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Unser Gütesiegel

Dr. Christoph BenkeIn seiner Predigt am Allerheiligenfest am 01.11. 2024 in Schönbrunn-Vorpark machte Dr. Christoph Benke die Gemeinde darauf aufmerksam, dass wir durch die Taufe ein Gütesiegel erhalten haben. Ist dieses an uns sichtbar?


Wer einkaufen und dabei ein gutes Gewissen haben will (und es sich auch leisten kann), schaut nach öko-, bio– oder fair-Produkten. Diese Produkte sind mit einem Gütesiegel gekennzeichnet. AMA-Biosiegel, AMA-Gütesiegel … längst ein unübersichtliches Labyrinth. Jedenfalls ist dieses Siegel ein Kennzeichen, das ein Produkt heraushebt – ein Qualitätsmerkmal.

Wir feiern heute Allerheiligen. Wir feiern die „mit dem Siegel des lebendigen Gottes“ Gekennzeichneten. So nennt die Offenbarung des Johannes die hundertvierundvierzigtausend, die das Siegel trugen (Offb 7,4). Ein Siegel ist ein Kennzeichen. An jenen, die dieses Siegel tragen, lässt sich etwas ablesen. Davon sprechen die anderen Verse unserer Lesung – wir greifen 4 Merkmale heraus: Es sind Menschen, die bekennen, dass die Erlösung, die Rettung nur von Gott kommt; Menschen also, die vor Gott (und vor sonst nichts und niemandem) in die Knie gehen. Die Heiligen sind Glaubende, die aus der großen Bedrängnis kommen (V 14). Sie haben große äußere und innere Schwierigkeiten durchgemacht und sind dabei nicht bitter oder zynisch geworden. Sie haben ihre Gewänder im Blut des Lammes gewaschen (V 14), haben sich also in aller Bedrängnis am Kreuz Jesu Christi festgehalten. Jetzt ist ihnen ein reines Herz geschenkt worden, mit dem sie Gott schauen (Mt 5,8).

Als Getaufte sind wir mit dem Siegel des lebendigen Gottes gekennzeichnet. Damit ist unser Lebensprojekt skizziert. Das ist Gütesiegel, ein Qualitätsmerkmal! Möge es also an uns ablesbar sein und immer mehr werden, wie dieses Siegel unser Leben orientiert.

Christoph Benke

Propheten

Dr. Christoph BenkeVon Wetterpropheten, Propheten in der Zeit der Bibel und heute und der Tatsache, dass wir durch die Taufe mit Jesus Christus verbunden sind, und daher auch Anteil haben an seinem Prophetentum, sprach Dr. Christoph Benke in seiner Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis (29.09.2024) in Schönbrunn-Vorpark.


Die Bedeutung einer präzisen Wettervorhersage ist uns in den letzten Tagen deutlich geworden. Viele der Berechnungen trafen tatsächlich ein. Damit ließ sich noch größerer Schaden vermeiden. Die Wetterpropheten, so heißen sie ja umgangssprachlich, bekamen – leider – recht.

Das ist das landläufige Verständnis von Propheten: Sie sagen Ereignisse vorher, noch bevor diese eingetroffen sind. Von Propheten handelt die Lesung aus dem Buch Numeri. Gott legt etwas von seinem Geist auf die siebzig Ältesten – mit der Folge, dass sie prophetisch reden. Dieser Geist Gottes wird verliehen, gegeben; der Mensch kann sich ihn nicht nehmen oder herstellen. Wird der Geist genommen, endet die prophetische Gabe. Eine merkwürdige Szene!

Und doch: Auch heute gibt es Propheten. Es sind Menschen, die gut hinschauen und laut sagen, was sie sehen, z.B. ein großes Unrecht. Sie schreien laut oder sie singen oder malen mit Tiefblick oder mit Weitblick. Sie können gar nicht anders, es drängt sie. Sie erheben warnende, mahnende, erinnernde Stimmen. Nicht selten kommen sie von außen, aus einem ganz anderen Stall. Im eigenen Land gelten sie nichts – darauf weist ja Jesus hin (Mk 6,4).

