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In den letzten Tagen und Wochen hat sich viel in Äthiopien getan.

Über das unglaubliche Projekt der Pflanzung von 350 Milionen Bäumen an einem Tag haben wir bereits berichtet. Vor wenigen Tagen ist der Friedensnobelpreis an den Premierminister Äthiopiens, Dr. Abiy Ahmed Ali, für seine Bemühungen um den Friedensprozess mit dem Nachbarland Eritrea vergeben worden. Und seit 5 Tagen dürfen wir einen Priester aus Äthiopien in unserer Pfarre beherbergen. Das sind mehr als genug Gründe um mit Fr. Geteneh Girmache Tesfaye (wir dürfen ihn Fr. Girma rufen) ein Interview zu führen:

 

 Das Interview wurde von Roman Temper am 12.10.2019 geführt.

Ist das Ihr erster Besuch für Sie in Wien?

In Wien ja. Aber ich ging nach Deutschland und war 6 Jahre in Italien. In Wien bin ich erst seit 3 Tagen.

Woher aus Äthiopien kommen Sie?

Ich bin in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba geboren und aufgewachsen. Ich besuchte die Schule im Kloster der Hauptstadt und begann mein Studium der Philosophie und Theologie auch in Addis Abeba, lernte dort einige Priester kennen und beschloss, 2006 auch Priester zu werden. Ich war 3 Jahre Pfarrer in einem Dorf, etwa 300 km von Addis Abeba entfernt. Danach ging ich nach Rom, um kanonisches Recht in einem Masterstudium zu studieren. Jetzt bin ich hier in Wien, um die deutsche Sprache zu lernen, da meine Vorgesetzten den Plan haben, mich nach Deutschland zu schicken, um mich dort um die äthiopische Gemeinschaft zu kümmern.

Gestern war es eine große Überraschung in den Nachrichten als wir erfahren haben, dass der Premierminister von Äthiopien, Dr. Abiy Ahmed Ali, den Friedensnobelpreis 2019 für seine Bemühungen um die friedvolle Beilegung des Konflikts zwischen Äthiopien und Eritrea, erhalten hat. Wie ist Ihr Eindruck, wie wird diese Auszeichnung in Äthiopien wahrgenommen?

Jeder in Äthiopien freut sich über diese Auszeichnung. Nicht nur in Äthiopien, denn diese Auszeichnung ist nicht nur ein Geschenk an Äthiopien, sondern eine Belohnung für alle afrikanischen Nationen. Sie können diese Tatsache daran erkennen, dass alle Staatsoberhäupter bzw. Premierminister nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa und Amerika ihre Glückwünsche und besten Wünsche an Dr.  Abiy geschickt haben. Deshalb sehen alle diese Auszeichnung auch als Zeichen für den guten friedlichen Weg Äthiopiens in den letzten Jahren. Auch in den sozialen Medien hat eine breite Diskussion über diesen Friedenspreis stattgefunden. Viele sind der Meinungen, dass diese Auszeichnung auch ein Zeichen für den gesamten Afrikanischen Kontinent ist. Darüber hinaus ist Dr. Abiy bei den Menschen sehr beliebt, da er ihnen sehr nahe ist. Er besucht Menschen im Gefängnis und in Krankenhäusern sowie alle anderen Menschen, die sich an den Rändern unserer Gesellschaft befinden. Und das macht ihn auch bei Menschen aus anderen Stämmen sehr beliebt.

In der näheren Vergangenheit, wo dieser Friedensprozess stattgefunden hat, war auch die katholische Kirche in Äthiopien ein wichtiger Partner. Können Sie erklären, welche konkrete Rolle die katholische Kirche in Äthiopien in diesem Zusammenhang spielt?

