt das letzte Wort Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Erst durch die Auferstehung wird es zum Zeichen, dass es eine höhere Macht gibt als die menschliche; dass der Tod nicht das letzte Wort hat

Schluss

Aufschauen zum Kreuz – das befreit aus Niedergeschlagenheit.

Aufschauen zum Kreuz – das kann befreien von Hoffnungslosigkeit.

Dies geschieht nicht automatisch wie durch Magie oder Zauber; sondern es gehört auch der Glaube an Gott dazu: der Glaube, dass er mich heilen will; dass er mich erlöst hat.

Ohne diesen Glauben ist das Kreuz nur ein Zeichen eines grausamen Todes – oder ein schönes Schmuckstück an der Wand.

Mit diesem Glauben aber wird es zum Zeichen des Lebens, das stärker ist als der Tod.