Mose äußert den Wunsch: Wenn nur das ganze Volk des HERRN zu Propheten würde, wenn nur der HERR seinen Geist auf sie alle legte! (V 29). Sein Wunsch ist in uns Getauften in Erfüllung gegangen! Seit unserer Taufe sind wir mit Jesus Christus auf ewig verbunden. Er ist der Priester, König und Prophet – und wir sind es mit ihm. Sein Geist wird uns nicht mehr genommen. Jesus Christus lässt uns mittun an seinem Prophetensein.

Wie soll man sich das vorstellen? Das muss nichts Spektakuläres sein – etwas Zivilcourage zwischendurch wäre schon sehr gefragt.

Christoph Benke

Enttäuschung

Dr. Christoph BenkeWir erleben in unserem Leben immer wieder Enttäuschungen – große und kleine. Aber auch über uns selbst sind wir immer wieder enttäuscht. Wie Elija kann diese Enttäuschung über uns selbst uns offen machen für die Begegnung mit Gott. Darüber predigte Dr. Christoph Benke am 19. Sonntag im Jahreskreis (11. August 2024) in Schönbrunn-Vorpark.


In einem Bewerb der Olympischen Spiele den 4. Platz einzunehmen, ist vor allem dies: eine schwere Enttäuschung. Wurden Sie in Ihrem Leben enttäuscht? Ich meine hier die großen Enttäuschungen: Ihr Vertrauen wurde missbraucht; Sie wurden aus der Firma gemobbt; Sie wurden von Ihrem Lebenspartner verlassen; Sie haben ein Ziel nicht erreicht … solche Enttäuschungen kommen gewissermaßen von außen, durch die Lebensumstände.

Von etwas anderer Art ist die Enttäuschung über sich selbst. Da dachte jemand stets: ‚So etwas kann mir nicht passieren. Das würde ich nie machen. So bin ich nicht‘. Doch dann die Ernüchterung und das Eingeständnis: ‚Ich habe mich über mich getäuscht. Ich bin nicht so, wie ich meinte, dass ich bin.‘

Elija ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, HERR. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. (1 Kön 19,4) Die Enttäuschung Elijas muss abgrundtief gewesen sein: Er wünscht sich sogar den Tod. Es zeigte sich: Nichts ist so, wie er meinte, dass es ist. Und vor allem er, Elija, war nicht der, für den er sich hielt; jedenfalls nicht besser als seine Väter. Elija „wurde eines Besseren belehrt“.

Offensichtlich leitet uns häufig die Vorstellung, die anderen irgendwie zu überragen, besser zu sein als sie. Diese Erhöhung muss enttäuscht werden, damit ‚das Bessere‘, nämlich die Wahrheit, Platz hat.

Vielleicht konnte Elija später, im Rückblick, in dieser brutalen Ernüchterung bereits das erste Anrühren durch den Engel sehen. Der Engel kommt dann noch einmal und sagt: Steh auf und iss! Irgendwie kommen wir wieder zu Kraft und Zuversicht. Wir machen uns wieder auf den Weg, hoffentlich hin zum Gottesberg Horeb. Die Enttäuschung über uns macht uns tauglich für die Begegnung mit Gott.

Christoph Benke

Wofür mühen wir uns?

Dr. Christoph BenkeWofür nehmen wir Mühen, Kraft und Zeit auf uns in unserem Leben? Diese Frage stellte Dr. Christoph Benke in seiner Predigt am 18. Sonntag im Jahreskreis (4. August 2024) in Schönbrunn-Vorpark. Wir müssen uns mühen für das ewige Leben, aber das ist nur unsere dankbare Antwort auf Gottes Mühen um uns.


August ist Urlaubsmonat. Menschen gehen nicht zur Arbeit, sondern an den Strand, in den Wald, auf den Berg, ins Museum. Endlich für längere Zeit den beruflichen Alltag und seine Mühe hinter sich lassen und sich erholen! Auch wer das Berufsleben hinter sich hat, lebt keineswegs mühelos. Mühe: Das Wort hat seine Schwere. Es vermittelt Anstrengung und Beschwerlichkeit.

