Gemeinsames Erbe
In seiner Predigt am 2. Sonntag im Jahreskreis (18.01.2026) in Schönbrunn-Vorpark nahm Dr. Nikolaus Krasa die Gemeinde mit auf eine Reise von Boskovitz über den Jordan nach Schönbrunn-Vorpark. Er bezog sich dabei auch auf den Tag des Judentums (heuer 17.1.), der seit dem Jahr 2000 am Vortag der Gebetswoche um die Einheit der Christen (heuer 18.-25.1.) begangen wird.
Boskovitz (tschechisch Boskovice), eine Kleinstadt, nördlich des sogenannten mährischen Karstes, liegt etwa 30 km von Brünn entfernt. Das Städtchen hat einiges zu bieten, eine aus dem 14. Jahrhundert stammende riesige Burg, ein klassizistisches Schloss, ein hübsche Pfarrkirche und eine wunderbar renovierte Synagoge aus dem 17. Jahrhundert. Keine Angst, ich beende diese Fremdenverkehrswerbung so schnell, wie ich sie begonnen habe (das Tourismusbüro Boskovice hat mich nicht bezahlt). Ich beginne in Boskovice, weil ich dort weinen musste. Und das, weil die Zahlen dort eine so deutlich und gleichzeitig fassbare (und damit letztlich unfassbare) Sprache sprechen. Vor 1939 lebten in Boskovic 400 Juden, etwa 40% der Bevölkerung (der Ort zählte damals 1000 Einwohner). Nach 1945 kamen nur 10 Juden in diesen Ort zurück. Ein Geschehen, Sie wissen es, das sich in ganz Europa abspielte, allerdings mit so großen Zahlen, dass sie eigentlich kaum fassbar sind. 400 von 1000 Einwohnern, nur mehr 10 zurück. Das ist vorstellbar und in der Grausamkeit dessen, was zwischen 1939 und 1945 geschehen ist, gleichzeitig unvorstellbar.
Was sind die geschichtlichen Wurzeln, die zu solchen Grausamkeiten geführt haben? Da gibt es leider einen starken Strang, der tief in die Geschichte der christlichen Kirchen eingeschrieben ist. Durch die Jahrhunderte. Schon lang vor der ‚Reichskristallnacht‘. Informieren Sie sich am Judenplatz im ersten Bezirk, lesen Sie die Biographie des Hl. Johannes Capistran, der als Prediger in Wien gewirkt hat, dem die Capistrankanzel ein deutliches Denkmal gesetzt hat. Wussten Sie, dass die Judenverfolgung im Zuge der Reconquista in Spanien dazu geführt hat, dass Juden aus Spanien in das Osmanische Reich geflüchtet sind, dabei ihr Wissen in Metallverarbeitung mitgenommen haben, die wiederum in das Gießen jener Kanonen eingeflossen sind, die während der Türkenbelagerungen gegen Wien zum Einsatz kamen …
Gut, dass unter diese Jahrhunderte lange Unheilsgeschichte das 2. Vatikanische Konzil zumindest verbal offiziell einen Schlussstrich gezogen hat: „Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.“ So einer der Schlusssätze im Konzilsdokument ‚Nostra Aetate‘.
Gemeinsames Erbe. Das lässt sich am heutigen Evangelientext schön durchexerzieren. Denn der Satz, den der Täufer über Jesus sagt, der uns aus der Liturgie so vertraut ist, schöpft genau aus diesem Erbe: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“.
Lamm Gottes. Im Kontext des Johannesevangeliums klingt hier zunächst wohl die Geschichte des Paschalammes an – denn bewusst markiert Johannes in seiner Chronologie der letzten Stunden Jesu, dass zu der Zeit, als Jesus am Kreuz stirbt, im Tempel die Paschalämmer geschlachtet werden. Jenes Lamm also, dessen Blut an den Türstöcken der Israeliten den Todesengel vorübergehen lässt, während in den Häusern Ägyptens die Erstgeburt stirbt. Jenes Lamm, das dem Volk die Kraft gibt aufzubrechen, noch in der Nacht, in die weglose Wüste, um einen Weg in die Freiheit, in das gelobte Land zu finden.
Lamm Gottes – wer ein bisschen im Buch des Propheten Jesaja blättert, findet dort 4 Lieder, die von einem uns namentlich Unbekannten sprechen, der Knecht Gottes genannt wird (weshalb diese Lieder auch Gottesknechtlieder heißen). Dieser Knecht Gottes ist so mit seiner Botschaft eins, dass er für sie stirbt – wie ein Lamm, heißt es dort, beim Schlachten, das seinen Mund nicht auftut. Dieser „Sühnetod“ wird aber gleichzeitig zum „Eye Opener“ für alle: „Durch seine Sünden sind wir geheilt.“ heißt es in diesem Lied. Der Gerechte, der unschuldig zum Brennpunkt des Bösen wird, der durch seinen Tod Veränderung bewirkt (vielleicht auch weil er Gewalt nicht mit Gewalt begegnet).
Und da sind wir wieder (wie beim Paschalamm) im Pentateuch gelandet. In Lev 16,8-21 wird im Zusammenhang mit dem Versöhnungstag (Jom Kippur) davon berichtet, dass das Los geworfen wird, wo ein Bock (Asasel genannt) ausgesondert wird, die Sünden des Volkes durch Handauflegung auf diesen Bock übertragen werden, und er in die Wüste gejagt wird. Der „Sündenbock“, wie Martin Luther ihn nennt. Einer, der die Last der Verfehlungen, der Vergehen der Gemeinschaft sozusagen stellvertretend trägt.
Diesen reichen Hintergrund bemüht Johannes, um zu beschreiben, wer denn dieser Jesus ist, besser, wer er für uns ist, noch besser: damit wir an ihn glauben und so Macht haben, Kinder Gottes zu sein (wie es im Prolog, den wir zu Weihnachten gehört haben, heißt).

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