Am 4. Fastensonntag (15.03.2026) schlug GV Dr. Nikolaus Krasa in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Brücke vom Aschermittwoch bis zu diesem Sonntag. Es geht um das Sehen – mich, die Welt, die Schöpfung – und den Weg, den ich – mit Gott – zurücklege.
Wie war das heute Morgen? Der erste Blick in den Badezimmerspiegel? Hab‘ ich mich wiedererkannt, angelächelt, ernst geschaut? Wie habe ich mich angeschaut und wie habe ich mich angeschaut (also das Ich vor dem Spiegel und das Ich im Spiegel)? Und das ist nicht unerheblich, dieses „Wie“ – wir alle wissen, was das mit uns macht, wenn uns jemand (und wenn das das Ich im Spiegel ist) anlächelt oder nur ernst oder gar verzweifelt anschaut…
Beginnen wir noch einmal von vorne. Da war vom Blick des Menschen auf die Welt die Rede, und vom Blick der Welt auf den Menschen. Und von einer unheilvollen Dynamik dieses Anschauen – Paulus hat sie die Dynamik der Sünde genannt. Und sie führte in der Geschichte, die wir damals, am ersten Fastensonntag, gehört haben, dazu, dass etwas mit dem Blick nicht mehr funktioniert: der Mensch kann sich selbst und seinen Mitmenschen und letztlich auch Gott nicht mehr anschauen.
Die Gegengeschichte haben wir eine Woche später gehört. Sie hat von einem anderen Blick auf die Welt und einem anderen Blick der Welt auf uns erzählt. Einem – um den griechischen Begriff, der in dieser Geschichte verwendet wird, zu bemühen – einem verwandelnden oder verwandelten. Eine Schöpfung, die transparent wird auf Gott, die von Gott her zu leuchten beginnt. Und wenn Sie an die Ikone denken, die feofan grek gemalt hat: die auch die Jünger verwandelt. Ein Detail noch, klein aber entscheidend für das Verständnis des vergangenen Sonntags, dieses Sonntags und des kommenden Sonntags. Von zwei Verba war am Beginn der Verklärungs-, eigentlich besser Verwandlungsgeschichte die Rede, zwei Dinge, die Jesus tut. Er nimmt seine Jünger beiseite und führt sie auf einen hohen Berg, heißt es. Eigentlich wörtlich heißt der zweite Begriff: Er trägt sie auf einen hohen Berg. Kurz formuliert: auf den Verklärungsberg führt ein Weg hinauf, vermutlich nicht ganz einfach, anstrengend, aber: Jesus trägt dich hinauf.
Wie soll man sich das vorstellen? Wie das passiert, erzählen die Evangelien des 3., 4. und 5. Fastensonntags. Übrigens: Jedes dieser Evangelien erzählt von einem Weg, auf dem Jesus eine entscheidende Rolle spielt (deshalb gehören sie auch zu den längsten Evangelien, die wir am Sonntag zu hören bekommen). Dieser Weg hat etwas mit dem Durst nach Leben zu tun, mit der Sehnsucht geliebt zu werden, und damit, dass die Beziehung zu Jesus diesen Durst nach Leben stillen kann. So am vergangenen Sonntag im Evangelium von der Samariterin zu hören.
Wie trägt er uns heute hinauf? Wie schaut der Weg dieses Sonntags aus? Lange und komplex. Und eigentlich gar nicht nur ein Weg. Da ist einmal der offenkundige Weg des Blindgeborenen. Eigentlich ein doppelter Weg. Er wird sehend, aber bis er wirklich sehen kann, ist es ein langer Weg. Sehen kann er zunächst physisch ziemlich schnell, nachdem er sich den Teig, den Jesus ihm auf die Augen gelegt hat, abgewaschen hat. Bis er aber wirklich sieht, wer es ist, der ihn geheilt hat, bis er ihn sieht, besser als den sieht, der er ist, nämlich der „Herr“, also Gott (übrigens nicht viel anders als nach Ostern Thomas’ berühmtes Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott“), ist es noch ein weiter, gar nicht so angenehmer Weg. Viele bohrende Fragen: Sag, wer war’s jetzt, und wo ist er, und wie ist das gegangen… Jesus trägt ihn ein Stück auf diesem Weg, er schenkt ihm Heilung, zunächst vordergründig, aber vielleicht noch mehr, er mutet ihm einen Weg zu, der zu einem tieferen, zu einem glaubenden Sehen führt. Zu einem Sehen, das die göttliche Dimension der Wirklichkeit wahrnimmt, das Verklärungslicht Gottes, das die Schöpfung in das zurückverwandelt, was sie eigentlich sein soll: Sehr gut.
Da ist ein zweiter Weg. Es ist der Weg der Gegner Jesu, die hier – wie oft im vierten Evangelium – die Pharisäer, dann aber auch a-historisch meist einfach „die Juden“ heißen. Sie haben das Wunder gesehen (insofern sind sie dem Blindgeborenen eigentlich einen Schritt voraus). Und gleichzeitig wollen sie das eigentliche Wunder nicht sehen. Das Licht Gottes, das Jesus ausstrahlt. Und ähnlich wie bei Paulus am ersten Fastensonntag fällt hier das Wort „Sünde“. Sünde viel grundsätzlicher als: Ich habe das und das nicht gut getan, ich habe diesen oder jenen Fehler gemacht. Sünde heißt: Ich habe die Grundbotschaft der Schöpfung, belebt oder unbelebt, nicht wahrgenommen (wir werden das einmal ergänzt durch „sehr“ sieben Mal in der Osternacht hören): Es ist gut. Sünde heißt, diese Spur, die Gott ganz tief in seine Schöpfung eingegraben hat, nicht wahrnehmen zu können, damit sich selbst und den Mitmenschen nicht wahrnehmen zu können als den, der er ist, damit letztlich Gott nicht wahrnehmen zu können.
Und wie nimmt er mich mit, auf diesen Weg? Zunächst indem er diesen Blick, dieses Sehen- Können in der Taufe in mich hineingelegt hat, mir die Augen geöffnet hat. Die Alte Kirche hat deshalb Taufe mit einem griechischen Wort fotismos, Erleuchtung, genannt. Bei Erwachsenen werden ganz am Beginn der Taufvorbereitung unter anderem deren Augen gesehen, damit sie, wie es im Ritus heißt, Christus sehen lernen. Und wenn ich schon getauft bin? Durch das Sakrament, das die Taufentscheidung in mir erneuert, die Beichte. Und als Vorbereitungsweg? Durch die drei Schritte, die uns der Aschermittwoch nahegebracht hat: Fasten, Gebet, Almosen.