HÖREN – GLAUBEN – SEHEN – Predigt
P. Clemens Pilar COp stellte in seiner Predigt am 2. Ostersonntag (12.04.2026) in Schönbrunn-Vorpark die Frage nach dem angeblich ungläubigen Thomas. Wie verhalten sich Hören, Glauben und Sehen zu einander, und was hat das mit uns und unserem Leben zu tun?
Jetzt haben wir das Evangelium gehört, das dem Apostel Thomas den Beinamen der „Ungläubige“ eingebracht hat. Das ist freilich ungerecht, und ich muss zugeben, dass mir gerade der Apostel Thomas besonders sympathisch ist und ich mich ihm seelenverwandt fühle. Er steht für jene, die es genau wissen wollen, für eine gesunde Skepsis, denn es gibt so viele Möglichkeiten der Täuschung. Das gilt heute in Zeiten des Internets und der KI noch viel mehr (Heute müsste man – wenn man ins Internet geht – das Wort Jesu: „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ umgekehrt formulieren: „Selig, die sehen und nicht glauben“). Thomas ist eben nicht leichtgläubig, aber er gehört nicht zu denen, die die Wahrheit in Frage stellen, sondern er stellt die Frage nach der Wahrheit. Außerdem dürfte er der Mutigste der Jünger gewesen sein. Denn wir dürfen die Frage stellen, warum er sich nicht wie die anderen Jünger hinter den verschlossenen Türen versteckt hatte, sodass er bei der ersten Begegnung mit dem Auferstanden nicht anwesend war. Und als Jesus sich dann auch ihm offenbart, ist er der erste von allen Jüngern, die das volle Bekenntnis zu Jesus ablegen: „Mein Herr und mein Gott“
„Selig, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus dann. Solche Sätze darf man aber nicht aus dem Zusammenhang reißen, denn auch Jesus ruft nicht zur Leichtgläubigkeit auf. Es ist ihm wichtig, dass Menschen zur Einsicht kommen und verstehen. Gerade das Johannesevangelium, aus dem ja auch der heutige Abschnitt stammt, legt großen Wert auf die Schau: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (vgl. Joh 1, 14). Jesus heilt unter anderem einen Blindgeborenen, und erst nachdem dieser sehen kann, ruft er ihn in den Glauben (vgl. Joh 9, 37), und auch Jesus warnt davor, unterschiedslos jedem zu glauben. Er warnt vor falschen Propheten (vgl. Mt 24, 24), so wie wir auch im ersten Johannesbrief einen deutlichen Aufruf zur Unterscheidung der Geister finden: „Traut nicht jedem Geist…“ (vgl. 1 Joh 4, 1).
Andererseits spricht Jesus mit dieser Seligpreisung „die nicht sehen und doch glauben“, eine grundlegende Wahrheit über den Menschen aus. Dass der Mensch glauben kann, ohne zu sehen, gehört zu den wesentlichen Merkmalen, die ihn von den Schimpansen unterscheidet, mit denen er doch, laut Wissenschaft, 98% der Gene gemeinsam hat. Schimpansen sind sehr intelligent und lernfähig. Aber sie lernen nur durch Zusehen und Nachahmen. Das können Menschenkinder natürlich auch. Aber den Großteil dessen, was wir gelernt haben, zuhause oder in der Schule, haben wir gelernt, weil man es uns erzählt hat. Wissenschaftler sagen heute, dass diese Besonderheit den Menschen zum Kulturwesen macht. Er erzählt Geschichten, entwickelt Mythen, gibt Erfahrungen und Wissen theoretisch weiter. Lernen beginnt mit dem Vertrauen in die Autoritäten, ob Eltern, Lehrer oder andere Vertrauenspersonen. Kinder glauben zunächst nahezu alles, was ihnen Vertrauenspersonen erzählen, deshalb muss man sehr verantwortungsvoll mit dieser Tatsache umgehen.