Im Evangelium verwendet Jesus sich abmühen: Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird! (Joh 6,27). Die Speise, die verdirbt, meint das Manna. Einst war es dem Volk Rettung in der Wüste. Aber es war schnell verdorben. Was Jesus gibt und geben wird, hat hingegen Bestand, sogar für die Ewigkeit.

Dieses Jesuswort stellt uns die Frage: Wofür mühe ich mich ab? Welche Anstrengung nehme ich auf mich für welches Ziel? Wohinein investiere ich Kraft, Mühe und Zeit? Und: Ist es das wert? Wächst damit Vertrauen und Liebe? Führt es in die größere Freiheit?

Paulus spricht von den „Begierden des Trugs“ (Eph 4,22). Was so faszinierend vor Augen steht, könnte auch Blendung, Trug sein. Wir müssen also unterscheiden und hin spüren lernen, mit einem gläubigen Herzen. Ein Einsatz, der etwas kostet, sollte sich vor Gott, vor den Mitmenschen und vor dem eigenen Gewissen verantworten können.

Anstrengung, Mühe – das klingt nach Klimmzug und Fitnessstudio. Aber Jesus sagt ja: Müht euch ab für die Speise, die bleibt. Ja, wir müssen uns anstrengen für das ewige Leben. Aber das kommt weniger aus einem Kraftakt als aus dankbarer Liebe. Denn vergessen wir nicht: Immer schon und zuerst müht sich Gott immer schon um uns Menschen.

Christoph Benke

Polarisierung

Dr. Christoph BenkeIn unserer Welt sehen wir viele Gegensätze, Polarisierungen, Feindschaften. Christus hat die Feindschaft getötet. Das ist auch unser Auftrag als Christen. Wie das gehen könnte, darüber predigte Dr. Christoph Benke am 15. Sonntag im Jahreskreis  (21. Juli 2024) in Schönbrunn-Vorpark.


Es gibt einen Nordpol und einen Südpol, einen Pluspol und einen Minuspol. Sie gehören irgendwie zusammen, stehen aber doch einander gegenüber. So ähnlich ist es in jeder kleineren und größeren Gemeinschaft und global. Auch da stehen Parteien einander gegenüber: der reiche Norden und der arme Süden, Linke und Rechte, Veganer und Fleischesser, Rapidanhänger und Austrianer, und so weiter. Seit einigen Jahren ist das Gesprächsklima aggressiver geworden. Das läuft unter dem Stichwort Polarisierung.

Einige Gegensätze gehören zum Leben. Doch gelegentlich sind sie von Menschen gemacht und es werden Feindschaften daraus. Für diesen Fall hat Paulus im Epheserbrief eine deutliche Erinnerung bereit: Christus ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile und riss die trennende Wand der Feindschaft in seinem Fleisch nieder. (Eph 2,14) Worum es Paulus geht, ist die Versöhnung von Juden und Heiden in Christus. Wir dürfen es auf Versöhnung insgesamt hin verstehen. Wo sich also Menschen unversöhnt und feindlich gegenüberstehen, dort ist Christus die Brücke, die Verbindung, die Versöhnung.

Etwas später sagt Paulus: Er (Christus) hat in seiner Person die Feindschaft getötet. (V 16) Welch hoher Anspruch! Denn das bedeutet: Nach Christus dürfte es für uns, die wir an diesen Christus und seinen Versöhnungsdienst glauben, keine unüberwindbaren Trennlinien, keine Feindschaft mehr geben. Die Polarisierung, den Keil noch tiefer hineintreiben, kann und darf nicht unsere Sache sein. Auch wenn wir keineswegs die Meinung oder den Lebensstil des Anderen teilen: Er oder sie ist nicht mein Feind. Wo immer mir also irgendetwas am Gegenüber überhaupt nicht gefällt und ‚mir das Geimpfte aufgeht‘, dort ist ein schnelles Stoßgebet vonnöten: ‚Herr, entwaffne mich!‘ Denn es gilt: Er, Christus, hat in seiner Person die Feindschaft getötet.