Tatsächlich haben die Regierung von Dr. Abiy und die katholische Kirche in Äthiopien ein sehr gutes Verhältnis. Kardinal Souraphiel (der Metropolit von Äthiopien) ist Vorsitzender des nationalen Friedenskomitees, das den Frieden vor allem zwischen den verschiedenen Stämmen in Äthiopien und allen unseren Nachbarländern fördert. Dieser Friedensausschuss arbeitet sehr gut zusammen, auch wenn die Situation in Äthiopien dadurch gefährdet wird, dass wir etwa 80 verschiedene Stämme haben, von denen jeder seine eigene Sprache, eigene Kultur und eigene Geschichte hat. Jedenfalls versuchen die Ausschussmitglieder, die Menschen davon zu überzeugen, dass es immer die bessere Lösung ist, den Menschen ein gutes Leben und eine gute Bildung zu geben, um sicherzustellen, dass Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Die größten Stämme sind die Amhara und das Oromo, aber es gibt auch viele andere. Es gibt also eine Art Spannung zwischen diesen Stämmen. Die katholische Kirche versucht zu sagen, dass wir unsere Ziele nicht erreichen, ohne ein friedliches Zusammenleben zu führen und den Menschen Bildung zu bieten. Es ist notwendig, Kämpfe zu vermeiden, was nur möglich ist, wenn wir einen Dialog nicht nur zwischen den Stämmen, sondern auch zwischen den Religionen und Konfessionen in Äthiopien führen. Das zeigt auch, dass wir eine solide Basis zwischen Muslimen und allen anderen Religionen sowie allen christlichen Kirchen haben, die in Äthiopien tätig sind.

Äthiopien war auch in den Schlagzeilen in unseren Nachrichten, als Äthiopien einen Weltrekord gewann, da 350 Millionen Bäume an einem Tag gepflanzt wurden. Können Sie uns etwas über dieses Projekt erzählen, da es schwer vorstellbar ist, was es bedeutet, so viele Bäume zu pflanzen und wie die dahinterstehende Logistik funktioniert hat?

Ja, das war eine großartige Initiative von Ministerpräsident Dr. Abiy. Alle waren glücklich über diese Idee und Millionen Menschen unterstützten dieses Projekt. Diese Bäume sind nicht nur in Addis Abeba, sondern im ganzen Land gepflanzt worden. Geplant war, in diesem Jahr weltweit 40 Milliarden Bäume zu pflanzen. Dr. Abiy warb in der Tat für diese grüne Politik, um das Problem der Entwaldung und des Klimawandels anzugehen. Solche Projekte bringen Menschen zusammen, denn wenn es einen guten Plan gibt, überzeugt dies die Menschen, zusammenzuarbeiten, ohne auf die oben genannten Spannungen in der Gesellschaft zu schauen. Daher schätzen die meisten Menschen diese Initiative und sind bereit, sie zu unterstützen.

Das erste Wunder ist es, so viele Menschen zu motivieren, an einem solchen Projekt mit zu arbeiten. Das zweite Wunder ist, wo bekomme ich so viele Bäume her und wo finde ich genug Platz, um so viele Bäume zu pflanzen? Und schließlich, wer kümmert sich um diese jungen Bäume, um sie wachsen zu lassen?

Es ist wichtig zu wissen, dass etwa 80 % der äthiopischen Bevölkerung in der Landwirtschaft leben und arbeiten. So wissen die Menschen, wie man Bäume pflanzt und wie man sie sehr gut behandelt. Der Plan dieses Projekts war nicht nur, einige Bäume irgendwo zu platzieren, sondern auch den richtigen Platz zu finden und sich um die Bäume zu kümmern, bis sie sich so weit entwickelt haben, dass man sie ihrem Schicksal überlassen kann. Es ging nicht darum an einem Tag möglichst viele Bäume zu pflanzen sondern mit dem Pflanzen der Bäume ist auch die Aufgabe verbunden sich darum zu kümmern.

Könnten Sie uns etwas über Äthiopien sagen, was ich erwarten darf, wenn ich dieses Land besuche? Was sind die interessanten Seiten dieses Landes?

Äthiopien ist ganz anders als andere afrikanische Länder. Das Christentum wurde in Äthiopien im 3. Jahrhundert begründet – also schon sehr früh.  Man sieht in Äthiopien, dass auch andere Religionen wie Muslime ein sehr gutes Verhältnis zu den anderen Religionen haben. Es gibt keinen Islamismus oder andere extremistische Strömungen. Auch die verschiedenen christlichen Konfessionen leben und arbeiten auf sehr vielen Ebenen zusammen. In Äthiopien ist es ziemlich normal, eine Familie zu haben, in der der Vater Muslim ist und die Mutter Christin ist, ohne, dass dies nicht funktionieren könnte. Auch die orthodoxe Kirche in Äthiopien hat eine Menge kostbarer Dinge. Zum Beispiel ist die Bundeslade in ihrem Besitz, was viele Menschen dazu bringt, dorthin zu gehen, zu wallfahrten.  Auch die aus Felsen gehauenen Kirchen, die sich im westäthiopischen Hochland in der Nähe der Stadt Lalibela befinden, benannt nach dem König Lalibela aus dem späten 12. und frühen 13. Jahrhundert der Zagwe-Dynastie, der das immense Bauprojekt von 11 felsengehauenen Kirchen in Auftrag gab. Um die heilige Stadt Jerusalem in seinem eigenen Reich nachzubilden. Es ist immer noch ein großer Pilgerort in Äthiopien. Im Allgemeinen ist die äthiopische Kultur eine Einladende für andere.

