Ein Blick

Ich entschuldige mich fĂŒr den Beginn, vermutlich werden Sie sich beim Einstieg denken: Was hat das mit dem ersten Fastensonntag zu tun, und was hat das mit einem Gottesdienst zu tun? Trotzdem: Mir ist beim Vorbereiten dieser Predigt ein Liedtext eingefallen, den ich in meiner Jugend immer wieder gehört habe, nicht zu Hause (da gab’s nur Ă1), aber auf SchihĂŒtten, in Bussen ⊠1976 ist der Song herausgekommen und stammt angeblich von einem Herrn Ernst Neger. Der Text des Refrains lautet folgendermaĂen:
Geh Oide, schau mi net so deppert an, heut bin i blau, was liegt scho dran âŠ
Kinder: Könnt ihr das: Deppert schauen? Und was passiert, wenn ihr einander deppert anschaut ⊠also Hochdeutsch: dumm anschaut ⊠Das macht etwas mit euch, wirkt jetzt eher lustig. Aber: Das kennen Sie vielleicht auch: Man ist nicht gut drauf, fĂ€hrt in der U-Bahn, und da schaut einen jemand blöd an. Oder es gibt einen Konflikt, und der Konfliktpartner kommt einem mit dem Gesicht ganz nahe und grinst bewusst frech ⊠ein Gesicht ist so etwas wie eine Visitenkarte, und bewirkt automatisch in mir etwas (den Mechanismus dahinter hat die Neurologie gut erklĂ€rt, es gibt eigene Neuronen im Gehirn, die fĂŒr diesen Effekt zustĂ€ndig sind, die sogenannten Spiegelneuronen). Eine weinende Person stimmt mich traurig, eine lachende macht mich fröhlich (auĂer – wenn man sagt: Ich mach zu und lass nichts mehr an mich heran.).
Warum ich auf diesen Refrain komme â alle, die am vergangenen Aschermittwoch dabei waren (und sich noch erinnern können), wissen, dass es da ums âWiderspiegelnâ ging ⊠ausgehend von einem kurzen Vers am Ende des 3. Kapitels des 2. Korintherbriefes: âWir alle spiegeln mit enthĂŒlltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn wider âŠâ
Das hat mich nicht nur zum Schlager aus den 70er Jahren gebracht, sondern zu einer vielleicht zuerst etwas abwegig klingenden Frage im Blick auf unsere Lesungen, vor allem die erste und das Evangelium. Denn in beiden geht es um Begegnung und Anschauen. Also: Wie schaut die Schlange die Frau an, und wie die Frau die Schlange? Ein verfĂŒhrerischer Blick, ein Blick voller Sehnsucht, die ja auch im Text der Schlange artikuliert wird. Sein wie Gott, Gut und Böse erkennen, mehr Macht, mehr FĂ€higkeiten, mehr SelbststĂ€ndigkeit. Und dann, nachdem sie gegessen haben, die Bibel spricht sogar vielleicht auch von einem Ă€uĂeren Gesichtseindruck, da gehen ihnen die Augen auf. Wie haben sie sich da angeschaut, als sie erkennen, dass sie nackt sind? Also etwas, das vorher völlig selbstverstĂ€ndlich war, das plötzlich nicht mehr ist; dass letztlich die Beziehung zu sich selbst und zueinander nicht mehr passt, man sich nicht mehr anschauen kann und letztlich auch die Beziehung zu Gott nicht mehr passt, man sich vor ihm versteckt. Und, könnte man den Faden weiterspinnen, dass, was Gott tut, aus Sorge nachgehen, als unangenehm verstanden wird und man sich versteckt, versucht, bewusst wegzuschauen, um nicht gesehen zu werden. Sich nicht mehr anschauen können in allen Beziehungsdimensionen, Gott, sich selbst, den oder die nĂ€chste, das ist letztlich Frucht, Ergebnis der SĂŒnde, fasst Paulus das dann in theologischem Vokabular zusammen. Wir haben das am Aschermittwoch zu visualisieren versucht: Wir haben Spiegel mit Fett beschmiert, und wĂ€hrend man sich vorher sehen konnte, ging das nachher nicht.
Die Frage: Wie schaut jemand? Passt aber auch fĂŒrs heutige Evangelium. Wie schaut der Versucher Jesus, wie schaut Jesus den Versucher an? Der Versucher: wohl verfĂŒhrerisch, obwohl mehr VerfĂŒhrung vermutlich in der Stimme liegt: Mach das, und du wirst unermesslich mĂ€chtig, geliebt, stark sein. Wie schaut Jesus seinen Versucher an? Offenbar nicht mit jener Sehnsucht im Blick, die Eva hat; wahrscheinlich mit jener inneren Ruhe, die aus den drei Bibelstellen spricht, die er dem VerfĂŒhrer entgegen sagt. Ruhe, weil sie letztlich aus einer Erfahrung sprechen ⊠das ist ja schon spannend.
- Jesus wird wie Eva (und Adam) versucht. Das gehört offenbar zum Menschsein, vielleicht sogar zur GröĂe des Menschen. Wir sind nicht bloĂ festgelegte Maschinen, die auf einem wie immer gearteten FlieĂband unseren Teil der Arbeit verrichten. Die GröĂe des Menschen ist zu sagen: Ich will, oder ich will nicht, sich zum FlieĂband zu setzen oder nicht, zu nĂŒtzen oder zu schaden âŠ
- Jesus sagt nicht einfach âNeinâ, oder âIch will nichtâ im Blick auf die Versuchungen. Er antwortet mit Bibelstellen, und in jeder dieser Bibelstellen kommt Gott vor. Er gibt das Brot, ihn soll man nicht versuchen, ihm allein soll man dienen.
Bleiben wir bei der Frage: Wie schaut der Versucher Jesus an? Verlockend: Du kannst alles, du kannst unendlich mĂ€chtig sein, du kannst Gott manipulieren und fĂŒr deine Zwecke verwenden, du kannst machen ⊠Wie schaut Jesus: Ganz ruhig, und letztlich schaut aus seinem Blick Gott.
Wie schaut uns die Welt, wie schauen uns die Menschen um uns an? Was spricht aus unserem Blick?

Einen Tag nach der Weihe des neuen Erzbischofs von Wien Josef GrĂŒnwidl und am Sonntag des Wortes Gottes (25.01.2026) stellte Dr. Johann Pock in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark die Frage, wie alles angefangen hat, und zeigte auf, wie die TĂ€tigkeit Jesu begonnen hat und was daraus fĂŒr uns folgt.
Wenn wir sagen âDas ist mein letztes Wort!â meint das etwas ganz anderes, als wenn Gott nach dem Wort des Anfangs auch sein letztes Wort spricht. DarĂŒber predigte Dr. Christoph Benke zu Weihnachten (25.12.2025) in Schönbrunn-Vorpark.
Gefesselt können wir von einem Buch, einem Film, einem GesprĂ€ch sein. Was aber meint der Apostel Paulus, wenn er sich als gefesselt bezeichnet, und was heiĂt das fĂŒr uns? DarĂŒber predigte Dr. Christoph Benke am 23. Sonntag im Jahreskreis in Schönbrunn-Vorpark.