Christoph Benke

Ja-Sagen zu unserer Bestimmung

Dr. Christoph BenkeÜber uns waltet nicht ein blindes Schicksal, sondern Gott will, dass wir zu ihm gelangen. Wir sind eingeladen, dazu Ja zu sagen. Das führte Dr. Christoph Benke in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 15. Sonntag im Jahreskreis  (14. Juli 2024) aus.


Glauben Sie an das Schicksal? An ihr persönliches Schicksal? Also dass eine höhere Macht über den Menschen etwas verhängt, das dieser aber nicht beeinflussen oder gar berechnen kann? Häufig sprechen wir ja von einem traurigen oder tragischen Schicksal. Von daher hat dieses Wort etwas Bedrohliches. Die Frage bleibt: Ist unser Lebenslauf vorherbestimmt?

Die Lesung aus dem Epheserbrief kann uns dabei weiterhelfen. Paulus spricht dort sogar von Bestimmung und Vorherbestimmung. Der Abschnitt ist ein großes Lobgebet. Der Hymnus beginnt so: Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Diejenigen, die an diesen Gott glauben und ihm ihr Leben anvertrauen, haben eine Bestimmung: Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen […], zum Lob seiner herrlichen Gnade.

Unsere Bestimmung ist, an der Hand und an der Seite Jesu, ganz in die Nähe Gottes zu finden, sich sogar wie Jesus als Sohn Gottes, als Tochter Gottes zu verstehen. Wir sollen zu ihm gelangen. Der Weg in die Vertrautheit, in die innige Nähe zu Gott-Vater ist Jesus Christus. Kein namenloses, kaltes Schicksal verfügt da etwas. Unsere Bestimmung kommt vielmehr aus der Liebe, sie gründet in der Liebe des Vaters.

Wo wir unsere Bestimmung bejahen – ein anderes Wort für loben –, wird es gut zwischen Gott und uns und zwischen uns Menschen. Ja-Sagen zu dieser unserer Bestimmung, das ist Gott loben. Deshalb heißt es am Ende des Hymnus noch einmal: Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt (V 12).

Das wäre es, was der himmlische Vater für uns vorsieht. Er wartet geduldig auf unsere freie Zustimmung – zu unserer Bestimmung.

Christoph Benke

Gott will „g´standene Leut“

Dr. Christoph BenkeGott will, dass wir uns auf unsere Füße stellen, wenn wir mit ihm reden, nicht, dass wir vor ihm am Boden liegen; uns als solche sollen wir sein Werk fortführen. Das führte Dr. Christoph Benke in seiner Predigt in Schönbrunn-Vorpark am 14. Sonntag im Jahreskreis, dem 7. Juli 2024, aus.


Wieder stehen und gehen lernen – das kann einem nach einer kraftraubenden Krankheit oder einem Unfall ins Haus stehen. Mühsam, Schritt für Schritt – aber zuallererst: aus dem Bett auf die Beine kommen. Sich auf die Füße stellen und guten Stand finden, so lautet das Primärziel. Und umgangssprachlich meint ja „sich auf die Füße stellen“: sich behaupten, jemandem endlich Widerstand entgegensetzen.

Ist uns klar, dass das – nämlich: sich auf die Füße stellen – Gottes Wille ist? Hören wir den Beginn der Lesung. Da heißt es: Das war das Aussehen der Gestalt der Herrlichkeit des HERRN. Und ich schaute und ich fiel nieder auf mein Angesicht. Da hörte ich die Stimme eines Redenden. Er sagte zu mir: Menschensohn, stell dich auf deine Füße; ich will mit dir reden. (Ez 28,1-2) Der Prophet schaut die Herrlichkeit des Herrn, die Größe Gottes. Dieser Anblick ist zu viel. Überwältigt fällt er auf sein Angesicht.

Aber dabei bleibt es nicht. Ezechiel hört: Menschensohn, stell dich auf deine Füße. Es gilt also: Gott will, dass ich mich auf meine Füße stelle. Er hilft aufzustehen. Er hilft uns, wieder aufzustehen, auch wenn es schwer ist und wir wenig Zuversicht haben. Er will, dass wir auf eigenen Beinen stehen, also mit Selbstvertrauen und Selbstgewissheit festen Stand im Leben haben.

