Gottes Gerechtigkeit

Dr. Hans PockIn seiner Predigt am Fest der Taufe Jesu (11.01.2026) zeigte Dr. Johann Pock in Schönbrunn-Vorpark auf, was Gottes Gerechtigkeit ist, wie Jesus seine Sendung versteht und wie das mit Weihnachten zusammenhängt.


Von Papst Johannes XXIII werden einige ganz unerwartete Aktionen erzählt, mit denen er seine Umgebung verblüffte.

In der Zeit, als er noch Bischof in Venedig war, erhielt er eines Tages den Hinweis, einer seiner Priester sei Alkoholiker. Darauf sagte Johannes zu seinem Sekretär: „Da müssen wir hin!“

Vor dem Pfarrhaus angekommen, verwies man die beiden ins nächste Gasthaus, und Johannes schickte seinen Sekretär, dass er den Priester hole.

Der Sekretär kam zurück mit dem Priester, und Johannes nahm ihn mit zum Bischofspalast. Dort bot er dem Priester einen Stuhl an und sagte: „Bruder, setz dich! Ich möchte nämlich bei dir beichten!“

 

Was geschieht hier? Der Bischof schaut nicht verächtlich von oben auf den Trinker herab – er nimmt ihn in seiner Würde ernst, die er trotz seines Lasters hat. – Und damit gibt er ihm seine Würde wieder zurück.

Genau das wird heute von Jesus erzählt: Die Menschen strömten zu Hunderten zum Jordan, um von diesem Mann aus der Wüste, von Johannes, getauft zu werden; sie stiegen ins Wasser, erniedrigten sich, damit ihre Sünden abgewaschen würden.

Jesus hatte keine Sünden; er hätte es nicht nötig gehabt, sich anzustellen und zu erniedrigen – aber er tut es; er solidarisiert sich mit den Sündern; er begibt sich auf eine Ebene mit denen, die sich dort öffentlich als Sünder bekennen.

Und genau an diesem Ort bekennt sich Gott zu ihm: Dieser Mann, der sich nicht zu gut ist, sich unter die Sünder einzureihen, das ist mein geliebter Sohn! An ihm habe ich Gefallen.

Und auf diesen Jesus trifft auch das zu, was Jesaja 700 Jahre früher verkündet hatte: „Das ist mein Knecht, mein Erwählter.“

Er zerbricht das geknickte Rohr nicht: D.h. er hält nicht denen, die gesündigt haben, auch noch Moralpredigten oder verheißt ihnen Strafen – ganz im Gegenteil: Er stellt sich auf ihre Stufe; er vergibt die Sünden; er stützt und heilt die Geknickten.

Jesus spricht selbst, dass er gekommen ist, Gerechtigkeit Gottes zu erfüllen: – „Gott, der gerechte Richter!“ – Man könnte vor diesem Richter Angst haben – im Blick auf das, was jeder von uns im Lauf seines Lebens falsch macht; wo jeder von uns gegen das Liebesgebot Gottes verstößt; wo wir nur unsere Pläne im Blick haben und nicht die Wünsche der Menschen um uns oder die Wünsche Gottes.

– Aber Jesus sagt: Gottes Gerechtigkeit ist nicht Strafe / nicht Verderben; es geht nicht um „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Gottes Gerechtigkeit ist barmherzig: Er weiß um die Schwächen der Menschen.

Er ist der, der bei Jesaja zu seinem Knecht sagt: „Du bist gesandt, blinde Augen zu öffnen, Gefangene zu befreien; Licht ins Dunkel zu bringen.“ (Jes 42,7).

Ja, Gott geht so weit, dass er sich selbst, seinen Sohn, für uns und für unsere Sünden opfert.

Das Fest „Taufe Jesu“ zeigt, wie Jesus seine Sendung versteht; wie Jesus seinen Auftrag, die Menschen zu retten, versteht: Nicht durch Strafe, sondern indem er sich auf eine Stufe mit uns stellt.

Und es zeigt, wer Gott für uns ist: nicht ein strafender Gott, der sich für unsere Sünden rächt; sondern einer, der versucht, einem jeden Menschen seine Würde zurückzugeben.

Dieser Sonntag schließt die Weihnachtszeit ab – und es ist konsequente Weiterführung dessen, was wir zu Weihnachten gefeiert haben: Gott ist sich nicht zu gut, herabzusteigen, sich auf die Ebene der Menschen zu begeben, um uns die Möglichkeit zu geben, zu ihm hinaufzusteigen.