Jesus an mich heranlassen – Predigt

Nach unserem Gottesdienst am Palmsonntag ist mir beim Weggehen einer unserer Jugendlichen über den Weg gelaufen, einer, der bei der für mich so eindrucksvollen Passion mitgetan hat. Ich habe mich bei ihm bedankt, er hat darauf etwas säuerlich gelächelt, dann gesagt, dass er den Judas gespielt hat. Worauf mir, ohne viel nachzudenken, der Satz herausgerutscht ist: „Einer hat halt immer die Arschkarte“, worauf ich ein Nicken von ihm als Antwort bekommen habe. Nicht unbedingt ein Sympathieträger, dieser Judas, um es etwas vornehmer zu formulieren.
Mir ist diese kurze Begegnung wieder eingefallen, als ich mich begonnen habe, mit dem heutigen Tagesevangelium auseinanderzusetzen. Genauer: mit dem heutigen Tagesevangelium und dem, was unmittelbar danach im Johannesevangelium passiert. Das gehört nämlich zusammen und macht nur im Zusammenhang Sinn. Unmittelbar auf das Evangelium folgt eine doppelte Verratsgeschichte: angekündigt bereits durch den letzten Satz Jesu im heutigen Evangeliums: „Ihr seid nicht alle rein.“ Und durch „Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde.“. Primär, das ist klar, geht es um den Verrat des Judas, also des Jüngers, der die Arschkarte gezogen hat, aber eigentlich auch im unmittelbaren Zusammenhang um den des Petrus – Jesus kündigt ihm an, dass er ihn verleugnen wird (die Geschichte mit dem Hahnenschrei, Sie wissen schon.). Und die der anderen Jünger, von denen bei Johannes nur der Jünger, den Jesus liebte, unter dem Kreuz steht… also jetzt etwas überspitzt formuliert: Eigentlich (bis auf den Jünger, den Jesus liebte, und die Frauen) alle Verräter, oder nochmals vulgär gesagt: Alle, alle haben sie die Arschkarte gezogen…
Was macht Jesus mit ihnen, und zwar mit allen? Damit sind wir wieder zurück beim heutigen Evangelium: Er wäscht ihnen die Füße.
Eine Zusatzfrage, inspiriert durch unseren heurigen Weg durch die österliche Bußzeit (Sie erinnern sich, die hat mit einer Doppelfrage begonnen: Wie schaut mich die Welt an, wie schaue ich sie an? und mit zwei Alternativen: Blind vor Sünde – Adam und Eva am ersten Fastensonntag, und durchscheinend auf Gott hin, auf das, was Schöpfung eigentlich ist, am 2. Fastensonntag bei der Verklärung Jesu. Also die Zusatzfrage: Wie schaut Jesus die Jünger an? Nicht von oben herab, sondern von unten hinauf. Er macht sich noch kleiner als die Jünger. Er übernimmt – anderes Bild – bei der Fußwaschung die Rolle des Haussklaven. Mir kommt dabei in den Sinn, was man oft tut, wenn man mit Kindern in einen Dialog treten will: Man hockerlt sich hin, macht sich klein. Um klar zu machen, was jetzt in unserem Gespräch zählt, ist nicht der Größenunterschied, sondern das, was uns verbindet. Unsere Beziehung zueinander. Unsere Liebe zueinander. Und – jetzt sind wir wieder bei den Arschkarten – diese Liebe gilt, egal, welche Arschkarte du in deinem Leben gezogen hast, wie groß oder klein die ist.
Zurück zum großen Bogen des Johannesevangeliums: Da scheint dieses Thema, dieser liebende Blick Jesu ganz entscheidend zu sein (und als Konsequenz der antwortende liebende Blick): Da gibt es den Jünger, den Jesus liebte – so wird er bei Johannes genannt, traditionell wird er mit dem Apostel Johannes oder dem Autor des Evangeliums oder mit beiden identifiziert – der Jünger, den Jesus liebte, der Einzige der Jünger, der unter dem Kreuz steht, der, auf den Jesus vom Kreuz seine Mutter verweist, es ist dieser Jünger, der als Erster am Grab ist, (vor ihm war es Maria von Magdala, die eine besondere Beziehung mit Jesus verbindet) der, der den Auferstandenen bei der letzten johanneischen Ostergeschichte zuerst erkennt.
Und dann gibt es die Frage, die der Auferstandene Petrus am Ufer des Sees stellt: „Liebst du mich?“ und „Liebst du mich mehr als diese?“ Ein letztes: In den sogenannten Abschiedsreden, einer langen Rede, die im Johannesevangelium Jesus zu seinen Jüngern hält, nach dem Abendmahl, bevor es hinausgeht auf den Ölberg, sagt Jesus, dass er der wahre Weinstock ist und wir die Rebzweige, und dass das, was uns mit ihm und ihn mit uns verbindet, die Liebe ist.
Viele von Ihnen werden nach diesem Gottesdienst noch zur Ölbergandacht bleiben. Natürlich: Das heißt zunächst: Ich sitze oder kniee und schaue den Herrn an. Aber es heißt auch: Ich sitze oder kniee, und er schaut mich an, liebevoll, mit seiner ganzen Zuneigung zu mir, mit seiner göttlichen Kraft, mit Wehmut über das, was in mir diese Liebe nicht versteht, nicht zulassen kann. Er schaut mich mit Liebe an. Setzen wir uns diesem Blick aus. Das ist Gründonnerstag: Jesus so an mich heran zu lassen.

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