Ein Blick – Predigt
Wie schauen wir andere an, wie werden wir angeschaut? Was sagen Blicke aus? Was spiegelt unser Gesicht wider? Und was hat das mit Adam, Eva und der Schlange sowie mit Jesus und dem Versucher zu tun? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Generalvikar Dr. Nikolaus Krasa in Schönbrunn-Vorpark am 1. Fastensonntag (22.02.).
Ich entschuldige mich für den Beginn, vermutlich werden Sie sich beim Einstieg denken: Was hat das mit dem ersten Fastensonntag zu tun, und was hat das mit einem Gottesdienst zu tun? Trotzdem: Mir ist beim Vorbereiten dieser Predigt ein Liedtext eingefallen, den ich in meiner Jugend immer wieder gehört habe, nicht zu Hause (da gab’s nur Ö1), aber auf Schihütten, in Bussen … 1976 ist der Song herausgekommen und stammt angeblich von einem Herrn Ernst Neger. Der Text des Refrains lautet folgendermaßen:
Geh Oide, schau mi net so deppert an, heut bin i blau, was liegt scho dran …
Kinder: Könnt ihr das: Deppert schauen? Und was passiert, wenn ihr einander deppert anschaut … also Hochdeutsch: dumm anschaut … Das macht etwas mit euch, wirkt jetzt eher lustig. Aber: Das kennen Sie vielleicht auch: Man ist nicht gut drauf, fährt in der U-Bahn, und da schaut einen jemand blöd an. Oder es gibt einen Konflikt, und der Konfliktpartner kommt einem mit dem Gesicht ganz nahe und grinst bewusst frech … ein Gesicht ist so etwas wie eine Visitenkarte, und bewirkt automatisch in mir etwas (den Mechanismus dahinter hat die Neurologie gut erklärt, es gibt eigene Neuronen im Gehirn, die für diesen Effekt zuständig sind, die sogenannten Spiegelneuronen). Eine weinende Person stimmt mich traurig, eine lachende macht mich fröhlich (außer – wenn man sagt: Ich mach zu und lass nichts mehr an mich heran.).
Warum ich auf diesen Refrain komme – alle, die am vergangenen Aschermittwoch dabei waren (und sich noch erinnern können), wissen, dass es da ums „Widerspiegeln“ ging … ausgehend von einem kurzen Vers am Ende des 3. Kapitels des 2. Korintherbriefes: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn wider …“
Das hat mich nicht nur zum Schlager aus den 70er Jahren gebracht, sondern zu einer vielleicht zuerst etwas abwegig klingenden Frage im Blick auf unsere Lesungen, vor allem die erste und das Evangelium. Denn in beiden geht es um Begegnung und Anschauen. Also: Wie schaut die Schlange die Frau an, und wie die Frau die Schlange? Ein verführerischer Blick, ein Blick voller Sehnsucht, die ja auch im Text der Schlange artikuliert wird. Sein wie Gott, Gut und Böse erkennen, mehr Macht, mehr Fähigkeiten, mehr Selbstständigkeit. Und dann, nachdem sie gegessen haben, die Bibel spricht sogar vielleicht auch von einem äußeren Gesichtseindruck, da gehen ihnen die Augen auf. Wie haben sie sich da angeschaut, als sie erkennen, dass sie nackt sind? Also etwas, das vorher völlig selbstverständlich war, das plötzlich nicht mehr ist; dass letztlich die Beziehung zu sich selbst und zueinander nicht mehr passt, man sich nicht mehr anschauen kann und letztlich auch die Beziehung zu Gott nicht mehr passt, man sich vor ihm versteckt. Und, könnte man den Faden weiterspinnen, dass, was Gott tut, aus Sorge nachgehen, als unangenehm verstanden wird und man sich versteckt, versucht, bewusst wegzuschauen, um nicht gesehen zu werden. Sich nicht mehr anschauen können in allen Beziehungsdimensionen, Gott, sich selbst, den oder die nächste, das ist letztlich Frucht, Ergebnis der Sünde, fasst Paulus das dann in theologischem Vokabular zusammen. Wir haben das am Aschermittwoch zu visualisieren versucht: Wir haben Spiegel mit Fett beschmiert, und während man sich vorher sehen konnte, ging das nachher nicht.
Die Frage: Wie schaut jemand? Passt aber auch fürs heutige Evangelium. Wie schaut der Versucher Jesus, wie schaut Jesus den Versucher an? Der Versucher: wohl verführerisch, obwohl mehr Verführung vermutlich in der Stimme liegt: Mach das, und du wirst unermesslich mächtig, geliebt, stark sein. Wie schaut Jesus seinen Versucher an? Offenbar nicht mit jener Sehnsucht im Blick, die Eva hat; wahrscheinlich mit jener inneren Ruhe, die aus den drei Bibelstellen spricht, die er dem Verführer entgegen sagt. Ruhe, weil sie letztlich aus einer Erfahrung sprechen … das ist ja schon spannend.
- Jesus wird wie Eva (und Adam) versucht. Das gehört offenbar zum Menschsein, vielleicht sogar zur Größe des Menschen. Wir sind nicht bloß festgelegte Maschinen, die auf einem wie immer gearteten Fließband unseren Teil der Arbeit verrichten. Die Größe des Menschen ist zu sagen: Ich will, oder ich will nicht, sich zum Fließband zu setzen oder nicht, zu nützen oder zu schaden …
- Jesus sagt nicht einfach „Nein“, oder „Ich will nicht“ im Blick auf die Versuchungen. Er antwortet mit Bibelstellen, und in jeder dieser Bibelstellen kommt Gott vor. Er gibt das Brot, ihn soll man nicht versuchen, ihm allein soll man dienen.
Bleiben wir bei der Frage: Wie schaut der Versucher Jesus an? Verlockend: Du kannst alles, du kannst unendlich mächtig sein, du kannst Gott manipulieren und für deine Zwecke verwenden, du kannst machen … Wie schaut Jesus: Ganz ruhig, und letztlich schaut aus seinem Blick Gott.
Wie schaut uns die Welt, wie schauen uns die Menschen um uns an? Was spricht aus unserem Blick?

Gundula Vogel auf Pixabay
WOKANDAPIX auf Pixabay
Tep Ro auf Pixabay
www.pixabay.com
www.pixabay.com
Klaus Hausmann auf Pixabay
www.pixabay.com
von Laura Baker auf Unsplash
Pfarre Hildegard Burjan | Erwin Gruber