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Ein etwas anderer Kommentar zu Allerheiligen von Dechant Pfarrer Martin Rupprecht

An Allerheiligen wird vermehrt klar, welch wichtige Rolle die Kirche in der Zivilgesellschaft einnimmt. In den Markt- und Stadträten wird beraten über kirchliche Angelegenheiten, in den Behörden werden Genehmigungen erteilt für kirchliche Feiern, Prozessionen, Kooperationen bei Kindergarten, Friedhof und anderen Einrichtungen.

Nicht immer gelingt es den kirchlichen Amtsträgern ihre Verantwortung im Sinne des Allgemeinwohls auszuüben. Immer mehr bleibt die Jugend weg. Zu Recht wird die Kirche hinterfragt, ob sie ihrer Verantwortung gerecht wird: nicht nur im Sinne der geistlichen Weitervermittlung, auch in der Eigenschaft als Eigentümerin vieler Kultur- und Vermögenswerte. Wird das alles richtig eingesetzt?

Nach 25 Jahren als Priester in der Kirche muss ich feststellen, dass wir noch aus Bildern, Modellen und Strukturen leben, die vor 50 Jahren wohl richtig und effektiv waren. Heute brauchen wir ein Umdenken. Drei Bereiche möchte ich ansprechen:

  1. Es fehlt uns in der Kirche eine Feedbackkultur. Auf jeder Autobahnraststättentoilette und in vielen Geschäften wird um eine Rückmeldung zur Serviceleistung gebeten. Dabei geht es nicht in erster Linie um das Einsammeln von Beschwerden, sondern um ein Bewusstmachen des Dienstes und die Verbesserung der Unternehmenskultur, ebenso um das Ausfindig machen von Fehlern in der Ablaufstruktur von Arbeitsabläufen. Selbstverständlich geht es auch um die Überprüfung, ob jene Menschen, die dafür bezahlt werden, ihre Leistung auch freundlich und dienstbereit ausgeführt haben.            Eine gute Rückmeldung, neudeutsch ‚feedback‘, ist nie neutral. Sie ist aber notwendig für die Entwicklung des Betriebes wie für den ausführenden Menschen. Wer nicht weiß, wie er beim anderen ankommt, verkümmert in seiner Gefühlswelt, oder handelt weiter falsch. (Wir ehelosen Priester sind dabei besonders gefährdet.) Gute Rückmeldung zu geben ist eine Form der Liebe, nichts zu sagen ist eine Form der Gleichgültigkeit.
  2. Das alles hängt zusammen mit der Art der Leitung. Der österreichische Unternehmensberater Harald R. Preyer schreibt dazu: „Der größte Feind von Veränderung ist der Erfolg von gestern und heute. Vorgesetzte, die seit Jahrzehnten ohne Feedback und mit Macht und Autorität agiert haben, wollen meist keine moderne Feedback-Kultur. Wenn Sie in einer Organisation arbeiten, die seit Jahrzehnten von „Vorgesetzten“ geprägt wurde, dann bemühen Sie sich erst gar nicht um eine aktuelle Feedbackkultur. Die Hierarchie wird stärker sein als Sie. Wechseln Sie den Arbeitgeber.“ Welche Art der Leitung brauchen wir, damit Veränderung, Inspiration und Motivation möglich sind? Gewöhnt sind wir eine klare Hierarchie. Zwar ist dem Pfarrer beratend per Kirchengesetz ein Pfarrgemeinderat zur Seite gestellt, aber emotional wie geistlich ist dieser abhängig und kann in seltensten Fällen eine wirkliche Korrektur anbringen. Dringend brauchen wir das Bewusstsein, dass Kirche nur in Teamarbeit zu leiten ist. Es braucht Leitungsmodelle, in denen das Hinhören auf jede einzelne Stimme oberste Maxime ist. Die Art und Weise der Leitung ist Teil der Verkündigung, die Empathie Methode dazu.       
  3. Investition in Menschen oder Steine Den Klagen, dass die Jugend in der Kirche fehlt, folgt meist der Hinweis, dass niemand da ist, der sich um die Jugend kümmert. Ganz klar ist, dass es immer Personen braucht, die das Charisma haben und die Zeit zur Verfügung stellen. Der kirchliche Jugendplan der Diözese Regensburg in den 80er Jahren sprach davon, dass „Kirche den Jugendlichen personales Angebot zur Verfügung stellen muss“. Wo sind in den Pfarreien die Jugendleiter? Welche Pfarreien leisten sich jemand, der/die einfach für die Jugendlichen da sein kann? Das fehlende Geld kann es nicht sein, denn unsere Kirchen werden mit 2, 3, 4 Millionen renoviert. Wäre es denkbar eine Klausel einzuführen, dass bei jedem Bauvorhaben 5 % der Kosten für die Seelsorge an den jungen Menschen eingesetzt werden müssen. Was nützen uns denn die schönsten Kirchen, wenn die Jugend darin fehlt? Wenn zwar alle Statuen vergoldet sind, aber die lebendigen Steine fehlen?

Das Fest Allerheiligen zeigt auf, dass früher wie heute solche „lebendige Steine“ nicht nur die Kirche aufbauen, sondern das Zusammenleben im Dorf, in der Stadt, ja in der Welt verändern. Angefangen von den lebendigen Grundmauern der Blutzeugen, die ihr Leben für ihren Glauben, für mehr Liebe und Gerechtigkeit eingesetzt haben. Oder „lebendige Steine“ in früheren Jahrhunderten, die Kirche und Gesellschaft aufgebaut haben, gerade, wenn nur mehr Ruinen da waren (z.B. Franziskus oder Katharina von Sienna).

Und darin sind Verantwortliche in der Kirche und in der (Kommunal) Politik gleichermaßen gefordert: Lebendige Steine in der Jugend, unter den Männern und Frauen vor Ort zu erkennen, sich verantwortungs- und liebevoll um diese zu kümmern, zu schauen, dass sie den Platz finden, an dem sie wirklich aufbauen können. Zu sammeln und aufzurichten. Dann kann sich eine Strahlkraft für die ganze Gesellschaft entwickeln, deren Licht nicht von den goldenen barocken Engelchen kommt.

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