Auch wir glauben sehr viel, ohne es jemals gesehen zu haben. Aber irgendwann sollte man, wenn möglich, auch einen Realitätscheck durchführen. Bei manchen Dingen, die man uns einmal erzählt hat, ist das einfach. Da sieht man nach oder probiert aus, und die Sache ist erledigt. Aber wie ist das nun bei den Dingen, die man nicht so einfach überprüfen kann? Das heutige Evangelium wirft genau diese Frage auf. Keiner von uns hat den Auferstandenen gesehen. Alle Texte, die wir jetzt gehört haben, sprechen deshalb vom Glauben, in den wir gerufen sind. Für den Skeptiker Thomas gab es eine rasche Möglichkeit, den Realitätscheck vor Ort durchzurühren. Wir haben diese Möglichkeit nicht. Was also bleibt uns? Nur der blinde Glaube – also nicht sehend doch glauben? Ich würde sagen, auf die Dauer wäre das unverantwortlich. Auch wir brauchen einen Realitätscheck, der es rechtfertigt, dass wir uns auf den „Jesuanischen“ Weg einlassen. Aber wie kann der funktionieren?
Da muss man zunächst in Erinnerung rufen, was „Glauben“ im biblischen Sinne meint. Da geht es ja nicht um eine Zustimmung zu Sätzen und Sachverhalten, die man nicht versteht, sondern um Vertrauen in Jemanden. Unser Glaube an Jesus bedeutet, dass wir uns auf ihn und das, was er nach den Zeugnissen der Evangelien gesagt hat, einlassen. Jesus hat uns ein Beispiel gegeben, damit wir handeln, wie er gehandelt hat (vgl. Joh 13, 15). Er hat uns durch seine Lehre einen Deutungshorizont eröffnet. Wie letzte Woche bereits angesprochen, gilt eine Erkenntnis der Wahrnehmungspsychologie: „Wir glauben nicht, was wir sehen, wir sehen, was wir glauben“. Wenn wir Jesus glauben, sehen wir die Welt und die Menschen in einem neuen Licht. Das wird unser Verhalten prägen. Das macht etwas mit uns.
Nun gilt es zu überprüfen: Wenn ich mich auf diesen Weg einlasse und versuche, der Spur Jesu zu folgen, macht das mein Leben besser? Zu welcher „Wirklichkeit“ führt mich dieses Vertrauen? Weitet es meinen Horizont? Bringt es Frieden in mein Herz? Wird mein Verhalten dadurch auch für andere verträglicher? Geht von mir vielleicht sogar – wie man heute sagen würde – „positive Energie“ aus, wie es die Menschen bei Jesus erlebt haben? Oder wird mein Leben komplizierter, mein Horizont enger, werden andere zum Feind, weil sie nicht so denken wie ich, bin ich versucht, meine Überzeugungen mit Unduldsamkeit durchzusetzen… werde ich zu einem Menschen, von dem andere lieber Abstand halten…? Wie also wandelt sich meine Lebenswirklichkeit durch das, was ich glaubend annehme?
Wenn Menschen, die Jesus nicht sehen, ihm und seinen Worten aber doch glauben, zu verträglicheren Menschen werden, zu Menschen, die anderen Raum geben, Menschen werden, von denen Wohlwollen ausgeht – und dazu muss man nicht perfekt sein – dann wird durch solche Menschen etwas von diesem unsichtbaren Jesus in die Sichtbarkeit und in die Tastbarkeit gebracht. Letzten Endes dient das dem Realitätscheck für jene, denen wir die Osterbotschaft weitererzählen wollen. An unserem Leben sollte überprüfbar sein oder wenigstens erahnbar werden, ob an dieser Botschaft etwas dran ist und ob es gut ist, sich darauf einzulassen. Darum ist es für uns gut, wenn wir immer wieder mal Menschen begegnen, wie dem Apostel Thomas, die genau nachfragen, was es mit unserem Glauben auf sich hat. Wenn dann unser Leben deren Realitätscheck standhält, könnte es sein, dass auch solche Menschen ermutigt werden, sich näher auf Jesus einzulassen und den Weg mit ihm zu versuchen.

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