Und das alles, weil er mit uns, mit mir reden will. Bleiben wir in Bauchlage, zeigen wir dem Herrn nicht unser Gesicht, dann kann er nicht mit uns reden. Gott ist Gott, der Mensch ist Geschöpf und abhängig. Aber Gott will keine Unterwerfung aus Angst, sondern eine freie, liebevolle „Blickverbindung“ – von „unten“ nach „oben“.

Gott will „g’standene Leut‘“. Als solche will er uns brauchen, sein Werk fortzuführen. Deshalb heißt es gleich nachher: Menschensohn, ich sende dich (V 3).

Christoph Benke

Engagierte Gelassenheit

Dr. Christoph BenkeDass es notwendig ist, sich für etwas zu engagieren, und andererseits sich auf das Tun der anderen und des Heiligen Geistes zu verlassen, zeigte Dr. Christoph Benke in seiner Predigt in Schönbrunn Vorpark am 16. Juni 2024, dem 11. Sonntag im Jahreskreis, auf.


Wer sich heutzutage für ein bestimmtes Anliegen engagiert einsetzt, gilt als Aktivist. Es gibt Umweltaktivisten, Tierschutzaktivisten, Menschenrechtsaktivisten. Es sind Personen, die mit Taten Ziele fördern. Sie bemerken einen Missstand und sagen „Man muss doch etwas tun“, und zwar ohne politisches Amt oder Mitarbeit in einer Partei.

Die anderen, die dabei nicht mittun, müssen deswegen nicht bequem oder gleichgültig sein. Das heißt nicht, dass ihnen die Anliegen egal sind.

Der Gedanke oder der Impuls „Man muss doch etwas tun“, so wichtig und richtig er ist, schafft ein Gewicht und macht Druck. Das ist erwünscht. Aber damit der Druckkochtopf nach einiger Zeit nicht explodiert, braucht es den Druckausgleich. Der Druckausgleich, das Gegengewicht, ist ein wenig versteckt. Es ist dieses Jesus-Wort: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht. (VV 26-28)

Es gilt beides: Ja, „man muss doch etwas tun“ auf der einen Seite. Und Gelassenheit und Vertrauen, dass die Erde von selbst ihre Frucht bringt, auf der anderen Seite. Diese Welt ist in Gottes Hand. Das ist unser Glaube. Ich bin, du bist, wir sind in Gottes Hand – das ist unser Glaube. Ich tue, was ich kann – und das Übrige überlasse ich den anderen und dem vielfältigen Wirken des Heiligen Geistes. Er aktiviert auch Selbstheilungskräfte.

Engagierte Gelassenheit – das wäre es, um an die großen Aufgaben heranzugehen. Um diese engagierte Gelassenheit zu lernen, müssten wir gelegentlich den Herrgott einen guten Mann sein lassen – im eigentlichen Sinn des Wortes.

Christoph Benke

Wo ist der Raum?

Dr. Christoph BenkeDie Frage nach dem Raum stellte Dr. Christoph Benke ins Zentrum seiner Predigt zu Fronleichnam (30.05.2024) in Schönbrunn Vorpark; den Raum für das Abendmahl und das Pfingstereignis, aber auch den Raum, den Jesus bei uns findet.


Alle Menschen brauchen Platz: einen Platz zum Leben, zum Wohnen, zur Erholung – Raum, um sich zu entfalten. 102 m2, so war gestern zu lesen, beträgt die durchschnittliche Wohnungsgröße in Österreich. Beengter Lebensraum führt in Konflikte – das gilt ja auch global.

Jesus und seine Anhänger hatten zuerst keinen festen Wohnsitz. Sie zogen durch die Lande und erhielten Unterkunft bei Sympathisanten. Nach der Katastrophe, als sich die Einsicht einstellte: Unser Herr lebt!, drängte sich eine Raumfrage auf: Wo kommen die versprengten Anhänger Jesu zusammen? Es ist nicht der Tempel, sondern das Obergemach – ein großer Raum im Obergeschoß eines Hauses in Jerusalem.