Auch die Verantwortung in unserer Gesellschaft für Kinder ist ein wenig anders als in Europa. Wenn Sie beispielsweise ein Kind auf der Straße sehen, wird niemand dieses Kind ignorieren, wenn es Hilfe braucht oder etwas Falsches oder Gefährliches tut. Auch wenn es nicht das eigene Kind ist, würde sich jeder darum kümmern. Sie können diese Kinder unterrichten, Sie können sie bei Bedarf bestrafen, so dass der soziale Zusammenhalt und Solidarität schließlich viel stärker ist als in Europa.

Welche Vision sehen Sie für Äthiopien, und was können wir in Europa tun, um es zu unterstützen?

Als katholischer Priester habe ich viele Probleme in Äthiopien gesehen. Zunächst einmal wäre da die Armut. Die katholische Kirche versucht, diese Armut zu beenden. Sie versucht, die Kinder und Jugendlichen zu unterrichten und versucht, die Menschen in vielen Dingen zu erziehen. Dies tun wir gegen alle Unzulänglichkeiten, wie beispielsweise in einigen Bereichen die Kinder unter einem Baum unterrichtet werden und wenn es regnet, können Sie sie nicht unterrichtet werden. Es gibt auch Menschen, die unter der unzureichenden Wasser- und Nahrungsversorgung leiden. Die Kirchen tun also viele Dinge für die Menschen und ihr tägliches Leben, aber wir sind viele Menschen in Äthiopien (etwa 110 Millionen Menschen), was es ziemlich schwierig macht, allen erfolgreich zu helfen. Man kann nicht jedem helfen. Jedenfalls ist jede Aktion in Europa willkommen, die unser Land und die Menschen mit guter Bildung und ausreichender Wasser- und Nahrungsmittelversorgung unterstützt. Wenn diese Basisbedürfnisse befriedigt werden, können wir über eine weitere Entwicklung nachdenken.  Nicht zuletzt ist Bildung das Wichtigste, was wir in Äthiopien unterstützen müssen, denn man gewinnt langfristig, wenn man die Menschen richtig ausbildet. Wenn Sie in Armut und Leid aufgrund fehlender Lebensmittel leben, müssen Sie darüber nachdenken, wie Sie dieses Problem lösen können, bevor Sie über all die anderen Dinge nachdenken können, die die Gesellschaft betreffen. Ihre Art zu denken wird sich ändern, wenn sie ihre Grundbedürfnisse abgedeckt wissen.

Die große Gefahr, die ich für Äthiopiens Zukunft sehe, ist, dass die erwähnten Spannungen zwischen den Stämmen eskalieren. Viele Stämme behaupten, dass sie die beste Lösung für alle Menschen haben, und viele Menschen in Äthiopien sagen, dass diese Spannung in einem Bürgerkrieg enden wird, und das ist auch meine persönliche Angst. Aber ich hoffe, und alle Kirchen in Äthiopien beten dafür, eine solche Eskalation zu vermeiden.

Tatsächlich unterscheidet sich Äthiopien von anderen Ländern Afrikas, da Äthiopien eine 3.000-jährige Geschichte hat, wo unser Land in dieser langen Zeit nie militärisch besetzt war, außer von Italien im 20. Jahrhundert - aber nur für 5 Jahre.  Auch fand in Äthiopien keine Kolonialisierung statt, was für die meisten anderen afrikanischen Staaten nicht der Fall ist. Dies macht einen großen Unterschied in unserer Denkweise und sozialen sowie kulturellen Entwicklung, da wir zum Beispiel noch immer unser eigenes Alphabet, Zahlen und Sprachen haben. Solche Dinge gäbe es nicht mehr, wenn wir eine ähnliche Geschichte wie andere Länder in Afrika gehabt hätten. Die meisten Länder Afrikas sind stolz darauf. Deshalb haben wir das Hauptquartier der Afrikanischen Nationen in Äthiopien und andere Länder sagen: "Äthiopien ist unser Stolz".

Fr. Girma, vielen Dank für dieses Gespräch. Die besten Wünsche und der Segen Gottes für Ihre Zukunft.

 

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