Grabskulptur

Die Kunst des (guten) Sterbens

Vier Tage lang, länger als ursprünglich vorgesehen, durfte ich im Zuge einer Kontroll-Untersuchung im Spital liegen und dabei u.a. über Leben, Sterben und Tod nachdenken. Bewusst wurden mir diese „endzeitlichen Gedanken“ in diesen bitteren Zeiten der Pandemie, vor allem als ich erfuhr, dass auch in diesem Hause Menschen an Corona erkrankt daniederliegen, in der Intensivstation betreut werden und vielleicht je nach Schwere der Krankheit dem Tod nahe sind. Welche Gedanken gehen uns durch den Kopf, wenn uns der Tod wirklich nahe ist?

Im späten Mittelalter entstand eine eigene Gattung der „Erbauungsliteratur“, die die Menschen, damals von Seuchen wie der Pest, von Hunger und Krieg umgeben, auf ein gutes Ende ihres Lebens durch einen heilsamen Tod vorbereiten sollte. Diese so genannten „Sterbebüchlein“ der ARS MORIENDI waren also dazu gedacht, den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen und auf ein möglichst gut erfasstes Sterben vorzubereiten. Eigentlich sollten wir vom Anfang unseres Lebens an lernen zu akzeptieren, dass es ein Werden, Sein und Vergehen gibt, und wir sollten daher unser Leben so gestalten, dass wir den von Natur gegebenen Tod ohne Furcht erkennen und annehmen; leider sind wir heute weit von dem entfernt, was Michel de Montaigne (1533–1592) als Philosoph und Humanist damals lehrte: „Philosophieren heißt Sterben lernen“.

Mehr denn je gilt in unseren Tagen durch die weltweit vom Corona-Virus verbreitete Seuche der Satz: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. So beginnt ein einprägsamer Liedtext von Martin Luther (1524), ein Text, der sich angeblich schon in einem Choral um das Jahr 750 findet. So bedrohlich dieser Satz klingen mag, gibt uns der Text von Lothar Zenetti (1971, im Gotteslob 210) mit dem anschaulichen „Bild vom Weizenkorn“ doch wieder tiefe Hoffnung und nachhaltigen Trost, wenn es dort heißt: Das Weizenkorn muss sterben, weil es sonst allein bleibt, einer lebt vom andern, für sich kann keiner sein, wir leben füreinander – und nur die Liebe zählt. Im Kehrvers des Liedes werden wir schließlich an das „Geheimnis unseres Glaubens“ erinnert: Auf diesen Zuruf hin antworten wir kühn und fast schon widersprüchlich mit „im Tod ist das Leben“!  

Nach dem „Fest des Lichtes und der Hoffnung“, nämlich nach dem Osterfest, kann das Motto voll Zuversicht lauten: „Im Tod ist das Leben“! Den Schrecken des Todes gibt es nach der Auferstehung Jesu für Gläubige in Wahrheit nicht mehr! Der Tod gehört zum Leben, ist Teil des Lebens, und wir sollten uns mit ihm vertraut machen; doch verständlich ist auch, dass wir lieber an das Leben als an den Tod denken. Oft beten wir um eine selige Sterbestunde, jedenfalls immer am Schluss des Ave-Maria, wo es heißt: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes“ (früher hieß es „unseres Absterbens“). Besonders tröstlich und hoffnungsfroh wird der Tod in der Präfation der Messe für Verstorbene gepriesen, und dort heißt es: „… Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit. Denn deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet“.

Die ARS MORIENDI des Mittelalters kann auch uns heutige Menschen, die wir zurzeit in der bedrückenden Pandemie leben, aufrichten und helfen – und so möge es ein!

H.T.

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