Das Obergemach: Hier versammelt sich die Urgemeinde zum Gebet. Hier trägt sich die Gabe des Heiligen Geistes zu. Und davon spricht – in einer Art Rückblende – das Evangelium des Tages: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann? (V 14)

Wir wollen diese schlichte Beobachtung in zwei Richtungen ausrollen. Zum einen: Der Abendmahlsaal und der Raum des Pfingstereignisses sind ein und derselbe Raum. Der Heilige Geist und die Messe gehören zusammen. Denken wir an die Bitte vor der Wandlung. Und denken wir an die andere Bitte im großen Lobgebet: Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut und lass uns eins werden durch den Heiligen Geist. Gestärkt durch das Brot des Lebens und geführt durch den Heiligen Geist, finden wir zusammen.

Zum anderen gibt es weiterhin die Jesusfrage, Wo ist der Raum?  Stellen wir uns vor, dass Jesus diese Frage auch heute stellt, jetzt, an uns gerichtet. Jesus will Gemeinschaft mit den Menschen haben – aber wo und wie kann er seinen Sehnsuchtswunsch erfüllen? Wo geben wir, wo bieten wir Jesus Raum?

Später gehen wir hinaus auf die Straße. Das ist ein öffentlicher Raum. Wir bringen diesen Raum mit Christus in Berührung, flüchtig und punktuell; keineswegs schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet (V 15). Aber es ist eine wichtige Erinnerung auch für uns. Jesus Christus will darauf angewiesen bleiben, durch uns einen Platz in dieser Welt zu finden. Er sagt: ‚Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Das bin ich – für Euch. Kommt alle zu mir.

Christoph Benke

Jeder hörte sie in seiner Sprache reden

Dr. Christoph BenkePfingsten ist Sprachförderung; der Heilige Geist macht mit uns einen Sprachkurs, damit wir einander und ihn verstehen können. Darauf machte Dr. Christoph Benke in seiner Predigt am Pfingstsonntag (19.05.2024) in Schönbrunn-Vorpark aufmerksam.


Not begegnet uns täglich. Sie hat viele Gesichter: Es gibt physische, wirtschaftliche, seelische Not. Not hat so viele Gesichter wie es Menschen gibt – es gibt auch höchstpersönliche Nöte. Eine ist die Sprachnot: ein tief inneres Leiden daran, sich nicht richtig ausdrücken, das Innere nicht in Worte fassen zu können. Die Folge ist das Gefühl, nicht verstanden zu werden – also Einsamkeit. Wer sich schon einmal helfen ließ, um etwas in der eigenen Seele noch nicht Greifbares ins Wort zu bringen, weiß, wie befreiend das ist.

Pfingsten ist Sprachförderung. Der Heilige Geist, ein Vermittler, er macht mit uns einen Sprachkurs. Eben hörten wir die Schilderung des Pfingstereignisses. Darin spielen die Zungen eine wichtige Rolle: Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. (V 3). In den Sprachen der Bibel (Hebräisch und Griechisch) ist Zunge und Sprache das gleiche Wort. Die Feuerzungen bringen die Jüngerinnen und Jünger dazu, selbst in anderen Zungen zu reden: Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. (V 4) Das Feuer des Geistes wird in Sprache übersetzt – und zwar so, dass die Hörenden das ihnen verkündete, Neue als ihre eigene Sprache erkennen können (jeder hörte sie in seiner Sprache reden, V 6).

Das bedeutet 1. nach außen: Der Heilige Geist hilft, dass wir einander verstehen lernen und auch verstehen können, durch diverse Barrieren hindurch. Das bedeutet 2. nach innen: Der Geist Gottes wird geschenkt, und zwar gemeinsam. Aber dabei passt er sich jedem Menschen an. Der Heilige Geist schmiegt sich an die Seelenlandschaft eines Menschen an. Wir können den Heiligen Geist wahrnehmen. Er spricht keine Fremdsprache. Er ist vernehmbar – und darin besteht die frohe Botschaft des heutigen Festes.

Christoph Benke